Freudvoll beim Wolfgang-Ambros-Konzert: Aida Loos beobachtet
Ich bin am Rathausplatz beim Wienliebe-Festival. Die Veranstaltung ist gratis und ihr Name klingt wie eine Selbsthilfegruppe, deren Mitglieder nie aufgehört haben, das Problem zu lieben. Der Ambros betritt die Bühne und sagt: „Heit gibt’s nur oide Liada und sehr oide Liada.“ Ein Aufatmen geht durch die Menge, wie wenn der Hausarzt sagt: „Ihre Leberwerte sind ganz normal für Ihr Alter.“ Niemand will Neues. Neues bedeutet Zukunft, und Zukunft, das weiß hier jeder, ist nur die Vorstufe zur Vergangenheit, und die Vergangenheit ist das Einzige, was in Wien nicht teurer wird.
Das Publikum sieht zu einem großen Teil aus, als hätte Manfred Deix einen Reisebus gechartert. Männer mit Glatzen, die im Scheinwerferlicht glänzen wie hart gekochte Ostereier und dabei den Rathausturm widerspiegeln. Eheringe, so tief ins Fleisch eingewachsen, dass man sie nur noch chirurgisch oder testamentarisch wieder loswird. Vor mir steht eine Frau mit einem Tattoo am Knöchel, das einmal ein Delfin war und jetzt, nach all den Jahren, aussieht wie ein depressiver Wal.
Daneben ihr Mann mit einem fleischigen Nacken, in dessen Speckfalte sie ihr Sparbuch verstecken könnte, aber stattdessen quillt dort eine Warze hervor, mit drei einzelnen Haaren, die sich tapfer halten wie die letzten Gäste nach der Sperrstunde. Er trommelt mit, auf einem unsichtbaren Schlagzeug, und bei jedem Schlag wackelt sein Doppelkinn einen Takt zu spät hinterher, wie ein schlecht synchronisierter Film.
Küsse
Mitten in „Wintersunn“ prostet er ihr mit seinem Bier im Plastikbecher zu, und es sieht aus wie eine Harnprobe, die er bei ihr abzuliefern hat. Dann singt er ihr den Refrain ins Ohr: „Du bist wia die Wintersunn, die nur an manchen Tagen scheint.“ Sie verdreht die Augen und beweist in Echtzeit, dass heute keiner davon ist. Dann küssen sie sich. Mit Zunge. Lang und mit der Präzision von Leuten, die das schon tausendmal gemacht haben und dabei nie schlampig geworden sind. Es ist rührend. Es ist auch ein bissi grauslich.
Weiter vorne steht die Blume aus dem Gemeindebau, wie aus dem Lied gefallen. Ungefähr siebzig, mit einer akkurat gebügelten Bluse von floraler Üppigkeit und Augen, so blau wie ein Stadlauer Ziegelteich, in dem schon viele ersoffen sind. Sie singt nicht mit. Sie blüht vor sich hin und lässt sich besingen. Sie stellt allen großzügig ihre bloße Anwesenheit zur Verfügung, als wäre das Konzert nur für sie und der Ambros nur hier, um wie alle anderen daran zu scheitern, sie umtopfen zu wollen.
Ambros singt „Es lebe der Zentralfriedhof“, und das Publikum bebt.
Endlich der Tod
Das Gratiskonzert wird schlagartig zur fröhlichsten Trauerfeier des Jahres. Dann „Schifoan“ als Zugabe. Die österreichische Gefühlsarchitektur in zwei Liedern: erst kollektiv sterben, dann kollektiv wedeln. Keine Überleitung, keine Verarbeitung, keine Therapie. Einfach: Tod, erledigt, Piste, juhuu! Die Wintersonnen lösen ihren Zungenkuss und brüllen mit. Die Blume gestattet sich die Andeutung einer Bewegung, und auch ich singe mit. Ich hasse Skifahren, aber jetzt gröle ich das Lied, als wär die Gondel mein Geburtshaus.
Zum Schluss stellt Ambros seine Band vor. Bei der Jacqueline fällt ihm der Nachname nicht ein. Er rettet sich, indem er so tut, als wäre Jacqueline ein vollständiges Konzept, das keinen weiteren Namen braucht. Wie Madonna, wie Cher, wie da Hofa.
Das Publikum lacht und applaudiert, weil seine Fehler charmant sind und sein Vergessen ein Geschenk an alle ist, die auch vergessen. Ich bin freudvoll, denn ich spüre eine Liebe, die nur für wenige Dinge gilt und für Ambros vollständig stimmt. Es ist eine irrationale Liebe, für die Wien kein besseres Wort hat als Wien.
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