Jugendliche spielen Szenen rund um (erfolglose) Bewerbungen

© Heinz Wagner

Kiku
12/23/2019

„Man nennt uns die Schwierigen“

Jugendliche eröffnen Bildungsgespräche über „alternative (Aus-)Bildungs- und Unterstützungsformen“ mit kurzen Szenen.

von Heinz Wagner

„Willkommen bei … Chancen nützen – Lehre mit Karriere! … Bitte haben Sie noch etwas Geduld …“ Diese Warteschleife ertönt über die Lautsprecher. Jugendliche mit weißen, dünnen Masken vor ihren Gesichtern sitzen auf und am Rande der Bühne, Handy am Ohr. Die Ansage wiederholt und wiederholt sich – samt Anweisungen zur weiteren Bearbeitung diese oder jene Taste zu drücken. Schön langsam verlieren die jungen Darstellerinnen und Darsteller die Geduld, beginnen mit Füßen zu wippen, aufzustehen, im Kreis zu gehen. Ihre Ungeduld wird immer sicht- und spürbarer.

Input für Tagung

Es ist eine der Szenen, die Gülay Kurt, Gyner Myrtezani, Salma Hakimi, Yusuf Erdoğan, Chris Weber, David Radovanović, Aya Khalifa und Mohadesa Nabizada proben, als der Kinder-KURIER ihnen im Albert-Schweitzer-Haus zusehen darf. Dazu spielt Angelo immer wieder auf der Trompete Begleitmusik, die mitunter wie Kommentare zum Gespielten oder Gesagten wirken. Die kurzen Szenen speisen sich aus den Erfahrungen, die die Jugendlichen – und viele andere – bei der Suche nach einer Lehrstelle gemacht haben. Und sie werden am 10. Jänner einen Input anderer Art für die Bildungsgespräche des WAFF (Wiener ArbeitnehmerInnen FörderungsFonds) liefern. Die Tagung widmet sich „künftigen Herausforderungen an alternative (Aus-)Bildungs- und Unterstützungsformen für Jugendliche und junge Erwachsene in Wien“.

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Fakten

Die genannten Jugendlichen machen Ausbildungen in einer überbetrieblichen Lehre (bei Ibis-Acam/ Institut für berufsbezogene Information und Schulung + academy) – zu pharmazeutisch-kaufmännischen Assistent_innen oder Bürokaufleuten. Und sie zählen zu den sogenannten Schwierigen. Sie haben keine Lehrstelle bekommen – auch das speilen sie in einer Szene durch. Zuerst werden Tafeln mit den drei Wörtern „Wir“ „suchen“ „Sie“ den Jugendlichen – und dem Publikum (Teilnehmer_innen der Tagung) – entgegengehalten. Doch von sieben der Maskierten wird nur eine genommen. Das wird später aufgelöst, wenn Zahlen in die szenische Präsentation eingestreut werden. Unter anderem jene, dass im Jahr 2018 insgesamt 7.478 Jugendliche (erfolglos) auf Lehrstellensuche waren. Auf eine Stelle kommen bis zu sieben Bewerber_innen. Oder in Wien lediglich acht Prozent aller Unternehmen Lehrlinge ausbilden.

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„Schwierige“

Somit sind so manche der Jugendlichen oder jungen Erwachsenen angewiesen auf überbetriebliche Lehren. Und gelten als „Schwierige“ – nicht selten mit sogenanntem Migrationshintergrund. Obwohl doch eher jene Betreibe, die gar keine Lehrlinge ausbilden, die wirklich „Schwierigen“ sind.

Die Tagung wird sich mit dem Zusammenspiel bzw. Übergängen aus dem Sektor dieser alternativen Ausbildungseinrichtungen in den ersten Arbeitsmarkt und dafür gegebenenfalls erforderlichen Unterstützungsmaßnahmen beschäftigen.

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Masken weg – Gesichter da

Gegen Ende ihrer Performance nehmen die Jugendlichen ihre Masken ab und stellen sich der Reihe nach vor, holen sich sozusagen selbst aus der Anonymität der Zahlen:

„Ich bin die Gülay und bin in der Türkei geboren aber mit 6 Jahren nach Österreich gekommen und hier zur Schule gegangen. Nach der Schule habe ich einen Ausbildungsplatz als PKA gesucht, aber keinen gefunden. So bin ich über das AMS (Arbeitsmarktservice) in die ÜBA (überbetriebliche Ausbildung) bei IBIS acam gekommen.“

„Ich bin der Gyner, bin hier geboren, aber meine Eltern sind aus dem Kosovo. Auch ich will PKA werden.“

„Ich bin die Aya. Ich bin in Österreich geboren, habe aber ägyptische Wurzeln. Ich habe zuerst eine Ausbildung abgeschlossen. Dann aber war Matura Voraussetzung, diesen Beruf ausüben zu können. Also habe ich mich entschlossen, PKA (Pharmazeutisch Kaufmännische Assistent_in) zu werden. Ich habe unzählige Bewerbungen abgeschickt, aber selten eine Antwort bekommen.“

„Mir geht es auch so. Ich bin der Yusuf, bin hier geboren aber komme aus der Türkei und möchte Betriebslogistiker werden.“

„Ich bin die Mohadesa. Ich komme ursprünglich aus Afghanistan, bin aber im Iran aufgewachsen und seit 6 Jahren in Österreich und möchte unbedingt in einer Apotheke arbeiten.“

„Ich bin der Chris, meine Mutter ist Österreicherin und mein Vater Kroate. Ich möchte Bürokaufmann werden.“

„Ich bin die Salma und komme ursprünglich aus Afghanistan. Auch ich habe viele Bewerbungen abgeschickt. Bis heute ohne Erfolg. Ich möchte unbedingt PKA werden.“

„Bewerbungs“gespräche

Wie und was ihnen mitunter auch für seltsame Fragen in Bewerbungsgesprächen gestellt wurde, „haben wir auch in eine Szene eingebaut“, erzählen die Jugendlichen am Rande von Proben für ihren szenischen Konferenzeinstieg. Die sollen hier aber nicht verraten werden, denn dazu holen sie Freiwillige aus der Schar der Teilnehmner_innen auf die Bühne. „Die Ideen für die Szenen haben wir alle aus unseren Erfahrungen gesammelt und dann erarbeitet“ - mit einem ehemaligen Lehrer (Helmut Hostnig), der auch mit Jugendlichen immer wieder Radioprojekte gemacht hat.

Wünsche

Beenden werden die Jugendlichen ihren Auftritt mit Wünschen für „eine interessante Tagung mit vielen Lösungsvorschlägen für die Schwierigkeiten, die wir beim Übergang von der Ausbildung ins Berufsleben haben“.

Follow@kikuheinz

Update 25. Jänner 2020, 1 Uhr 43: Auf dringenden Wunsch des Lehrers und der WAFF-Vertreterin mussten die Videos gelöscht werden.

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