Stadtfasten statt Fasten: Die Grenzen der Askesebelastbarkeit

Wenn man wirklich aus der Reihe tanzen und sich etwas versagen will, müsste man eigentlich Fastenfasten.
Birgit Braunrath
Clear soup with fresh parsley

Der Fastentrip, auf dem sich die Stadt gerade befindet, ist nicht meine Welt. Dieser Tage hab ich dort kurz vorbeigeschaut und jede Menge Menschen angetroffen, die derzeit publikumswirksam Fleischfasten, Zuckerfasten, Kaffeefasten, Low-Carb-Fasten, Netflixfasten, Alkoholfasten, Autofasten, Sexfasten, Social-Media-Fasten, Handyfasten ...

Wenn man dort wirklich aus der Reihe tanzen und sich etwas versagen will, das derzeit alle anderen tun, müsste man eigentlich Fastenfasten – also darauf verzichten, ein plakatives Fastenbekenntnis vor sich herzutragen und die eigene Askesebelastbarkeitsgrenze zu promoten.

Was mir als Fastenidee tatsächlich gut gefallen hätte, wäre ein – zumindest 24-stündiges – parteiübergreifendes Polit-Hickhack-Fasten gewesen. Aber dafür gibt sich in meiner Stadt derzeit niemand her. So weit reicht die Askesebelastbarkeitsgrenze dann doch nicht.

Wo kämen wir denn hin, wenn wir den anderen in der Fastenzeit einen ganzen Tag lang nicht absichtlich missverstehen, missinterpretieren und miesmachen würden? Womöglich gar in eine konstruktive Zusammenarbeit, die zu Erfolgen führen könnte, die man dem anderen dann keinesfalls gönnt.

Also entschied ich mich fürs Stadtfasten und fuhr zurück aufs Land.

Kein Traktor- oder Messweinfasten

Der Vergleich fiel eindeutig aus: Keine Spur von der städtischen Fasten-Avantgarde hier auf dem Land.

Die Leute fahren zwar auch weniger Kilometer, aber nicht etwa, weil sie Auto- oder Traktorfasten würden, sondern, weil die Spritpreise so hoch sind.

Das Alkoholfasten hat sich hier auch nicht durchgesetzt. Schließlich trinkt auch der Herr Pfarrer während der heiligen Messe einen Schluck, das kann also nicht schaden.

Die Menschen hier kommen auch nicht auf die Idee, stundenlang Serien zu schauen – nicht etwa, weil sie Netflixfasten, sondern weil sie keine Zeit zum Endlos-Serien-Streamen haben, gerade jetzt, wo ausgesät wird, Pflänzchen gezogen, Bäume geschnitten, Gärten und Hochbeete ausgewintert werden.

Es gibt hier in der Gegend einen einzigen Mann, der tatsächlich einmal im Jahr fastet, indem er irgendwann während der Fastenzeit zehn Tage lang gar nichts isst. Aber der tut das schon seit mehr als 30 Jahren und ist erst vor 20 Jahren hierhergezogen. Somit handelt es sich beim jährlichen Fasten um ein Überbleibsel seines einstigen Städter-Ichs. Die Leute auf dem Land haben sich daran gewöhnt, beobachten den Mann aber nach wie vor argwöhnisch beim Nichts-Essen. Und niemand kam bisher auf die Idee, es ihm gleichzutun.

Man fastet hier schon auch, aber maximal mit leichter Fleischkonsum-Selbstbeschränkung, was beim gemeinsamen Jausnen nicht weiter ins Gewicht fällt, solange zumindest ausreichend Käse, dreierlei Salate, Butter, frisches Sauerteigbrot und anschließend ein Kuchensortiment auf den Tisch kommen. Damit lässt sich der Fleischverzicht eine Zeit lang überleben. Und der Osterschinken kommt bestimmt.

Kommentare