„Habe ich ein Alkoholproblem?“: Aida Loos über Nüchternsein als Laster
"Habe ich ein Alkoholproblem?" In Österreich? Ich bitte Sie. Ein Alkoholproblem hat man hier erst, wenn der Wein aus ist. Und man trinkt keineswegs, weil man unglücklich ist, sondern weil einem das Glück verdächtig vorkommt. Dieses grelle, zügige Gefühl, das einen beschleicht, bevor die nächste Enttäuschung eintrifft. Man ist in diesem Land klug genug, diesem Glück zuvorzukommen. Mit einem Viertel. Präventiv. Das Nüchternsein ist hier das eigentliche Laster. Das wirft Fragen auf. Unangenehme.
Aber schön, dass Sie fragen. Der wahrhaft Süchtige, stellt diese Frage nie, denn sie verlangt einen letzten Rest Selbstbeobachtung, und den hat er längst an die Flasche verpfändet.
Wer sein Laster zur Diagnose erhebt, hat keine Sucht, sondern eine Sehnsucht nach Erlaubnis. Die bekommen Sie bei mir nicht, aber besichtigen wir die Lage. Sie trinken. Gut. Sie trinken gern. Besser.
Aber Sie bereuen es am nächsten Morgen?
Wie aufwendig. Und wie kleinlich! Der Kater ist nichts als der Neid des Körpers auf die Seele, die sich am Abend prächtig amüsiert hat, während er arbeiten musste.
Aber Ihre Leber? Trösten Sie sich. Die Leber wächst nach. Sie ist das einzige Organ, das verzeiht, und ausgerechnet die haben wir zur Mahnerin bestellt. Welch Undank gegen so ein gnädiges Stück Fleisch. Dem Herzen wächst nichts nach. Aber das Herz hat ja auch nie getrunken. Es hat nur geschlagen, brav und blöd, bis es eines Tages aufhörte, ohne je gelebt zu haben.
Aber die anderen sorgen sich schon um Sie?
Wie schmeichelhaft. Die Bourgeoisie hat die Enthaltsamkeit entdeckt, wie sie stets alles entdeckt: als Statussymbol. Lassen Sie mich raten, wer da besorgt die Stirn runzelt: jene, deren verwegenstes Laster ein zweites Stück Torte ist, das sie im nächsten Moment in einer App entsühnen. Die nur anstoßen mit alkoholfreiem Sekt, dem traurigsten Getränk aller Zeiten.
Aber die anderen sorgen sich schon um Sie? Wie schmeichelhaft. Die Bourgeoisie hat die Enthaltsamkeit entdeckt, wie sie stets alles entdeckt: als Statussymbol. Lassen Sie mich raten, wer da besorgt die Stirn runzelt: jene, deren verwegenstes Laster ein zweites Stück Torte ist, das sie im nächsten Moment in einer App entsühnen. Die nur anstoßen mit alkoholfreiem Sekt, dem traurigsten Getränk aller Zeiten. Einem Sprudel, dem man die Seele entzogen und die Kalorien gelassen hat. Und Ihnen dann darlegen, wie klar sie nun alles sehen. Sehen Sie ruhig weiter unklar. Die Welt gewinnt durch Schärfe nicht. Sie wird davon nur sichtbarer, und das hat sie nicht verdient.
Und die Moral?
Die hängt, wie stets, am Kontostand. Trinkt der Bankier, so reift in ihm der Kenner. Trinkt der Arbeiter, so verfällt in ihm der Mensch. Dieselbe Leber, zweierlei Urteil. Der Unterschied heißt nicht Charakter, sondern Bonität. Das eine nennt man „Weinkultur“, das andere „Verwahrlosung“, und das einzig Verlässliche daran ist, wer welches Etikett von „den anderen“ verpasst bekommt.
Doch doch, ich nehme Sie sogar sehr ernst, aber mich interessiert nicht Ihre Reue oder Leber, sondern die Architektur Ihres Tages, die Sie brauchen, damit das Trinken sich verdient anfühlt. Das Leiden vor dem Glas. Das kleine, sorgfältig konstruierte Elend, das Sie sich stündlich einreden, damit der Abend seine Berechtigung hat. Sie trinken nicht, weil das Leben unerträglich ist. Sie trinken, weil Sie das Leben unerträglich gestalten, damit das Trinken seine Unschuld behält. Das ist keine Sucht. Das ist Dramaturgie. Und ich sage Ihnen: Sie sind kein schlechter Mensch. Sie sind bloß eine schlechte Dramaturgin.
Was ich Ihnen rate?
Fragen Sie sich nicht, ob Sie zu viel trinken, sondern warum die Alternative zu wenig anbietet. So, das macht dann 280 Euro. Zahlen Sie bitte bar. Mein Kartengerät hat keinen Akku mehr. Ausg’steckt is.
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