Kolumnen
22.04.2018

Chaos de Luxe: In der Plauderwüste

Aber von irgendwoher kenn' ich Sie ...

Polly Adler über die entsetzliche Fadesse in manchen Gesprächen

Und, wie geht's so ... auch gut ... endlich wieder Frühling, naja der Winter war schon besonders lang ... aber von irgendwoher kenn' ich Sie ... wirklich nicht? ... Ich könnte schwören ... nein, gell, der Trump ist der blanke Wahnsinn, man versteht die Welt nicht mehr ... und wo geht's heuer im Urlaub hin? ... Sie stehen schief ... wenn Sie wollen, ich kenne da einen Osteopathen, der wirkt wahre Wunder ... ein Gurkenbrötchen vielleicht? ... an sich mag ich ja keine Gurken ... und, was machen Sie so im Leben?“ Diese Art von Konversationen kann einen so müde machen wie drei Tage Ackerbau. Triefende Fadesse kennzeichnet aber leider das gängige Gesprächsmodell. Konversations-Akrobaten sind in diesen Plauderwüsten so selten wie Handwerker, die zu dem telefonisch in Aussicht gestellten Zeitpunkt auch tatsächlich an der Tür läuten. Wenn mir solche Könner im Lieblings-Café Engländer an den Tisch gespült werden, verbeiße ich mich in sie wie ein Pitbullterrier und will sie nie wieder loslassen. Besonders enervierend ist, dass meist die besonders uninteressanten Leute gerne so viel und so lange von sich erzählen. Kann man Konversation trainieren? – Ja, indem man in ein literarisches Bootcamp eincheckt und dort Polgar, Anton Kuh, Dorothy Parker, die Radioshow-Scripts der Marx-Brothers und Komödien von Oscar Wilde liest. Der britische Philosoph Alain de Botton unterrichtet in seiner Schule des Lebens, dass man, als Konversations-Eisbrecher die Frage „Wovor haben Sie Angst?“ stellen sollte, weil man dadurch eine Abkürzung in das Zentrum der jeweiligen Existenz nehmen würde. Wollen wir das? Ich würde mich in einer solchen Situation nur mit dem Satz umdrehen: „Vor solchen Fragen.“

www.pollyadler.at  
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„Breakfast at Polly's“ am 29. April um 11 Uhr im Rabenhof. Mit Petra Morzé, Andrea Händler & Polly A.