„Am Feld“ von Franzobel: Das Leben am Sportplatz
Hier schreiben abwechselnd Franzobel und Johanna Sebauer – er über das Leben am Sportplatz, sie über jenes am Land.
In manchen Ländern werden Feiertage ausgerufen, in anderen trampelt man im Freudentaumel Menschen nieder, ganz Norwegen rudert, in Frankreich wird „Für Olise“ auf dem Klavier gespielt, und Mexiko säuft El-Tri-Drinks an der Aztheke. Andernorts fliegen Fernseher aus Fenstern, hupen sich Autokorsos durch Städte, tanzen Menschen auf den Straßen, flippen völlig aus.
Und in Österreich? Der homo austriacus neigt eher nicht zu Gefühlsausbrüchen, sondern kommentiert selbst die unwahrscheinlichsten Ereignisse mit einem gelassenen „Jo eh“. Aber eine WM entlockt sogar dem in seinen Emotionen verpuppten Alpenmenschen ein Richtung Kontrollverlust gehendes „Bist du deppert“. Solch emotionale Inkontinenz ist allerdings gefährlich, handelt man sich damit doch schnell ungeplanten Familienzuwachs oder eine unsichere Wertanlage in Kryptofantasie ein.
Darum ist der Österreicher mit destabilisierenden Jubelausbrüchen vorsichtig. Kein Wunder, zweimal mündeten solch kollektive I-werd-narrisch-Momente in Weltkriege, verlor man Kaiser und Moral. Also ist der Fußballfan gesetzt. Spielt die Mannschaft so wie jemand, der auf dem Pannenstreifen einer Autobahn steht, und die Gegner an sich vorbeirauschen sieht, sagt man „Hoch wern mas nimmer gwinnen“, verfällt sie aber in einen Spielrausch, klatscht man gutmütig und murmelt: „Warum net glei?“ oder „Jetzt gwinnen die den Schas nu“.
Wir werden nie Weltmeister, höchstens in der Gemütlichkeit, was in einer lauten, aufgekratzten Welt nicht schlecht ist. Und beim Fußball gilt der alte Qualtinger-Spruch: „A Unentschieden is a Sieg für Österreich.“
In der Gemütlichkeit sind wir nämlich unbesiegt. Bist du deppert. I werd narrisch.
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