„Am Feld“ von Franzobel: Das Leben am Sportplatz
Hier schreiben abwechselnd Franzobel und Johanna Sebauer – er über das Leben am Sportplatz, sie über jenes am Land.
Es ist passiert, das unvorstellbar Entsetzliche. Dabei war eben noch WM, danach die Tour de France, gefolgt von Tennis-Damen, Qualifikationsspielen zu diversen Cup-Bewerben. Doch dann ist es geschehen. Es war ein Montag. Oder Freitag? Der Schock hat mir jedes Zeitgefühl geraubt. Ein Tag ohne Sport! Kein Fußball, Tennis, keine Leichtathletik, nicht einmal Aufwärmrunden für ein Formel-1-Training.
Gut, einen Tag ganz ohne Sport gibt es nie, aber Golf interessiert mich nicht, beim Cricket kenne ich mich nicht aus, und der SV Fleischereimaschinen Schenk Tillmitsch oder der SC Copacabana Kalsdorf zuzusehen, geht sogar mir zu weit.
Was also tun an einem Albtraumtag, an dem das Suchtmittel Numero uno nicht verfügbar ist? Es war wie ein Abend mit jemandem, der stundenlang durchspricht, plötzlich verstummt und fragt: „Und du?“ Und ich? Meine Sammlung alpenländischer Fingerhüte aus dem Spätbarock sortieren, im Wald Ameisen zählen oder mir auf YouTube eine Fahrt mit der Karwendelbahn ansehen? Mit Zündhölzern die Sagrada Familia nachbauen, Hauptstädte auswendig lernen oder die Namen aller Päpste?
Kein Sport! Welch unsägliche, unerträgliche Leere. Dann fragte meine Freundin, was denn los sei und warum ich nicht selbst Bewegung mache? Ich? Hatte sie den Verstand verloren? Beim Schwimmen oder Joggen lauert der Herzkasper, Radfahren unter all den Geistesgestörten ist lebensgefährlich. Nicht zu reden von Tauchen, Paragleiten und anderen halsbrecherischen Tätigkeiten. Vielleicht Domino oder Halma …
Irgendwann habe ich es doch gewagt. Bewegung! Laufen, Schwimmen, Radfahren ... Plötzlich wurde der Tag ohne Sport zum Tag mit Sport. Es war gar nicht schlecht. Nein, es war toll.
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