Monsieur Ibrahim: Michael Abendroth, Bagher Ahmadi als "Momo" und Dominik Warta (hier als Polizist)
 

© Barbara Pálffy / Volkstheater

Kiku
12/13/2019

Ibrahim und Moses – blumige Geschichte, wunderbar gespielt

Das Volkstheater tourt mit einer wunderbaren Version von „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ durch Wiens Bezirke.

von Heinz Wagner

„Ich hätt nicht gedacht, dass das so amüsant wird“, meinte eine der – zumeist – älteren Besucher_innen der Vorstellung „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ ungefähr im ersten Drittel der Vorstellung Theatersaal der Volkshochschule Erlaa (Wien-Liesing). Das Volkstheater tourt mit dem Stück in einer 3-Personen-Version durch Veranstaltungszentren in Wiener Bezirken. Meist besuchen Abonnent_innen die Aufführungen. Da sei das dazwischen Quatschen durchaus nichts Ungewöhnliches, erfährt der Rezensent, der schon lange keine Bezirks-Aufführung mehr besucht hat.

Anfangs nervig, wird es nach und nach Teil der Atmosphäre – und damit hier nun Teil der Berichterstattung.

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Worum geht’s?

Nun aber zum Wesentlichen, zum Stück und seiner Umsetzung. Bekannt ist der Stoff vor allem durch seine Verfilmung (2003) mit Omar Sharif. Der baute auf der Erzählung auf, die Éric-Emmanuel Schmitt aber erst nach seiner Theaterversion verfasst. Er sah sich – wegen zahlreicher Parallelen - mit Plagiatsvorhalten - durch Romain Gary „La vie devant soi“ (Du hast das Leben noch vor dir) – konfrontiert.

Wer’s dennoch nicht kennt: Moses, der ungefähr 11-jährige Bub aus der Rue Bleue (Blaue Straße) flüchtet immer öfter in das kleine Geschäft von Monsieur Ibrahim, weil zu Hause zwischen ihm und seinem Vater beinahe totale Sprachlosigkeit herrscht. Mehr und mehr wird der „Araber“, wie der Ladenbesitzer in diesem Pariser Viertel genannt wird, obwohl er gar kein Araber ist, zu einer Art Ersatzvater. Letztlich adoptiert der ihn dann auch und vererbt ihm als er auf einer gemeinsamen Bildungsreise stirbt, den Laden und einen Koran – mit getrockneten Blumen. Der leibliche Vater hat sich davor selbst das Leben genommen – dessen Verzweiflung über die Ermordung seiner Eltern durch die Nazis wird in dieser Bühnenversion leider ausgelassen.

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Gelassenheit pur

Der stoisch ruhige Ladenbesitzer Ibrahim ist ein Moslem der Glaubensrichtung Sufismus vielleicht am meisten bekannt durch das Tanzen der Derwische – als Verbindung zwischen einer Art Jen- und dem Diesseits. Diese Atmosphäre – mit Ausnahme des wilden Tanzes – vermittelt Michael Abendroth hervorragend. Er lässt auch von Anfang an nachsichtig durchblicken, dass er die kleinen Diebstähle von Momo natürlich sehr wohl bemerkt.

Sehr wandlungsfähig

Recht wandlungsfähig gibt sich Dominik Warta. Er spielt sowohl den irgendwie verzweifelten, vor allem aber ignoranten Vater von Moses, der seinem Sohn immer den nicht (mehr) vorhandenen größeren Bruder vorhält als auch gegen Ende die wieder aufgetauchte Mutter. Und dazwischen einen Polizisten ebenso wie Brigitte Bardot, vor Jahrzehnten ein angebliches Sex-Symbol.

Sehr überzeugend

Momo selbst wird von Bagher Ahmadi gespielt, der erst im dritten Jahr an der MUK (Musik und Kunst Universität der Stadt Wien) Schauspiel studiert. Ihn eine Entdeckung zu nennen, würde ihm dennoch nicht gerecht, er hat schon in zahlreichen Filmen sehr überzeugend gespielt (u.a. „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“, „SOKO Donau / SOKO Wien“) aber auch schon eigene Filme produziert, die u.a. bei den Video- und Filmtagen gelaufen sind (u.a. „Der unfertige Mann“).

Ob den noch nicht einmal 14-jährigen, fast draufgängerischen, erkundungslustigen Buben oder den angesichts des ihn mehr oder minder ignorierenden Vater enttäuschten Jungen, den an Ibrahims Islam interessierten jungen Juden – ob in leisen Tönen oder in lautstarken Passagen, etwa auch als er einen Schreikrampf kriegt, als der Polizist ihm vom Tod des Vaters berichtet, der junge Schauspiel(schül)er versprüht in allen Szenen Spielfreude und lässt sein entsprechenden –können spüren.

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Religionen er-riechen

Auch wenn dies nicht unbedingt das zentrale Thema ist, so werden auf dezente Art und Weise auch Fragen nach und von Religionen verhandelt – mitunter auch sehr amüsant, beispielsweise, wenn Ibrahim und Moses sich darüber unterhalten, dass Gotteshäuser am Geruch zu erkennen seien: Kerzenwachse für katholische Kirchen oder wenn es nach Zehen und Socken riecht, befinde man sich in einer Moschee.

Mehrsprachiges Redetalent

Bagher Ahmadi musste übrigens schon ungefähr im Alter der Hauptfigur des Stückes/der Erzählung (wo 11 angegeben wird) aus Afghanistan alleine flüchten – zunächst in den Iran und auch von dort weg und landete vor rund sieben Jahren in Österreich. Während der Schulzeit schaffte e es übrigens auch ins Finale des mehrsprachigen Redebewerbs „Sag’s Multi!2 (2015/16 mit Deutsch und Farsi/Dari). Der Kinder-KURIER zitierte damals aus seiner Rede: „Wer Zäune baut, sperrt sich letztlich selber ein!“ (Ende Februar 2016). Mehrmals greift er auch in diesem Stück zu seiner Erstsprache und vermittelt auch denen, die’s nicht verstehen, ein Gefühl samt Sprachmelodie.

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Energie und Bühne

Wenn schon mit einer doch recht lautstarken Zwischenbemerkung einer Besucherin begonnen wurde, soll auch eine andere am Ende stehen: „Mah, so eine Energie, die da von der Bühne kommt!“.

Übrigens eine wunderbare Guckkastenbühne mit einer schwarzen Tafel im Hintergrund, die von den drei Schauspielern immer wieder zu ergänzenden, erklärenden Zeichnungen verwendet, mitunter auch bespielt wird - wenn ein dicker Strich und zwei mit Kreide aufgemalte Gläser eine Bar ergeben (Bühne: Sabrina Rox).

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Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

von Éric-Emmanuel Schmitt
Deutsch von Annette und Paul Bäcker
Fassung von Jan Gehler und Michael Isenberg
Volkstheater/Bezirke

Regie Jan Gehler

Moses, genannt „Momo“: Bagher Ahmadi
Monsieur Ibrahim: Michael Abendroth
Moses‘ Vater/seine Mutter/Polizist/Brigitte Bardot …: Dominik Warta

Bühne und Kostüme Sabrina Rox
Dramaturgie Michael Isenberg

Regie-Assistenz, Soufflage, Inspizienz: Elisabeth Balog, Jakob Gföhler

Wann & wo?
Bis 1. Februar 2020
Verschiedene Spielstätten in Wien
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