Gerhard Dorfer als Niels Bohr, Klaus Haberl als Werner Heisenberg und Michaela Ehrenstein (Margarethe Bohr)

© Rolf Bock

Kiku
01/07/2019

Wie weit darf Forschung gehen?

„Kopenhagen“ über die Verantwortung von Wissenschaftern am Beispiel der Atombomben-Forschung in der Freien Bühne Wieden.

von Heinz Wagner

Warum ist er damals wirklich zu uns nach Kopenhagen gekommen? Was wollte er (uns eigentlich sagen)? Drei Menschen treffen – die meiste Zeit recht unaufgeregt – aufeinander. Kaum Schnickschnack, keine Einblendungen, keine Effekte. Einzig eine Art Atom-Modell als Mobile. Die Spannung ergibt sich aus dem dichten Kammerspiel des Schauspiel-Trios in der Freien Bühne Wieden und aus der Brisanz des Stücks „Kopenhagen“. Einerseits, weil das vor 20 Jahren in London uraufgeführte Stück auf einer realen und doch geheimnisumwitterten Begegnung aufbaut, die eineinhalb Stunden um diese kreist. Andererseits weil davon ausgehend die „ewige“ Frage der Verantwortung von Wissenschaft verhandelt wird.

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Der deutsche Physiker Werner Heisenberg besucht im September 1941 Niels und Margarethe Bohr in deren Haus in Kopenhagen. Da war Dänemark schon von Nazi-Deutschland besetzt. Heisenberg leitete in Deutschland ein Uranprojekt. „Hat ein Physiker das moralische Recht, an der praktischen Nutzung der Atomenergie zu arbeiten?“, fragt Heisenberg zwei Mal im Stück, in dem sowohl die Begegnung selbst als auch die nachträgliche Reflexion derselben gespielt wird.

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Was war der Grund?

War er dran an der Atombombe für die Nazis? Wollte er von seinem Lehrer und dem „Papst“ der Physik nur wissen, wie weit entsprechende Forschungen in England und den USA seien – wohin die vertriebenen jüdischen Physiker geflüchtet waren. Stimmt es, wie er nach Ende des Faschismus und 2. Weltkriegs zu beteuern versuchte, er hätte das Bombenprogramm hintertrieben, während Bohr nach seiner Flucht über Schweden in die USA nicht unbeteiligt gewesen an der Entwicklung, die zu den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki geführt haben. Oder hätte Heisenberg nur Bohr dazu anstiften wollen, in einem konzertierten internationalen Vorgehen, die Entwicklung der Bombe zu verhindern.

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Die zentrale Frage der Verantwortung wird in diesem Stück ergänzt um wissenschaftliche Diskussionen über die Schwerpunkte der Forschungen der beiden Physiker – der Unschärferelation (hier immer Unbestimmtheitsrelation genannt) von Heisenberg und Bohrs Komplementaritätsprinzip. Trotz dieser Begriffe und so mancher Formel, die Haberl als Heisenberg an die Tafel schreibt, wirken auch diese Dialoge nie wirklich abgehoben. Ja, sogar die Kernspaltung wird ziemlich klar und einfach erklärt – sozusagen immer wieder einige Minuten Physikunterricht auf lockere Art.

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Und dann ist da noch die persönliche Ebene der Begegnung des einstigen Schülers mit seinem vormaligen Lehrer (Gerhard Dorfer) inklusive Rückblenden bis auf die erste Begegnung der beiden 1922. Nicht zu vergessen, die zwar oft eher im Hintergrund agierende aber stets präsente Margarethe Bohr (Theaterdirektorin Michaela Ehrenstein), die Heisenbergs 41er-Besuch viel skeptischer sieht – und vor allem spürt – und dies deutlich spüren lässt.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Kopenhagen
von Michael Frayn

Regie: Reinhard Hauser
Niels Bohr: Gerhard Dorfer
Werner Heisenberg: Klaus Haberl
Margarethe Bohr: Michaela Ehrenstein

Kostüme: Babsi Langbein
Assistenz: Stefanie Gmachl
Rechte: Verlag Hartmann und Stauffacher

Wann & wo?

15. Jänner bis 2. Februar 2019
Jeweils 19.30 Uhr
Freie Bühne Wieden: 1040, Wiedner Hauptstraße 60B, 1. Stock
Telefon: 0664/ 372 32 72
https://www.freiebuehnewieden.at/

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