„Black Friday – jetzt bin ich pleite“: Aida Loos hilft weiter
„Black Friday – jetzt bin ich pleite.“
Meine Güte, da müssen Sie doch nicht gleich weinen! Setzen Sie sich erstmal. Nicht auf die Couch, die ist gepfändet. Nehmen Sie den Hocker! Ja ich weiß, der wackelt. Das ist therapeutisch. Konfrontation mit der eigenen Instabilität.
Sie sind also dem Black Friday verfallen
Kein Wunder, er klingt ja auch so verheißungsvoll, nicht wahr? So mysteriös. So exklusiv. Würde er “Kauf-dich-deppat-Freitag“ heißen, wäre niemand gekommen, aber „Black Friday“? Das klingt nach Jazz-Club in New York, nach Film Noir, nach Gefahr und Abenteuer. Sie waren dabei und erwarten jetzt von mir, was genau? Mitleid? Absolution? Einen Kredit?
Wissen Sie, was Ihr eigentliches Problem ist, mal abgesehen von der Sehnenscheide, die sie sich wund gescrollt haben? Sie haben Schnäppchen zu Ihrer Identität gemacht. Sie sind nicht mehr Mensch, sondern ein Homo Rabattus. Wenn Ihnen jemand ein Kompliment macht, denken Sie: „War das reduziert?“ Dabei ist der Black Friday gar keine Jagd auf Schnäppchen, sondern auf Sie.
Sie haben geglaubt, Sie seien der Jäger, dabei waren Sie das Wild, aufgespürt vom Algorithmus, der weiß, was Sie wollen, bevor Sie es wissen. Er ist Ihr eigentlicher Partner. Ihr Mann schläft nur mit Ihnen, aber der Algorithmus schläft IN Ihnen. Ihre Daten sind das Profil. Ihr Verhalten ist die Fährte. Ihr Klick ist der Abschuss. Sie wurden erlegt, ausgeweidet und verarbeitet. Aber Sie haben dabei 20 Prozent gespart. Es waren sogar 50 Prozent vom Ursprungspreis? Es waren gute Angebote?
Natürlich, alle Angebote sind gut
Je mehr Preise durchgestrichen sind, desto überzeugender wirkt es. 899 € durchgestrichen, 499 € durchgestrichen. Jetzt nur noch 199 €! Die durchgestrichenen Zahlen stehen da wie besiegte Feinde, die Sie niedergerungen haben. Dabei existiert der Mensch, der den Ursprungspreis gezahlt hat, gar nicht. Er ist der Heilige Geist des Einzelhandels. Jeder Strich ist nur eine Lüge. Das ist Lügen in Schichten. Das ist Lügen-Lasagne.
Soll ich Ihnen sagen, was Sie wirklich gekauft haben? Zeit, in der Sie nicht nachdenken mussten. Zeit, in der Sie beschäftigt waren. Vergleichen, klicken, in den Warenkorb legen, entfernen, wieder hinzufügen, Gutscheincode eingeben, falsch, anderen Gutscheincode eingeben, abgelaufen, ohne Gutscheincode kaufen, ärgern, weitermachen. Stunden Ihres Lebens, die Sie nicht mit der Frage verbringen mussten: Wozu bin ich auf der Welt? Nein. Sie haben geshoppt. Das ist auch eine Antwort. Keine gute, aber immerhin eine reduzierte. Was ich Ihnen jetzt rate?
Verkaufen Sie eine Niere!
Sie haben zwei, brauchen aber nur eine, das ist pure Dekadenz, die Sie sich nicht mehr leisten können. Haben Sie schon? Dann kaufen Sie halt weiter.
Ja. Sie haben richtig gehört, denn aufhören können Sie sowieso nicht. Die Illusion der Kontrolle ist auch nur ein Produkt, das Ihnen verkauft wurde. Von Ratgebern. Von Podcasts. Von Menschen wie mir. Es gibt keinen Ausstieg, es gibt nur einen Aufstieg. Werden Sie Influencerin und klettern Sie die Pyramide der Rabattcodes hoch. Dafür sind Sie nicht der Typ? Dann gehen Sie halt mal in sich und bleiben Sie dort. Denn draußen kostet alles Geld. So, das macht dann 280 Euro. Aber nur heute. Gestern waren es noch 1280 Euro. Achso, Sie sind ja pleite. Also gut, ich nehme auch den Staubsaugerroboter. Der wird sich sicher gut mit meinen anderen dreien verstehen.
Aida Loos ist mit „Zeitloos“ auf Tour z. B. am 18. 1. 2026 in Wien/Kulisse.
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