Die Kunst des Zamsitzens
Bei uns auf dem Land wird immer gearbeitet. „Auch im Winter?“, zweifelt die Städter-Freundin. Ja, deshalb heißt es ja Winterbaumschnitt. „Auch bei Regen?“ Ja, irgendwann muss man ja alles erledigen, was drinnen liegen bleibt, während man draußen werkt. „Auch an Sonntagen?“ Na sicher, da arbeiten wir leise, Traktor, Balkenmäher und Motorsäge ruhen sich aus.
„Und wann ruht ihr euch aus?“ – Wenn wir Pausen machen. Aber Pausen machen, wenn die Arbeit noch nicht fertig ist, das ist, zugegeben, eine Kunst, die ich noch nicht ganz beherrsche. Und auf dem Land ist die Arbeit nie fertig.
„Also, wann ruht ihr euch tatsächlich aus?“, insistiert die Freundin aus der Stadt. Naja, beim „Zamsitzen“.
„Auf a Glas’l“
Zamsitzen ist eine Kernkompetenz der Südburgenländer, die meinem Wesen entspricht: Entweder man hat Gäste, oder man ist selbst Gast. Und das nicht mit wochenlanger Vorankündigung auf Büttenpapier, sondern weil das Tor aufgeht und jemand reinkommt. Um ein Werkzeug, ein Küchengerät oder Marmeladegläser auszuborgen; einen selbst gebackenen Kuchen oder Eier vorbeizubringen; Spenden für Feuerwehr, Musikverein, Sportverein zu sammeln ...
In all diesen Fällen sagt man als Gastegeber den Satz: „Trink ma amal a Glas’l!“ Und dann sitzt man zam.
Manchmal wird das Zamsitzen auch vorher vereinbart, da ruft man an und sagt: „Kommt’s vorbei auf a Glas’l!“
Wenn dann das Zamsitzen länger dauert, wenn aus dem Glas’l drei oder vier werden und sich die Uhudlerflaschen leeren, heißt es: „I richt’ a Jaus’n.“
Und dann wird es richtig lang, denn eine südburgenländische „g’schwinde Jaus’n“ ist kein Honigschlecken, da wird aufgetischt, als gäb’s kein Frühstück, Mittag- und Abendessen, sondern nur die eine Hauptmahlzeit, die Jaus’n eben.
Diese Woche waren der Lieblingsmann und ich „auf a Glas’l“ eingeladen, die Gastgeberin sagte: „Kommt’s hungrig, i richt’ a Jaus’n.“ Und dann setzte sie neue Maßstäbe, was „Jaus’n“ bedeuten kann. Es gab gefüllte Paradeiser, gebratene Zucchini, Schweinemedaillons im Speckmantel, Topfenknödel mit Marillenröster ... und wir schwelgten im Glück, im Zamsitzen, im Pause machen.
So geht Ausruhen auf Südburgenländisch. Man lässt sich verwöhnen und man verwöhnt.
Ich habe ja den Verdacht, dass der Lieblingsmann das Zamsitzen irgendwo geheim geübt hat. Denn für einen Zuag’roasten unüblich, beherrscht er diese Kunst besser als mancher Einheimische. Wenn er sitzt, sitzt er – wie an’pickt.
Neulich waren wir „auf a Glas’l und an Kuchen“ eingeladen. Er saß gut. Und immer besser. Es wurde viel geredet und gelacht. Irgendwann waren die Flaschen und das Kuchenpfand’l leer. Ich versuchte, mit Händen und Füßen unterm Tisch zum Aufbruch zu mahnen. Er bemerkte es nicht. Und redete weiter. Plötzlich sagte die Gastgeberin den Satz: „Soll i no a Jaus’n richt’n?“ Und da war auch ihm klar, dass es Zeit war zu gehen. Beim Zamsitzen muss man halt auch wissen, wann Schluss ist.
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