Kolumnen
12/14/2019

Die Kekse sind aus oder: Das Ende einer Illusion

"ÜberLeben": Die Kekse von A. und M. schmeckten niemandem - und werden dennoch allen fehlen.

von Guido Tartarotti

Die Weihnachtskekse von A. und M. werden mir fehlen. Nicht weil sie gut waren, im Gegenteil. A. und M. konnten vieles, Keksebacken gehörte nie dazu. Sie kannten  genau zwei Keksrezepte. Das eine war für Kekse aus trockenem Teig mit Schokolade, das andere für Kekse aus Schokolade mit trockenem Teig.  Die Kekse schmeckten nach Styropor und Rigips und zuviel Backpulver, man konnte sie nur essen, indem man sie drei Tage lang in heißem Wasser einlegte und anschließend mit einem Pressluftbohrer zerkleinerte.

A. und M. fanden ihre Kekse großartig.

Jedes Jahre backten sie Unmengen von Keksen (Frage: Warum gibt es eigentlich Unmengen, Unmenschen, Untiere, Unholde, Unkräuter, Undinge, aber keine Unpflanzen? Wurscht). Sie verschenkten sie im Freundeskreis, aber nur wenige davon – worüber der Freundeskreis keineswegs traurig war.

A. und M. aßen die meisten ihrer Kekse selber auf, und das wirklich gerne. Denn sie schmeckten in ihren Keksen die entscheidende Zutat: Liebe. Das Keksebacken war für A. und M. ein Ritual ihrer Zuneigung, jedes Jahr kauften sie freudestrahlend alles ein, was sie für ihre Kekse brauchten, holten ihre  falsch messende Küchenwaage heraus und verwandelten die Küche in ein Schlachtfeld. Bis Anfang Februar ernährten sie sich nur von Keksen und Liebe und waren glücklich.

Vor zwei Jahren verließ die A. den M., denn sie hatte einen anderen Mann kennengelernt, seitdem gibt es keine Kekse mehr, und alle im Freundeskreis sagten: Jaja, eine hässliche Trennung, aber ein Gutes hat sie, wir müssen die Kekse nicht mehr essen. Aber das ist eine Lüge, denn in Wahrheit vermissen alle die Kekse, weil mit ihnen eine schöne Illusion verloren gegangen ist.

 

Die KURIER-Kolumnisten Guido Tartarotti und Birgit Braunrath bringen am 16. 12. in der Kulisse Wien amüsante Weihnachtsgeschichten unter dem Titel „Glücklich geschieden – Das Krippenspiel“.