Den Rotstift zückt nur die Provinz
Neeeein, nein, nein! Rief Harald Schmidt am Ende des Interviews. Bloß nicht zum Gegenlesen vorlegen vor Veröffentlichung. „Das macht nur die Provinz.“ Aber die „Provinz“ nach Schmidt, das sind viele heutzutage: Schauspieler, Musiker, Autoren, Moderatoren und was sonst noch gern aus Fernseher und Zeitung lugt. Zitate freigeben lassen, das mache er schon seit Jahren nicht mehr. „Deswegen sind meine Interviews ja so toll“, erklärte mir Schmidt. „Weil ich weiß, was ich sage – und die Kollegen das dann so aufschreiben. Das macht die Gespräche so lebendig – bei allen anderen geht ja noch der Pressefuzzi drüber, streicht alles raus und man schläft schon bei der Überschrift ein. Grauenhaft.“
Message-Control-Fieberwahn
Schmidt hat, wie so oft, das Geschäft verstanden. Es darf etwas alles sein. Bloß nicht langweilig. Zu Recht gilt er als Interview-Weltmeister. Gut, schon klar: Missverständnisse wollen vermieden sein, diverse Gedanken präzisiert. Doch wenn sich heute schon jeder Universaldilettant im Message-Control-Fieberwahn wähnt? Jede arglose Aussage wird auf Imageverträglichkeit überprüft. Dann droht der Rotstift. Und das große Verhandeln beginnt. Um Wörter. Beistriche. Ganze Passagen.
Jüngst etwa wollte eine österreichische Schauspielerin, die weniger bekannt ist, als sie annimmt, von mir ihre drei Sätze aus einem harmlosen Zehn-Minuten-Interview vorgelegt. Nein, danke. Meine „liebste“ Erinnerung aber ist: Schauspielerin Martina Gedeck schickte mir einen Vertrag, in dem sie Mitsprache bei Überschrift, Unterüberschriften, Zwischentiteln und sogar den Bildtexten einforderte. Eine Schmidtsche Provinzposse.
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