Kolumnen
16.07.2018

Eine der Coolsten

"Stadtgeflüster". "Ich stand vor diesem Haus in der Brigittenau, schaute es zunächst an und dann hinauf zum Dachgeschoß."

Zwei Mal in meinem Leben war mir schlecht vor Aufregung. Das erste Mal in der Straßenbahn auf dem Weg zur Studienabschlussprüfung. Das zweite Mal am 4. Mai 2017.

Obwohl ich meistens spät dran bin, saß ich an diesem Tag viel zu früh in der U4. Ich war viel zu früh bei der Station Friedensbrücke, und obwohl ich wirklich langsam ging, kam ich viel zu früh beim richtigen Haus an.

Ich stand dann vor diesem Haus in der Brigittenau, schaute es zunächst einmal an und dann hinauf zum Dachgeschoß, wo mein Interview stattfinden sollte. Ich stellte mir vor, wie die Bewohner des Gemeindebaus gegenüber sie zufällig beim Einkaufen trafen. Bevor ich klingelte, holte ich noch einmal Luft. Milosevic stand da. Und ein paar Reihen darüber: Nöstlinger.

Damals war Christine Nöstlinger nicht mehr so gut zu Fuß. Zum Interview trafen wir uns deshalb in ihrer Wohnung. Sie kam mir mit ihrem Rollator entgegen, und während sie mich in die Küche führte, beschwerte sie sich über eine Taube, die ihr auf der Terrasse alles angeschissen hatte. Wir setzten uns an ihren großen Esstisch, auf dem eine aktuelle Ausgabe der Zeit lag und ein Aschenbecher stand.

Dass ich an diesem Tag aufgeregt war, lag nicht nur daran, dass ich einer Heldin meiner Kindheit Fragen stellen durfte, sondern auch, dass sie mich dazu in ihren höchstpersönlichen Lebensbereich eingeladen hatte (entspannt war ich, als ich bemerkte, dass sie die gleiche Kaffeemaschine wie ich hatte – nur in einer anderen Farbe).

In ihren Büchern zeigte Christine Nöstlinger Generationen von Kindern, dass auch große, rothaarige Mädchen cool sind und dass Eltern manchmal streiten. Dass man frech sein und die Oma auch einmal nervig finden darf.

Nöstlinger nannte die Dinge stets beim Namen. Sie ließ uns wissen, welche Politik(er) sie nicht leiden konnte und was sie von Helikopter-Eltern hielt. Sie verspottete jene, die Feministinnen für „Emanzen“ hielten und verheimlichte nicht, dass sie ewig leben wollte. Christine Nöstlinger war eine der Coolsten. Sie fehlt jetzt schon.