Ein Tag ohne Strom: Wie man den Ausnahmezustand mögen kann

Schneechaos im Südburgenland klingt ein bisschen wie Dachlawinenalarm in der Sahara, aber es war tatsächlich so.
Birgit Braunrath
Bäume fallen wegen des schweren Schnees um

Stell dir vor, du wachst auf, und es gibt keinen Strom. So war es bei uns vergangenen Freitag. Ein Blackout? Eher ein „Whiteout“. Denn es lag so viel Schnee, dass wir das Hoftor kaum aufbrachten, um Brennholz aus dem Schuppen zu holen. Und es schneite weiter. Umstürzte Bäume, beschädigte Stromleitungen, dann eine Handy-Warnung, man solle zu Hause bleiben. Niemand wusste, ob und wann der Strom zurückkommt.

Gerade als der Frühling ums Eck schaute, die Vögel lauter wurden und auf der Wiese ein gelber Primelteppich wuchs, kam der tiefe Winter. Und so erlebten wir am vergangenen Wochenende etwas, das es gar nicht gibt: ein Schneechaos im Südburgenland (klingt ein bisschen wie Dachlawinenalarm in der Sahara, aber es war tatsächlich so).

Gesperrt

Für uns bedeutete das schließlich elf Stunden ohne Strom (im Nachbarort noch deutlich mehr), außerdem gesperrte Wege und Straßen – entweder weil umgebrochene Bäume diese direkt blockierten, oder weil die Gefahr herabbrechender Äste sie aus Sicherheitsgründen unpassierbar machte. Fast kniehoch lag schwerer Neuschnee, durch den wir uns die steile Streuobstwiese hinunterarbeiteten, nur, um zu sehen, dass einige alte Obstbäume gebrochen, andere sogar entwurzelt waren.

Man hat ja auf dem Land vielfältige Sorgen, wenn’s um das Wohl der Obstbäume geht: Spätfrost, Hagel, Schädlinge, Baumkrankheiten, Sturm, Nachbars Motorsäge ... Aber mit Schneebruch rechnet hier wirklich niemand.

Der geordnete Ausnahmezustand

Fast so schnell, wie er gefallen war, taute der Schnee auch wieder weg. Der Frühling griff durch. Und seither liegt das Geräusch von Motorsägen in der Luft. In jedem Garten werden umgefallene Bäume und gebrochene Äste beseitigt. Wahrscheinlich zwitschern inzwischen auch die Vögel wieder lautstark, aber die Motorsägen übertönen sie.

Nach wie vor sind manche Straßen kurzfristig gesperrt, während das Schnee-Baummassaker behoben wird, gebrochene Stämme zerkleinert und abtransportiert werden. Aber sonst ist wieder Normalität eingekehrt.

Man hält sich hier auf dem Land nicht lang mit Jammern auf, man hält lieber zusammen. Da wir mit Holz heizen und kochen konnten, boten wir Nachbarschaftshilfe an. Einige Nachbarn riefen bei uns an, um zu fragen, ob wir Hilfe brauchen. Die Gemeinde richtete umgehend einen Stützpunkt ein, wo man sich wärmen, das Handy laden, heißes Wasser holen und Menschen treffen konnte. Die Feuerwehrleute und die Einsatzteams des Energiebetreibers waren überall gleichzeitig. Und so verlief der Ausnahmezustand relativ unspektakulär, verglichen mit der Aufregung, die drei Zentimeter Neuschnee in der Stadt erzeugen. 

Enttäuschung

Als die Sonne unterging, stellten wir Kerzen auf und bauten uns ein Nachtlager beim Holzofen. Ich begann den Ausnahmezustand fast zu mögen, ihn romantisch zu finden. Da flackerte eine Deckenleuchte – Sekunden später war der Strom zurück. Wir räumten die Kerzen und das Notnachtlager weg. Und ich sagte enttäuscht: „Das holen wir nach!“

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