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Freudvoll beim Bachmannpreis: Warum Aida Loos im Wohnzimmer feiert

Kabarettistin Aida Loos sucht ihren Ernst des Lebens und lacht sich dabei kaputt. Dieses Mal: Preisverleihung daheim allein.
Aida Loos
Illustration freudvoll

Ich hatte mich, in einem Anfall von Ernsthaftigkeit, der mir im Nachhinein beinahe peinlich ist, mit eingeschriebenen Briefen um die Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Preis beworben. Nun ist der Einschreibebrief der Frack unter den Sendungsarten: Etwas umständlich, etwas teurer, aber man signalisiert damit, dass man es ernst meint. Und ich meinte es ernst. Ein Brief ist heute zurückgekehrt. Er wirkt erholt. Und das, obwohl er tot ist, bevor er je gelebt hat, was ihn formal zu Literatur macht und inhaltlich sogar zur österreichischen. Der Vermerk lautet: NICHT BEHOBEN.

Man darf annehmen, dass die Energie, die hierfür aufzuwenden gewesen wäre, anderweitig verwendet wurde. Für Debatten über Literaturbegriffe, vielleicht, oder für die Frage, ob die diesjährigen Lachsbrötchen dem Geist Ingeborg Bachmanns Genüge tun.

Kafka hätte geweint 

Bernhard hätte gelacht. Bachmann hätte geraucht. Ich hingegen öffne feierlich eine Flasche Champagner, die ich für den Sieg eingekühlt hatte, und stelle die Verleihung des Preises im Wohnzimmer nach. Zuerst lese ich meinen zurückgekehrten Text, diesen literarischen Bumerang, der „Nussdorfer Straße“ heißt, laut vor.

Es ist die Geschichte eines vierjährigen Mädchens, das einen Kübel Joghurt in ein Aquarium leert, weil es glaubt, Liebe bestehe darin, das Beste zu teilen. Sie teilt das Beste, und das Beste tötet. Es ist ihr Debüt als Verursacherin von Katastrophen, und das Mädchen bin möglicherweise ich. Ich lese mit jener Pausensetzung, die suggeriert, dass gleich etwas Bedeutendes kommt. Es kommt nichts, aber das ist ja der Trick. Mein Hund verlässt den Raum. Ich notiere: erster Verriss. Die Heizung hingegen gluckert beifällig.

Dann werde ich die Jury und kritisiere. Sieben Personen. Alle ich. Ich eröffne die Diskussion mit der Streitfrage, ob ein Komma trotzig sein darf. 

Als Schweizer Juror binde ich mir einen Pullover um den Hals, weil ich will, dass jeder weiß, dass ich auch segeln könnte, wenn ich nur wollte. „Nussdorfer Straße“, beginne ich mit jener gequälten Miene, die ankündigt, dass gleich etwas Vernichtendes kommt, „leistet nicht, was er sich vornimmt.“

Als Jurorin aus Deutschland präzisiere ich: „Der Text verweigert sich konsequent.“ Ich sage das Wort „verweigert“ so, wie andere „Geliebter“ sagen. Ich bin verliebt in die Verweigerung. Der Text hat sich noch nicht mal entschieden, wem er sich verweigert, aber ich hab ihm schon einen Ring gekauft. 

Als österreichischer Juror sage ich gar nichts und bestelle ein Achterl.

Ich kontere, dass sich mein Text weder verweigert noch etwas vorgenommen hat, weil Texte sich nichts vornehmen. Das tun nur Menschen, und auch die selten erfolgreich. Menschen nehmen sich zum Beispiel vor, über die Qualität von Sprache zu richten, und verweigern dann, die Sprache der Post zu lesen. Die lautet: Bitte abholen. Schalter 3, Mo–Fr, 8–18 Uhr. Alle nicken. Ich nicke auch, weil ich ja alle bin.

Gegen Mitternacht vergebe ich mir den Bachmannpreis

Einstimmig. Ich hole meine Urkunde aus der Küche. Es ist ein alter Strafzettel. Als Trophäe fische ich einen Eierbecher aus dem Geschirrspüler, an dem noch etwas Dotter klebt. Man könnte auch sagen: Der Eierbecher verweigert sich nicht und leistet, was er sich vornimmt. Gegen halb eins entziehe ich mir den Preis wieder wegen kultureller Aneignung.

Ich bin entsetzt. Ich bin geschmeichelt. Vor allem aber bin ich freudvoll. Der Literaturbetrieb ist vollständig im Wohnzimmer reproduzierbar, samt Eitelkeit und Kater. Man spart sich nur die Anreise. Und den Frack.

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