Kolumnen
24.08.2018

Barbara Kaufmann: Was man noch sagen darf

Längst darf man alles sagen, was vor gar nicht langer Zeit noch unsagbar gewesen wäre.

Die Grenzen haben sich verschoben. Das Bierzelt ist überall. Es grölt und brüllt und johlt einem an allen Ecken entgegen. Nicht nur in der Politik wird aufgerüstet, gehetzt und gepöbelt, auch überall dort, wo sich Menschen miteinander austauschen, wird nicht mehr diskutiert, sondern geschrieen, beschimpft, niedergemacht. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Alle Feind!

Wer am lautesten ist, wird gehört. Wer schreit, hat recht. Wer nicht passt, muss weg! Behutsamkeit ist Schwäche, Vorsicht ist Unsicherheit, Zweifeln heißt Nichtwissen. Mitgefühl wird weggewischt, verachtet, verlacht. Wer nicht stark ist, der stört, den will man hier nicht haben, nicht bei uns, nicht in unserer Mitte. Krank, alt, arm, hilflos, depressiv, einsam? Das gefällt mir nicht, das gehört weg! Und wenn einer von ihnen unter die Räder gerät, wenn er überfahren wird, wenn er den Tod findet, dann jubelt das Bierzelt. 1:0!

Der Wettbewerb der Grauslichkeiten ist längst eröffnet und wird täglich neu gewonnen. Grundpfeiler unseres Miteinanders werden angesägt und umgestoßen. Brücken, an denen man jahrzehntelang gebaut hat und die gehalten haben, getragen von Kompromissen, errichtet auf der Einsicht, dass es nur gemeinsam geht, werden mutwillig niedergerissen.

Und wenn sie einstürzen und Menschen unter sich begraben, dann folgt statt Trauer Hass, statt Betroffenheit neue Eskalation. Wer sich beschwert, wer Mäßigung fordert, wer aufschreit, der wird angegriffen.

Meinungsfreiheit! brüllt das Bierzelt. Das Hass für eine Meinung hält, Grobheit für Entschlossenheit, Tabubrüche für Aufrichtigkeit. Das wird man wohl noch sagen dürfen? Und man darf, man darf alles und noch viel mehr. Kindern den Tod wünschen, Menschen mit Ungeziefer gleichsetzen, die Ärmsten der Armen verächtlich machen. Mir wern kan Richter brauchen. Weil sich Klagen auch nur die wenigsten leisten können. Man darf Journalisten und Künstler bedrohen, man darf sie dem digitalen Mob zum Fraß vorwerfen und wenn die Saat aufgeht, wenn sie Morddrohungen bekommen, dann zuckt man mit den Achseln und nur selten, wenn man doch zur Rechenschaft gezogen wird, wovor man sich so gut wie möglich drückt, weil man keine Rechenschaft mehr abgeben will, entschuldigt man sich, meinetwegen. Hauptsache, das Bierzelt applaudiert.

Einzel- und Regelfälle

Endlich sagt das einmal jemand! schreien sie. Als würde nicht längst alles gesagt, was vor gar nicht langer Zeit noch unsagbar gewesen wäre. Als würden nicht täglich Grenzen überschritten, als wären die Einzelfälle nicht die Regelfälle, als wäre das Extrem nicht längst zum akzeptierten Mittelweg geworden. Die besonnenen, die ausgleichenden, die mäßigenden Stimmen werden leiser, ziehen sich zurück und manche verschwinden ganz.

Selbst Schuld, schreit das Bierzelt, sind sie zu stark, bist du zu schwach! Andere beginnen selbst zu hassen, bekämpfen verbale Gewalt mit verbaler Gegengewalt und merken nicht, wie sie dabei jenen immer ähnlicher werden, deren Hass sie ablehnen. Worte sind Waffen. Was sagbar ist, wird machbar. So ist es immer gewesen, so wird es immer sein. Denn es ist nicht nur die Zeit, die den Unterschied macht. Es sind auch wir. Die Menschen, die in ihr leben.

barbara.kaufmann@kurier.at