Kolumnen
08.07.2018

fabelhafte welt

Ganz nah beieinander.

Vea Kaiser über Fußball.

Seit meiner Erweckung im vorpubertären Alter habe ich keine Weltmeisterschaft so wenig mitverfolgt wie die heurige. Das liegt einerseits am Roman, der bis August fertig werden muss, hauptsächlich allerdings am Dottore Amore. Ich schaute aus Rücksicht auf ihn kaum Spiele, denn seine geliebte Squadra Azzurra, der Stolz des Italieners, hat sich nicht qualifiziert. Seine andauernde Wehmut ist faszinierend, als österreichischer Fußballfan kennt man das nicht. Wir sind gewöhnt, nicht dabei zu sein. Der Dottore hingegen stößt jedes Mal, wenn er 22 Mannen einem Ball hinterherlaufen sieht, einen leisen Seufzer aus. Als hätte ich ihm erzählt, wir hätten keinen Espresso zuhause oder er dürfe nie wieder Pasta essen.

Nachdem Deutschland mit einer blamablen Vorstellung von den Südkoreanern aus dem Turnier gekickt worden war, hatte ich kurz gehofft, diese Wendung würde ihn aufheitern. Immerhin waren die deutschen Medien nach dem Ausscheiden Italiens vor Häme übergequollen. Doch der Dottore Amore blieb unbeeindruckt. „Das ist kein Sportsgeist, sich über den Misserfolg anderer zu freuen!“ Womit er Recht hat. In kaum einem anderen Bereich des Lebens liegen Freud und Leid so eng beieinander wie beim Fußball. Meine deutschen Freunde, mit denen ich jenes Spiel sah, weinten bitterlich, während zur gleichen Zeit alle in Mexiko lebenden Koreaner eine staatliche Tequila-Rente zugesichert bekamen, denn der Sieg der Koreaner bescherte Mexiko das Weiterkommen. Im Fußball ist alles möglich. Die nächste WM findet überhaupt in der Wüste statt, und wer weiß, was uns da erwartet? Ich jedenfalls habe meine WM-Abstinenz seither beendet und genieße die Spiele voller Leidenschaft, während der Dottore Amore gequält neben mir wimmert. Tja, das ist halt Fußball! Da sitzen Freud und Leid auch manchmal eng beieinander.

vea.kaiser@kurier.at