Besser Gefühle aktiv aufzuzeichnen, als ohnmächtig in Ängsten versinken - ist auch der Gedanke des Kinderarztes und Psychotherapeuten Klaus Vavrik (links oben)

© Tatjana Dschemilewa/Vavrik/APA-Fotoservice

Kiku
04/10/2020

Halt geben, Ehrlichkeit, sowie Zuversicht

Kinderarzt und Psychotherapeut Klaus Vavrik im KiKu-Gespräch über Ängste von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise.

von Heinz Wagner

Sebis Aktivitäten gefallen auch dem Kinderarzt und Psychotherapeuten Dr. Klaus Vavrik. „Das Schlimmste ist – nicht nur für Kinder, aber für die besonders – das Gefühl von Ohnmacht. Handlungen, Tätigkeiten helfen aus dieser Ohnmacht, jede Aktivität ist gut gegen Ängste“, so der ärztlichen Leiter des Ambulatoriums für Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie, gegenüber dem Kinder-KURIER.

Wenn solches Basteln oder Geschichten nicht zwanghaft verordnet werden, sind sie jedenfalls bei jungen Kindern sehr hilfreich.

Je nach Alter

Schulkinder brauchen dann vielleicht mehr an Faktenwissen, um mit Ängsten umzugehen und Jugendliche wollen vielleicht mehr in Ruhe gelassen werden und sich selbst ihre Bewältigungs-Strategien regeln – natürlich auch da idealerweise mit dem Angebot zur Unterstützung.

Der Kinder-KURIER befragte Vavrik anlässlich der Veröffentlichung einer Studie unter italienischen Kindern und Jugendlichen wonach Angst vor Corona-Virus jedes dritte kritische Gespräch in sozialen Medien von 6- bis 17-Jährigen dominiert – siehe auch.

Zur Studie könne er nichts sagen, weil er auch nur die Zusammenfassung, nicht aber die Studie selbst kenne. Aber natürlich erzeuge das allgegenwärtige, oft fast ausschließliche Thema Corona samt den Folgen wie Ausgangsbeschränkungen ein Gefühl von Ausgeliefert-Sein. Und das wirke sich auf Kinder und Jugendliche unterschiedlich aus. Wer in einem guten sozialen Netz eingebettet ist, sich auch sonst im eigenen Leben weitgehend sicher fühlt und jetzt Antworten auf Fragen bekommt und sich mit den eigenen Sorgen und Nöten aufgehoben fühlen kann, ist sicher weniger verunsichert.

Klare Tagesstruktur

Er selbst, der auch sozialpädagogische Einrichtungen professionell betreut, aber auch Kolleg_innen berichten, dass es bei Kindern und Jugendlichen, die schon Angsterkrankungen haben oder auch sonst psychisch nicht stabil sind, die über ein schwächeres soziales Netz verfügen, natürlich viel mehr Ängste gibt. Für solche Kinder und Jugendliche ist oft auch ein klar geregelter, strukturierter Tages- und Wochenablauf viel wichtiger. Der gerät jetzt durcheinander. Auch ist der Kontakt zur Herkunftsfamilie jetzt seit fast schon einem Monat unterbrochen. Für einige wenige sei die Ausnahmesituation sogar eine Verbesserung, weil ihnen die Kontinuität in der Einrichtung gut tut – das seien aber eher die Ausnahmen, so Vavrik.

Auch seine Beratung und Hilfe könne derzeit nur fernmündlich oder telemedizinisch erfolgen. Über diese konkrete Hilfe hinaus, nennt der Arzt und Psychotherapeut, der auch Ehrenpräsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit ist, drei Ebenen die man im Auge haben soll und muss.

Zeitleiste

Die erste bezeichnet er Psycho-Edukation: Kinder brauchen klare Infos, beispielsweise wer in welcher Weise gefährdet ist und dass sich da Kinder weniger Sorgen machen müssen. Wobei Vavrik dagegen ist, Kinder mit Infos zu überschütten, sondern eher umgekehrt darauf zu hören, welche Fragen sie haben. Insofern plädiert er auch für „Schutz vor allzu vielen Medien, also nicht junge Kinder vor die Zeit im Bild zu setzen“. 

Zu den schon wichtigen Infos zählt er aber eine Art Zeitleiste, um einem diffusen Gefühl der „Ewigkeit“, eines neuen Dauerzustandes entgegen zu wirken. Also beispielsweise jetzt am Kalender zu zeigen, heute ist dieser Tag, ab 14., also in weniger als einer Woche beginnen zusätzliche Geschäfte aufzusperren usw.

Angebot zu Gesprächen

Im Zusammenhang mit Information kommt Vavrik auf die besagte Studie zu sprechen und meint, „wie sonst auch, sind Kinder und Jugendliche mit Social Media oft sehr allein gelassen. Sie erzählen sich gegenseitig Ängste, werden von Gerüchten überschwemmt… Es geht nicht darum, dass Eltern oder Betreuer_innen anfangen zu kontrollieren, sondern sich als Gesprächspartner_innen anbieten für Rückfragen, für Sorgen, Ängste, auch Gerüchte…“

Zur „Psycho-Edukation“ zählt der Arzt und Psychotherapeut auch systematischen Abbau von Belastungen und dazu zählt nicht zuletzt: Bewegung!

Auf Dynamiken achten

Ebene 2: Beziehungspflege: Beim ständigen aufeinander picken auf eng(st)em Raum verstärken sich Familiendynamiken – das kann einerseits zu einem Gefühl des Geschützt-Seins, Miteinander führen, aber auch Spannungen erhöhen.

Hier haben Eltern dann die große Verantwortung zu bemerken, nachzufragen, wenn sie Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder bemerken. Und auch zu erklären, dass es nicht ihre willkürlichen Entscheidungen sind, sondern von außen vorgegebene Schutzmaßnahmen.

rettungsring.jpg

Hilfe holen – und annehmen

Punkt 3: Wichtig sei aber, dass Eltern auch auf sich selbst schauen, denn nur dann können sie Kraft schöpfen und Zuversicht vermitteln. Dazu zählt auch, sich nicht zu schämen oder scheuen, zuzugeben, Hilfe oder Unterstützung zu brauchen – und sie dann auch annehmen können. Ob das nun Telefonberatung ist oder die Jugendhilfe, die auch Unterstützung schickt. Oder dass jemand anderer Essen bringt oder … sich auch mit Kindergarten bzw. Schule in Verbindung zu setzen, um die Kinder zumindest zeitweise in deren Obhut zu übergeben. Diese Entlastung tut allen Beteiligten gut.

„Halt geben, Ehrlichkeit im Umgang mit den Ängsten und miteinander, sowie Zuversicht – diese drei Punkte sind’s, die den wahrscheinlich besten Rahmen schaffen, um mit dieser belastenden, außergewöhnlichen Krise umzugehen“, fasst Klaus Vavrik sein Credo zusammen.

Follow@kikuheinz

Kinderjugendgesundheit.at

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.