Kiku
15.04.2018

Jeder Mensch ist gleich, egal woher und woran er/sie glaubt

Jugendliche über eine Geschichtsstunde mit einer jungen Autorin, die das Leben einer Überlebenden des Holocaust aufgeschrieben hat.

Gespannte Stille, konzentrierte Aufmerksamkeit – und das schon die zweite Schulstunde hindurch in der Neuen Mittelschule am Mira-Lobe-Weg in Wien-Donaustadt am Ende der Großwohnanlage Rennbahnweg. Die Jugendlichen der Fachmittelschule, die sie statt eines Poly besuchen – lauschen höchst interessiert der Lesung, den Erzählungen bzw. dem Ausschnitt einer Radiosendung. In den Bann gezogen sind sie von dem, was die junge Journalistin und Autorin Marlene Groihofer aus Lilienfeld (NÖ) schildert. Diese gibt die Lebenserinnerungen der fast 92-jährigen Gertrude Pressburger wieder.

„Wären wir alle 80 Jahre früher geboren, wären wir mitten drinnen. Deswegen finde ich, jeder soll wissen und lernen, was damals passiert ist“, wird in der Woche drauf Sasha in seinem Aufsatz schreiben, der diesen Geschichts-Vormittag reflektiert. Und Jeanine formulierte: „Ich finde es gut, dass sie das geschrieben hat ... so können die anderen sehen, wie schrecklich es für jemanden in so einer Lage war. Ich denke, das hat was mit mir auch zu tun, da wir/ich die neue Generation sind. Das Buch bringt einen dazu, anders zu denken, z. B., dass jeder Mensch gleich ist, egal aus welchem Land er kommt oder welche Religion er hat.“

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Be-greifbare Zeitgeschichte

Pressburgers Lebenserinnerungen sind be-greifbare Zeitgeschichte. Aufgewachsen als Kind in Wien, musste sie am Ende ihrer Volksschulzeit miterleben, wie rassistischer Hass auf Jüdinnen und Juden unter den Anhängern des Faschismus Hitlers um sich griff. Obwohl selbst als katholische Familie sozialisiert, wurde auch Familie Pressburger – eine Oma war jüdisch – verfolgt. Und musste flüchten, um - zunächst - überleben zu können. Mehrere Städte und Orte in Jugoslawien und Italien waren jahrelang Zufluchtsorte.

Dann wurden sie in Italien von den Nazis gefangen genommen, mit Tausenden anderen in einem der Viehwagons ins Vernichtungslager Auschwitz verfrachtet, wo die jugendliche Gertrude sofort von ihrer Familie getrennt wurde. Mutter und die zwei kleinen Brüder wurden schon in den ersten Tagen vergast, wo und wann ihr Vater ums Leben gekommen ist, weiß Frau Pressburger bis heute nicht. Sie selbst überlebte, weil sie das Lager für einen Arbeitseinsatz andernorts verlassen durfte/musste und kam später über einen Gefangenenaustausch noch vor Kriegsende nach Schweden.

Wieder Wien

Von dort nahm sie nach dem Krieg Kontakt mit einer überlebenden Tante in Wien auf – wohin sie mit „Bauchweh“ fuhr und hier auch lebt – bei älteren Menschen hat sie immer die Bedenken und Ängste: Was hat die/der in jener Zeit, als sie flüchten musste und ihresgleichen verfolgt und ermordet wurde, getan.

Nur über persönliche Beziehungen gelang es der Journalistin Kontakt zu Gertrude Pressburger herzustellen. Sie gewann Vertrauen zu der jungen aufmerksamen Zuhörerin – und daraus wurde eine Radiosendung, die preisgekrönt wurde. In der Folge kam es zu intensiven rund 14 Tagen, in denen die alte Frau ihr Erlebnisse, die sie in der vollen Länge noch nie jemandem erzählt hatte, schilderte – woraus das Buch entstand. Auszüge dessen fesselten – wie eingangs beschrieben – Jugendliche der genannten Schule.

Gedanken von Schüler_innen

Die engagierte Lehrerin elisabeth Fraberger, die immer wieder in ihren Unterricht Zeitzeug_innen einlädt, ersuchte die Jugendlichen in der Woche nach dem intensiven Gespräch mit der jungen Autorin über das Leben der „Frau Gertrude“ – wie sie durch ein Video vor der Bundespräsidentenwahl 2016 bekannt wurde – Aufsätze zu schreiben. Einige davon wurden dem Kinder-KURIER zur Verfügung gestellt. Aus ihnen sei hier zitiert:

Benjamin schrieb: „Sie hat ihr ganzes Leben alles verschwiegen und geheim gehalten, was eigentlich sehr schade ist, da sie Angst hatte, dass man sich für ihre Geschichte nicht interessieren würde ...

Das Buch habe sie (Gertrude Pressburger) herausgebracht, „da sie der heutigen Jugend helfen möchte, damit sie nicht die gleichen Fehler machen wie früher. Als sie die Autorin kennenglernt hat, besser gesagt die Journalistin, war sie froh, einen Menschen gefunden zu haben, der genau wie sie alles versteht, der gleichen Meinung ist und ihr zuhört und nicht Antworten gibt wie „ja, die Zeit war früher, das ist jetzt nicht mehr wichtig und so weiter“.

Und ich selber finde, ob Jude oder sonst eine andere Religion, alle sind gleichberechtigt. Hauptsache, es halten sich alle an die Gesetze und sind sozial gegenüber anderen.“

Erniedrigt

Alena meinte: „Die Autorin hat die schlimme Zeit vom KZ (Konzentrationslager) ziemlich gut beschrieben und uns allen klargemacht, wie schlimm es war. Ich denke, es hat auch mit mir zu tun, weil wenn wir mehr hinterfragen und auch nachdenken, dann passiert so etwas wie im 2. Weltkrieg so schnell nicht mehr.... diese Leute wurden erniedrigt und man hat ihnen eine Nummer gegeben, man hat ihnen ihre Persönlichkeit genommen. Sie wurde behandelt wie der letzte Dreck. Die Zeit war sehr schlimm und ich hoffe, dass es nicht wieder passiert, denn die Leute hatten es sehr schwer und haben es immer noch schwer.“

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Angst, selber aus dem Krieg

Auf die Frage, was diese Geschichtsstunde mit den Schüler_innen selber zu tun habe, schrieb Mustafa: „Ich kann mir vorstellen, dass die Frau Pressburger damals Angst hatte, weil ich selber auch in einem Krieg war.“

Jeanine formulierte u.a.: „Ich finde es gut, dass sie das geschrieben hat ... so können die anderen sehen, wie schrecklich es für jemanden in so einer Lage war. Ich denke, das hat was mit mir auch zu tun, da wir/ich die neue Generation sind. Das Buch bringt einen dazu, anders zu denken, z. B., dass jeder Mensch gleich ist, egal aus welchem Land er kommt oder welche Religion er hat.“

Hoffentlich nie wieder!

Albin: „Es war sehr traurig, als sie erzählt hat, dass ihre Mutter und ihre Brüder vergast und anschließend verbrannt worden sind... Ich habe lange darüber nachgedacht, wie es sein würde, wenn ich meine Familie so verlieren würde. Aber ich verstehe nicht, wie man so was machen kann.“

„Jeder meiner Freunde und ich haben Migrationshintergrund. Wären wir alle 80 Jahre früher geboren, wären wir mitten drinnen. Deswegen finde ich, jeder soll wissen und lernen, was damals passiert ist. Immer wenn wir über das Thema reden, bin ich froh, dass ich nicht 80 Jahre früher geboren bin, sonst würde ich genauso wie die anderen unter Hitlers Diktatur leiden.
Die Frau Pressburger ist, finde ich, eine sehr starke Frau, das meine ich als junger Mann. Ich würde das denk ich nicht überleben oder physisch aushalten. Viel Respekt an die Frau Pressburger, dass sie es auch ohne ihre Familie ausgehalten hat. Ich fin’s schade, dass sowas passiert ist, nur weil man Jude oder sonstiger war. Ich danke nochmal, dass es mir gut geht und ich nicht sowas erleben musste. Hoffentlich wird so was nie wieder passieren!“, schreib Sasha.

NMS Mira-Lobe-Weg Lesung aus

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Schüler begrüßen ...

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... die junge Autorin, die die Lebenserinnerungen der Zeitzeugin aufgezeichnet hat

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Während Marlene Groihofer....

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... liest, ...

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... hören die jugendlichen ...

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... Fachmittelschüler_innen ...

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konzentriert und angespannt ...

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.... zu ...

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Gruppenfoto mit ...

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... der Autorin ...

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... in der Mitte

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Um dieses buch drehte sich der Vormittag