Kiku 07.05.2018

Zwischen Marinadenfabrik und Malediven-Urlaub

Szenenfoto aus "Wir retten die Welt und globalisieren uns köstlich" © Bild: Rainer Berson

Elf Jugendliche der Theaterwerkstatt „Wildwuchs“ im Dschungel Wien spielen über Globalisierung.

Eine halbe Halfpipe mit Stufe drinnen, eine alte, rostige Tonne, ein langes senkrechtes Banner und ein Ding, das vielleicht an ein zusammengerolltes Fischernetz erinnern könnte – so präsentiert sich die noch leere Bühne. Nach und nach kommen von hinten junge Darsteller_innen auf die Bühne – schwarz gekleidet, bis auf zwei mit pinken Elementen am Gewand. Und pinken Streifen im Gesicht. Einige tragen einen schwarzen aufgemalten Kreis im Gesicht. Schüchtern, fragend, suchend schauen sie sich um. Sie das sind die elf Teilnehmer_innen einer der Theaterwerkstätten im Dschungel Wien, die von „Wildwechsel“ sind zwischen 12 und 14.

Break – alle stehen in Formation und „beten“ eine Definition von Globalisierung runter, aus Wikipedia und anderen Lexika. Wortfetzen, Satzteile in englischer, französischer, japanischer, bosnischer Sprache. Der Begriff Babel fällt – für „babylonische“ Sprachverwirrung. In der folgenden ¾-Stunde zeigen sie mit viel Spielwitz und phasenweise fast entfesselt Szenen und kleine Geschichten, die sie erarbeitet haben und die die allgemeine, abgehobene Definition konkreter fassbar machen (sollen). Eingebettet sind diese in die große 55 Jahre alte, immer wieder neu erzählte und verortete Geschichte Heinrich Bölls von einem Fischer und einem Touristen. Nach frühmorgendlichen Fang liegt der Fischer in der Sonne und schaut verträumt aufs Meer. Der Tourist – hier die Darstellerinnen mit den schwarzen runden Gesichtsbemalungen – fragt, weshalb er nicht weiter fische und immer mehr und mehr, womit er sich neue Boote und letztlich Arbeiterleisten könne und dann gemütlich in der Sonne sitzen könne. Was, so der Fischer, mache ich denn gerade!

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Szenenfoto aus "Wir retten die Welt und globalisieren uns köstlich" © Bild: Rainer Berson

Ausgebaut

Die jungen Theaterleute haben die Geschichte noch ausgebaut und erweitert um Aspekte der Globalisierung mit Tiefkühlhaus, Marinadenfabrik und täglich frischen Lieferungen nach Paris und sonstwohin. Und während eine ihr Arbeitsleid in einer dieser Fabriken fast tänzerisch darstellt und mit den Worten Trauer, Müdigkeit, Langeweile beschreibt, erzählt blassiert eine andere zum x-ten Mal davon, schon zwei Mal auf den Malediven geurlaubt zu haben.

Druck, Druck, Druck und dennoch Armut auf der einen, sozusagen unsäglicher Reichtum auf der anderen Seite und die Gier, doch nie genug kriegen zu können – eine Seite von dem was Globalisierung ausmacht. Aber auch (sprachliche) Vielfalt, per Internet und Smartphones weltweit mit anderen Menschen vernetzt – auch das ist eine Seite. Gegen Ende tauchen auf dem eingangs genannten Banner scharf und sonst im Hintergrund ein bisschen blasser die Gesichter aller elf „Wildwuchs“-Kids auf – mit aufgemalten Flaggen von Ländern, mit denen sie selbst in irgendeiner Form zu tun haben: Bosnien, EU, Frankreich, Israel, Italien, Japan, Norwegen, Tschechien, Ungarn – und dazu noch die Regenbogen sowie eine Fantasie-Fahne.

Weshalb allerdings kurz davor die selbe Definition von Globalisierung wie eingangs, die mehr Fragen oder gar „hääää“ aufwirft, wiederholt wird, statt einer einfacheren in den eigenen Worten der elf Jugendlichen – das erschließt sich nicht wirklich. Zur Weltrettung würde das besser Verständnis dessen, was unter Globalisierung verstanden wird und das sie zuvor versucht haben in Worte und Bilder zu fassen, eher beitragen (können).

 

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Szenenfoto aus "Wir retten die Welt und globalisieren uns köstlich" © Bild: Rainer Berson

Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Wir retten die Welt und globalisieren uns köstlich
Schauspiel mit Tanz, ca. eine Stunde, ab 11 J.
Theaterwild:Werkstatt „Wildwechsel“, Dschungel Wien

 

Konzept, Regie: Aurelina Bücher

Darsteller_innen sind die Teilnehmer_innen der Theaterwild:Werkstatt „Wildwechsel“:
Antonia Brandl, Alina Brauer-Kvam, Viktoria Čečulović, Lara Drobics, Emmylou Fertschai, Lisa Habiger, Kasper Langeder, Katja Mader, Elsa Romen, Mia Topalović, Lovis Vincent

Mitarbeit: Sebastian Thiers
Choreografie: Jasmin Avissar
Ausstattung: Maria Wiebersinsky
Regieassistenz: Gregor Steiner
Ausstattungsassistenz: Gilles Becker
Dramaturgieassistenz: Leonora Peuerböck

Wann & wo?
Bis 9. Mai 2018
Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier
Telefon: (01) 522 07 20-20
www.dschungelwien.at

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( kurier.at , kiku-heinz ) Erstellt am 07.05.2018