Kolumnen
28.04.2018

Der Schein

"ÜberLeben": Fahrprüfungen sind eine interessante Sache, heute wie damals.

Eine Fahrprüfung. Der Prüfling (blödes Wort, klingt wie ein Pilz) fährt in der 50er-Zone 45 km/h. Der Prüfer: „Das ist falsch, bei der dichten Verkehrslage behinderst du mit diesem Tempo den Verkehr.“ Nächste Prüfung. Der Prüfling fährt in der 50er-Zone 48 km/h. Der Prüfer: „Das ist falsch, bei der dichten Verkehrslage ist das Tempo zu hoch gewählt.“

Für diese Situation gibt es im Gegenwartsdeutsch ein schönes, passendes Wort: Oida!

Ich erinnere mich noch gut an meine Fahrprüfung vor 30 Jahren. Ich hatte von Kindheit an ein durch Desinteresse geprägtes Nichtverhältnis zum Auto. Ich fand Autos laut, schiach, übel riechend und gefährlich und war stets irritiert davon, wie viele Menschen zu aggressiven Koffern werden, sobald sie die Autotüre zumachen. Ich wollte an diesem System nicht teilnehmen. Leider hatte ich aber vor 30 Jahren eine Freundin, an der ich sehr hing, die mir sagte, ein Mann ohne Führerschein sei kein Mann. Als ich dann die zweite Fahrstunde hatte, waren wir schon kein Paar mehr.

Ich absolvierte meine Fahrstunden mit Verachtung und schaute bis zehn Stunden vor der Prüfung kein einziges Mal ins Theoriebuch. Ich bestand trotzdem, weil ich gut reden konnte und durch pures Geschwafel den Eindruck erweckte,  mich auszukennen. Bei der praktischen Prüfung wurde ich dann gefragt, wo die Anhängerkupplung sei. Ich hatte das Wort noch nie zuvor gehört, sagte aber kühn „hinten“, und das reichte. Beim Fahren rettete mich der Fahrlehrer bei jedem Spurwechsel durch heimliches Gasgeben, und beim Einparken bekam ich eine ca. 100 Meter lange „Parklücke“, die ich selbst mit einem Flugzeugträger getroffen hätte.

Man gab mir damals tatsächlich den Führerschein, obwohl ich kaum fahren konnte.
Der eingangs erwähnte Prüfling bekam ihn schon zum dritten Mal nicht, obwohl er ungefähr Tausend Mal besser fährt als ich damals (und sicher besser als jeder zweite Verkehrsteilnehmer, der seit Jahren den  Schein hat).