Kiku 13.04.2018

Von indisch bis Breakdance - entfesselnde Tänze

Szenenfoto aus Pal, mein Bruder von der Ich bin O.K. Dance Company © Bild: Bettina Junasek

Das jüngste Stück der inklusiven Tanzgruppe „Ich bin O.K.“ derzeit im Dschungel Wien und später in anderen Theatern.

Von indischen Tänzen bis zu Breakdance-Moves spannt sich der Bogen der unterschiedlichen Bewegungsstile der Gruppe „Ich bin O.K.“ in ihrem jüngsten Stück „ Pal, mein Bruder“. Die sechs Tänzer_innen der inklusiven Dance Company werden diesmal von einem Live-Musik-Duo auf der Bühne begleitet.

Farbenfoh beginnt die Story vor bunten Vorhängen, mit einem argen Moment der Schockstarre endet sie. Was aufs erste wie ein Märchen mit offenem Ende aussehen könnte – für jene, die den Programmzettel nicht lesen – beruht auf einer wahren Geschichte: Jener von Jasmeet Kaur Lamba und ihrem Bruder Pal Singh Chopra. Gemeinsam mit Niklas Kern, Johanna Ortmayr, Marina Rützler und Alexander Stuchlik, musikalisch - manchmal auch gesanglich - begleitet von Amita Lugger und Deep Singh erzählen sie, wie Pal, ein wunderbarer, Freude bringender, fast immer strahlender Sonnenschein in seiner Heimat Indien ausgegrenzt wurde.

Pal, mein Bruder von der Ich bin O.K. Dance Company
Szenenfoto aus Pal, mein Bruder von der Ich bin O.K. Dance Company © Bild: Bettina Junasek

Verfolgt

Mit Down Syndrom geboren, wurde er – und in einem Aufwaschen auch die ganze Familie – gemobbt, diskriminiert, der Bub auch körperlich angegriffen, seine Zunge zerschnitten. Die Schwester fand Zuflucht in Afghanistan, von wo sie mit ihrer Familie – Mann und zwei Kindern – aufgrund zunehmender Gewalt und Kriegshandlungen erst recht fliehen musste. Nachdem sie in Österreich Zuflucht – und Frieden – gefunden hatte, setzte sie alle Hebel in Bewegung, auch ihren Bruder und die Eltern hierher zu bringen. Von Anfang an fand Pal aufgrund seines tänzerischen Könnens und seiner gewinnenden Art Zugang zu Tanz- und Theaterproduktionen, wirkte etwa bei „Traiskirchen, das Musical“ und in einer früheren „Ich bin O.K.“-Produktion mit. Am Rande dessen entstand die Idee für das aktuelle Stück.

In diesem wird sozusagen die ganze Geschichte komprimiert tänzerisch und nur mit wenigen erklärenden Worten gezeigt. Entfesselt wird aber nicht nur Pal selbst, entfesselt tanzt vor allem auch seine Schwester Jasmeet, die schon als kleines Mädchen getanzt hat, deren Traum es war, dies als Beruf auszuüben und die seit gut 20 Jahren dies nicht mehr tun konnte.

Pal, mein Bruder von der Ich bin O.K. Dance Company
Szenenfoto aus Pal, mein Bruder von der Ich bin O.K. Dance Company © Bild: Bettina Junasek

Inklusiv

Zeichnet sich „Ich bin O.K.“ seit Jahrzehnten durch den inklusiven Ansatz aus, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Stücke erarbeiten und auf Bühnen aufführen und obendrein geografische Grenzen sprengen - mit einem künstlerischen Leitungsduo mit ungarischen und tschechischen Wurzeln, so wird die Tür nun zur EINEN Welt weit aufgestoßen. Musik und Tänze aus Indien, einem weit entfernten Kulturkreis.

Offene, neugierige Annäherung wird etwa in der Szene ausgespielt, in der Niklas Kern, Johanna Ortmayr, und Alexander Stuchlik ihren neuen Kollegen Pal Singh Chopra um Teile seiner für sie fremden Kleidungsstücke bitten oder in der Pal und Johanna zaghaft fast zärtlich einander annähern. Spannend aber auch jene Szene gegen Ende, in der Marina Rützler mit Maske Jasmeet Kaur Lamba innere Stimme im Dialog, ob sie sich nun doch das Tanzen (wieder) zutrauen soll, verkörpert.

Schockstarre und Hoffnung

Ach ja, die Schockstarre gegen Ende: Die Stimme aus dem Off, die berichtet, dass Pals Aufenthaltsstatus in Österreich noch immer ungeklärt ist, „weil in Indien ja kein Krieg herrsche“. Bleibt zu hoffen, dass die heimischen Behörden seine individuelle Verfolgung anerkennen und ihm und seiner Familie, deren Unterstützung er braucht, das Recht gewähren, hier bleiben zu dürfen. Das würde auch weiteren Tausenden Besucher_innen von Stücken, in denen er dann tanzen wird, viel Vergnügen und Freude bereiten, die er von der Bühne her ausstrahlt.

 

Pal, mein Bruder von der Ich bin O.K. Dance Company
Szenenfot aus Pal, mein Bruder von der Ich bin O.K. Dance Company © Bild: Bettina Junasek

Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Pal, mein Bruder!
„Ich bin O.K.“ Dance Company
Inklusives Tanztheater, eine Stunde

Tänzer_innen: Jasmeet Kaur Lamba, Pal Singh Chopra, Niklas Kern, Johanna Ortmayr, Marina Rützler, Alexander Stuchlik
Choreografie: Hana Zanin Pauknerová, Attila Zanin
Dramaturgie: Verena Kiegerl
Live-Musik: Amita Lugger, Deep Singh

Pal, mein Bruder von der Ich bin O.K. Dance Company
Szenentoto aus Pal, mein Bruder von der Ich bin O.K. Dance Company © Bild: Bettina Junasek

Wann & wo?
Bis 18. April 2018
Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier
Telefon: (01) 522 07 20-20
www.dschungelwien.at

24. Mai 2018, 19.30 Uhr
Theater Akzent, Wien: 1040, Theresianumgasse 18
Telefon: (01) 501 65-13306
www.akzent.at

28. März 2019 (!)
10.30  und 18 Uhr
Niederösterreich
Festspielhaus St. Pölten, 3100, Kulturbezirk 2
Telefon: (2742) 90 80 80 600
www.festspielhaus.at

http://www.ichbinok.at/pal-mein-bruder-2018/

( kurier.at , kiku-heinz ) Erstellt am 13.04.2018