Fette Kopfhörer sorgen dafür, dass die Besucher_innen (fast) nichts hören

© Heinz Wagner

Kiku
01/13/2020

Wenn der Wecker klingelt und du nichts hören kannst …

Eintauchen in die Welt der Gehörlosen bei der Mitmach-Ausstellung „Hands Up“ unter dem Wiener Schottenstift.

von Heinz Wagner

Du klingelst an der Tür. Aber was, wenn die Person in der Wohnung oder im Büro nichts hören kann? Oder der Wecker läutet und du bist gehörlos?

Nun, solche Dinge aus dem Alltag kannst du in der Ausstellung „Hands Up – Erlebnis Stille“ im wahrsten Sinn des Wortes erleben.

Im ersten Fall blinken in den Räumen Lichter auf. Ein Wecker für Gehörlose sendet Signale an Vibrationselemente im Polster – oder gleich im ganzen Bett.
Das zum Beispiel war für die achtjährige Aurelia neu. Kinder-KURIER und schauTV durften sie sowie Lea, zwei Katharinas, Yaron, Lena, Emilia, Niklas, Sarah, Paul und Isaak sowie dazugehörige Eltern dabei begleiten, wie sie in dieser Ausstellung unter dem Schottenstift für nicht ganz eine Stunde in die Welt der Gehörlosen eintauchten. Dazu gibt’s beim Eingang zur Ausstellung, die sich den Keller mit dem bekannteren „Dialog im Dunkeln“ (einfühlen in die Welt von Blinden) teilt, mächtige Kopfhörer. Die vermitteln nicht totale Gehörlosigkeit, aber viel an Geräuschen und Tönen dringt nicht ans Ohr.

Vibrierender Polster

An einer Wand ist eben ein Polster befestigt, der zu vibrieren beginnt, wenn der Wecker daneben läuten würde. Lichter blinken auf, sobald die Türklingel gedrückt wird. Das beeindruckte auch so manch andere der genannten Kinder. Für die meisten war diese Welt weitgehend neu, manche hatten – meist von Eltern, die schon einmal hier waren – ein bisschen was gehört oder gesehen – beispielsweise die beiden achtjährigen Lea und eine der Katharinas. Das mit den Kopfhörern fand besagte Katharina „ein bisschen komisch, es war ganz ungewohnt, dass ich fast nichts hören kann“.

Guides sind beste Fachleute

Die Guides der Ausstellung sind selbst gehörlos. Sie sind ja die besten Fachleute für ihre Welt. Diese Guides versuchen die Besucher_innen in ihre Welt zu holen. Weil die meisten natürlich (noch) nicht die Muttersprache der Gehörlosen - die Gebärdensprachen (jede Laut- hat auch ihre eigene Gebärdensprache) – kennen, erklärt in dem Fall Ido Kashanovsky-Resl auch die Wichtigkeit von Körpersprache und Mimik. Die sei auch im Alltag für Gehörlose sicher noch wichtiger als für Hörende. Viele Gehörlose können schon auch Lautsprache verstehen bzw. Lippen lesen. Aber das ist nicht nur kompliziert, sondern funktioniert ja gar nicht immer – wird in der Ausstellung erklärt, weil so manche Laute oder Silben von der Lippenstellung ziemlich gleich aussehen.

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Einiges bekannt, anderes überraschend

Niklas wusste von seiner Mutter schon die Gebärden für Buch, schreiben und lesen. Und zeigt sie in die Kamera von schauTV. Lena (11) hat „schon einmal Gebärdensprache auf YouTube angeschaut. Ich hab eine YouTuberin gesehen, die Gebärden kann und da hab ich mir dann einige Videos von ihr angeschaut.“

Emilia und Sarah (beide jeweils 7 Jahre) faszinierte die letzte Station. Der Guide dreht laut Musik auf, auf dem großen Monitor sind die Frequenzen in Balken dargestellt. Davor steht eine hölzerne Tribüne, die mit dem Lautsprecher verbunden ist. „Wir haben gehört, wie Taube Musik hören, weil alles vibriert“, sagt Sarah. „Für mich war auch die Bühne am Spannendsten“, pflichtet ihr Emilia bei. Sie zeigt uns noch die Gebärde für Katze: Beide Daumen und Zeigefinger beginnen zusammengedrückt zwischen Mund und Nase und werden nach außen und dabei auseinander gezogen – schaut aus wie die Schnurrbarthaare einer Katze.

Ihre Kollegin streckt ihren kleinen, den Zeigefinger und den Daumen hoch, Mittel- und Ringfinger sind nach unten zur Handfläche gebeugt. Und das heißt „ich liebe dich“, also eigentlich „I love you“ – der kleine Finger steht fürs I, gespreizter Zeigefinger und Daumen fürs L und die ganze Handfläche mit den gesteckten bzw. gebeugten Fingern fürs Y.

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COOL

Obwohl auch Yaron von seiner Mutter schon einiges gehört hatte, „war für mich am Überraschendsten das mit dem Lichtblinken, wenn wer an der Türk läutet“. Er zeigt uns die Gebärde für COOL: neben dem rechten Auge formt die Hand bzw. Zeigefinger und Daumen einen Halbkreis fürs C. Die beiden Augen stehen für die zwei O. Zeigefinger und Daumen der linken Hand formen ein L, das neben das linke Auge gehalten wird – natürlich nach außen gedreht, also für das Gegenüber lesbar.

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In Österreich gibt es ca. 10.000 gehörlose Menschen, bis zu 400.000 Menschen sind schwerhörig, spätertaubt oder hörbeeinträchtigt. Die Ausstellung soll neben dem spielerischen Eintauchen in die Welt ohne oder mit nur wenig Hören, auch Barrieren in den Köpfen Hörender abbauen, die oft nicht wissen, wie sie handeln sollen. An einigen Stationen können über ein Quiz mit vorgezeigten Gebärden von Avataren die dazugehörigen Begriffe erraten, an anderen einige Gebärden selbst erlernt werden. An anderer Stelle hängen Fotos von berühmten Menschen, die auch (fast) nichts gehört haben. Dazu zählt nicht nur der berühmte Ludwig van Beethoven, von dem man’s weiß, sondern etwa auch der Erfinder (u. a. Glühlampe) Thomas Alva Edison.

HANDS UP – Eintauchen in die Welt der Gehörlosen

Öffnungszeiten
Dienstag bis Donnerstag: 9 bis 18:00 Uhr (letzte Führung um 17 Uhr)
Freitag: 9 – 17 Uhr (letzte Führung um 16 Uhr)
Samstag: 10.30 – 17 Uhr (letzte Führung um 16 Uhr)

Feiertage geschlossen, Ferien geänderte Öffnungszeiten - siehe Homepage.

Wo?
Schottenstift, 1010, Freyung 6/ 1. Hof Untergeschoß (Keller)

Reservierungen
Für die Teilnahme an Führungen: Telefon: (01) 890 60 60
Die Hotline wird vom Kooperationspartner „Dialog im Dunkeln“ betreut.

Gehörlose können per eMail buchen: booking@handsup.wien

Bei Interesse an Workshops in Unternehmen: office@handsup.wien

handsup.wien

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