„Ich will die Scheidung“: Aida Loos stellt die richtigen Fragen
"Ich will die Scheidung"!
Endlich! Endlich ein Satz, den Sie selbst zu Ende denken. Und dann wollen Sie auch gleich etwas! Die meisten Menschen wollen ja gar nichts mehr, die möchten nur noch. Aber Sie wollen! Setzen Sie sich, mein liebes Raubtier. Oder bleiben Sie stehen, ganz wie Sie wollen. Das Schöne an der Scheidung ist ja, dass es endlich wieder Ihre Entscheidung ist, wo Ihr Hintern landet.
Wie lange sind Sie denn verheiratet?
14 Jahre? Dann steckt Ihre Ehe ja mitten in der Pubertät. Und wann ist Ihre Liebe gestorben? Es ist einfach passiert? Teuerste, nichts passiert einfach. Selbst ein Soufflé fällt nur zusammen, weil jemand zur falschen Zeit die Ofentür geöffnet hat.
Erzählen Sie mir von dem Moment, in dem Sie erkannten, dass Sie nicht mit ihm alt werden, sondern von ihm. Was war die Ofentür Ihrer Liebe? Sie haben sich einfach auseinandergelebt? Das ist kein Grund. Das ist eine Errungenschaft. 14 Jahre haben Sie gebraucht, um diesen Menschen so weit wegzuschieben, dass Sie ihn endlich ertragen, und jetzt, wo er die richtige Entfernung hat, wollen Sie ihn ganz verlieren? Undankbar.
Hat er Sie denn betrogen?
Nein? Mein Beileid. Ein Mensch, der nie in Versuchung gerät, war nie interessant genug, um verführt zu werden. Sie haben 14 Jahre lang einen Tresor bewacht, in dem nichts liegt. Aber er ist ein guter Mann? Oje. Gute Männer sind die zähesten. Schlechte Männer kann man verlassen, aber bei guten Männern muss man es begründen, weil sie eben gut sind, und zwar in der vollen Katastrophe, die das impliziert.
Was Sie jetzt tun sollen? Das ist eine merkwürdige Frage an jemanden, dem man gerade mitgeteilt hat, was man tun will. Gegenfrage: Wenn er morgen stirbt, ist Ihr erster Gedanke dann Trauer oder Erleichterung wegen der Witwenpension? Denken Sie nach. Ich warte. Aber Sie weinen! Ist die Witwenpension denn so gering? Sie weinen wegen der Kinder? Der Evergreen! Die Kinder sind ja das letzte Argument für die erste Ehe und das erste Argument gegen die zweite. Erlauben Sie mir eine Beobachtung: Kinder sind nicht dumm, sie sind nur klein. Sie wachsen nicht im Frieden auf, sondern in der Wahrheit, und ein Haus voller höflicher Hass ist schwerer erträglich als zwei Wohnungen voller ehrlicher Ruhe.
Er weint auch?
Verständlich. Wissen Sie, niemand kennt einen so gut wie der Mensch, der einen verlässt, und genau das ist das Bittere daran: Das Urteil stammt von der bestinformiertesten Quelle. Trocknen Sie beide Ihre Tränen und sehen Sie die Scheidung als ein Lektorat des eigenen Lebens: Man streicht die Kapitel, die ermüden, behält die guten Sätze, übergibt die Fußnoten dem Anwalt und schreibt den Klappentext endlich selbst.
Sie haben aber finanzielle Bedenken? Also gut, Sie werden lernen müssen, dass Würde und Wohnfläche in einem Wechselkurs zueinander stehen. Sie kaufen sich mit der Scheidung die Selbstachtung zurück und zahlen sie in Quadratmetern ab. Und Sie werden diesen herzzerreißenden Moment ertragen müssen, in dem Sie zum ersten Mal eine Glühbirne allein wechseln und feststellen: Ah, dafür war er also! Nicht für die Liebe. Für die Höhe.
Was ich Ihnen rate? Gehen Sie und glauben Sie ja nicht, dass es beim nächsten Mal anders wird. Es wird nicht anders. Sie nehmen sich ja mit. Und Glück, Teuerste, ist keine eheliche Pflicht, sondern ein Privatvergnügen, das man entweder alleine findet oder gar nicht.
So, das macht dann 280 Euro. Zahlen Sie bitte bar. Kreditkarten sind für Menschen, die in der Vergangenheit leben. Sie leben ab heute in der Zukunft.
Kommentare