Kolumnen
05/26/2019

Beim letzten Gespräch nannte ihn Lauda erstmals Freund

Heinz Prüller hat der Tod Laudas schwer getroffen. Er lebt in einem Innsbrucker Seniorenheim.

Es muss 50 Jahre her sein, als der Juniorchef eines Döblinger Heurigen, auf einen schmächtigen jungen Gast deutend, fragte: „Könnt ihr net über den was schreiben? Der Klaane will a großer Rennfahrer werden. Er braucht Sponsoren.“ Als Reporter-Lehrbub leitete ich die Bitte an den damaligen KURIER-Motorsportler und Rallyepiloten Erich Glavitza weiter. Erfolglos. Zumal der nicht rasend viel von Niki Lauda hielt und Glavitza sich ohnehin vom KURIER verabschiedete, um „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ mit Perücke den britischen Schauspielstar Diana Rigg bei Autoverfolgungsjagden zu doubeln.

Stuntman Glavitza bekam für seine 007-Aktionen 20 Ford Escort. Lauda bekam auch ohne mediale Hilfe Sponsoren. Und der Schreiber dieser Zeilen? Der bekam nur die Aufgabe, telefonische Übermittlungsfehler nach Rennen zu korrigieren. Die Formel-1-Berichterstattung gebührte dem hochgeschätzten Motor-Experten Helmut Zwickl. Unfreiwillig oft glich sie einem Requiem.

Die tödlichen Unfälle von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna 1994 in Imola waren Höhepunkt und Ende der schwarzen Serie zugleich.

Zumindest unter gefühlskalten Schreibtischtätern flaute das Formel-1-Interesse ab. Zugegeben, auch ich sah (Monaco ausgenommen) nur noch auf den Bildschirm, wenn Heinz Prüller aufschrie. Seine Stimme wurde, unterlegt mit Motorlärm, zum akustischen Formel-1-Symbol. Sie klingt noch immer so fest und vertraut wie vor 40 Jahren. Trotzdem wird der Mann, der Lauda am öftesten interviewte, vielleicht auch aus Rücksicht auf seine Gesundheit, aktuell von Medien kaum befragt. Dabei ließe sich so viel über Lauda und seinen Leibreporter erzählen:

Wie Prüller 1976 in Montreal seine Olympia-Dienstreise abbrach, um zum Deutschland-GP zu fliegen, wo er nach Nikis Feuerunfall nonstop aus dem Krankenhaus berichtete;

wie Lauda 1980 als Jungpilot mit einer Fokker den späteren Gold-Gaul von Dressurreiterin Sissy Theurer zu Olympia 1980 nach Moskau transportierte, als beim Landeanflug, bedingt durch locker gewordene Gurten, der Pferdekopf zwischen Captain Niki und seinem Co-Piloten auftauchte;

wie Prüller 1984 Nikis WM-Triumph über McLaren-Stallrivalen Alain Prost als „größte Leistung überhaupt“ bejubelte;

wie Prüller eine ORF-Weisung, die es untersagte, den Interviewpartner zu duzen, hartnäckig umging, indem er, das unpersönliche Sie vermeidend, fragte: „Und was sagt Niki Lauda dazu?“

Prüller, 78, lebt , gezeichnet von jahrzehntelangem Stress, als Wiener in einem Innsbrucker Seniorenheim. Dass der Autor unzähliger Formel-1-Bücher, aktuell ungewohnt wortkarg wirkt, spricht Bände.Laudas Schicksal hat ihn „mehr getroffen als alle andere Tragödien“. Beim letzten Telefonat fragte ihn Lauda „Wie geht’s dir, mein Freund?“ So, als sei Lauda sentimental geworden. Prüller war gerührt und beunruhigt zugleich. „Denn das Wort Freund hat der Niki sonst nie in den Mund genommen.“Er lebt