KOLUMNE
10/19/2018

Barbara Kaufmann: Heute Ruhetag

Es tut gut, eine Pause von der Gegenwart zu machen, sich in eine andere Wirklichkeit hinein zu denken, eine, die nicht jetzt ist.

von Barbara Kaufmann

Die Gegenwart ist laut, schnell und fordernd, sie zerrt an den Kr├Ąften, sie zieht in die eine Richtung und gleichzeitig in die entgegengesetzte, sie ist ungeduldig, sie vergibt nichts, sie ist kalt und urteilend und undankbar. Die Gegenwart ist manchmal schwer auszuhalten. Und man kann jeden verstehen, der keine Lust mehr auf sie hat, der sich dem t├Ąglichen Kampf nicht mehr gewachsen f├╝hlt, der fl├╝chtet in Serien, Musik und Filme, in Youtube Videos und Onlineforen. Oder in die Fotosammlung vom vergangenen Weihnachtsfest.

So wie die Patientin im Wartezimmer beim Lungenfacharzt vor ein paar Tagen. Sie hatte eines dieser Handymodelle mit extra gro├čem Bildschirm und vielleicht lag es daran, dass die Patienten, die hinter ihr standen und neben ihr sa├čen, einer nach dem anderen, ihre Zeitschriften weglegten, ihre Telefone in den Taschen verschwinden lie├čen und ganz ungeniert auf ihre Fotos starrten. Auf die beiden M├Ądchen, die da zu sehen waren, vielleicht 6 und 8 Jahre alt, vielleicht auch j├╝nger. Die sich unter dem Weihnachtsbaum balgten und Lametta um den Hals geschlungen hatten, die auf die Kerzen blickten und in die Kamera lachten und dabei ihre Zahnl├╝cken zeigten. Auf manchen Bildern verschwommen und unscharf, auf manchen harmonisch l├Ąchelnd, so wie auf Gru├čpostkarten, so kitschig, dass es beinah schon komisch war. Und ein alter Mann lachte dann auch wirklich laut los, sein Atem rasselte und pfiff und man wusste nicht, ob er noch lachte oder schon hustete.

Ungeniertes Gaffen

Die Patientin mit den Weihnachtsbildern k├╝mmerte das nicht. Es st├Ârte sie nicht, dass alle gafften, ungeniert auf ihr Handy blickten, dass sie sich ihre Familie ausliehen f├╝r ein paar Minuten, um nicht daran denken zu m├╝ssen, was gerade im Hier und Jetzt geschah und in den kommenden Stunden vielleicht noch geschehen w├╝rde. Als der Arzt die Patientin aufrief, wurde der Bildschirm schwarz, die Bilder verschwanden. Sie r├╝ckte ihre bunte H├Ąkelm├╝tze zurecht, die zur Seite gerutscht war. Darunter war ihr kahler Kopf zum Vorschein gekommen, nur kurz, aber der Moment war ihr scheinbar unangenehm. Die anderen wandten sich taktvoll ab, blickten zur Seite, nahmen wieder ihre Zeitschriften zur Hand und sahen auf ihre Handys. W├Ąhrend der Zeit im Wartezimmer hatte es geregnet. Drau├čen auf der Stra├če hatte sich das Wasser gesammelt in den Unebenheiten des Asphalts. Und wenn man mit den Turnschuhen hinein trat, unterm Arm den Befund in einem gro├čen Kuvert, konnte man dem wei├čen Stoff dabei zusehen, wie er sich langsam vollsog und grau wurde wie der Himmel und die Stra├če, die im selben Hellgrau leuchteten, als h├Ątte sie jemand vertauscht.

Man muss nicht immer alles von sich erz├Ąhlen. Was man f├╝r sich beh├Ąlt, geh├Ârt einem ganz und gar. Es tut gut, eine Pause von der Gegenwart zu machen. Sich in eine andere Wirklichkeit hinein zu denken, eine, die schon lange vergangen ist oder noch vor einem liegt. Eine, die nicht jetzt ist. Man kann nur geben, was man hat. Man kann niemanden retten. Man kann nur auf sich selbst achtgeben. Morgen kommt sie wieder, die Gegenwart. Dann kann man weitermachen, seine Stimme erheben, argumentieren, streiten, k├Ąmpfen. Aber nicht heute. Heute ist Ruhetag.

barbara.kaufmann@kurier.at

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