Links ein Szenenbild aus dem Rabenhof, rechts eines von der Studiobühne der Linzer Kammerspiele

© Petra Moser, Ingo Pertramer/Rabenhof, Montage: Heinz Wagner

Kiku
12/19/2019

Feuer-, Wissensbringer und Menschenmacher mal 2

„Prometheus“ – als flottes Schauspiel ab 10 (Wien) und als Experiment zwischen Bühne und künstlicher Intelligenz (Linz).

von Heinz Wagner

Willst du nicht einmal … - so manch Vorbeikommende Götter fragt Atlas, ob sie nicht einmal den großen Ballon halten wollen. Die Frage mit der Hoffnung, die Last los zu werden, wird eine kurze Zeit lang zum Running Gag in der Rabenhof-Version von „Prometheus“ für ein Publikum ab 10 Jahren. Seit einigen Jahren produziert das Rabenhof-Team für das Theater der Jugend jeweils einen klassischen mythologischen Stoff in flotter, leicht fasslicher Version mit viel (Spiel-)Witz.

Der Ballon symbolisiert natürlich das Himmelsgewölbe, das Atlas, der im Kampf der Göttergeschlechter auf der Verliererseite (Kronos) stand, zur Strafe der Sieger, der Titanen unter Zeus, tragen muss. Und dem sowohl die Bücher mit den Landkarten der Welt als auch unser erster Halswirbel (der den Kopf trägt) den Namen verdanken.

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Geier statt Adler

Atlas ist hier aber nur eine „Randfigur“, natürlich geht’s diesmal zentral um jenen Gott, der heimlich den Menschen das Feuer brachte - trotz Verbots durch Chef-Gott Zeus. Der ließ ihn dafür an einen Felsen im Kaukasus fesseln. Das war noch nicht Strafe genug, jeden Tag kam – in den meisten Überlieferungen dieses griechischen Mythos - ein Adler und fraß die Leber des Gefangenen. Hier ist der Gefangene nicht einmal den Adler wert, weswegen ein Geier (den es übrigens auch in wenigen Versionen dieses vielleicht meist bearbeiteten Mythos gibt) Promethues Leber pickt. Weil der aber ein Gott war, starb er nicht dran, die Leber wuchs nach. Also Leiden ohne Ende. Fast. Denn der Raubvogel wurde irgendwann von Herakles per Pfeilschuss erlegt.

Das ist der Kern dessen was seit nicht ganz 3000 Jahren erzählt und überliefert wird. Wobei sich nicht nur Details, sondern vor allem Deutungen und Schwerpunkte immer wieder verlagerten. In manchen Epochen gilt Prometheus als Held, weil das Feuer den Menschen viel für ihre Entwicklung brachte und obendrein noch als Symbol für eben diesen Fortschritt, aber auch Weisheit usw. steht.

In anderen Phasen der Geschichte wurde das Hinwegsetzen Prometheus über das ober-göttliche Gebot höher bewertet und die Strafe als gerecht betrachtet.

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Lehm-Basteleien

Weniger bekannt als die Feuerbring-Geschichte ist vielleicht jene, das Pro- und Epi-metheus beim Spielen mit Lehm, dem später die Göttin Athene die Seele eingehaucht haben soll, Tiere und Menschen erschaffen haben. Ersterer von der Bedeutung des Namens Voraus-, Zweiterer Nachher-denker.

In der Rabenhof-Version entstehen die Menschen übrigens aus jenem Ton, der irgendwie beim Formen der Tiere übrigbleibt- ein Hinweis darauf, dass sie vielleicht doch nicht die „Krone der Schöpfung“ sind  ;)

Die rund eineinhalb Stunden sind – wie die vorherigen Klassiker hier in diesem Theater – von viel Spiel- und Wort-Witz geprägt. Von Jahr zu Jahr werden sie nun besser. Auch Prometheus kommt ohne billige Klamauk-Schmähs – wie jahrelang „Ende Gelände“ – aus.

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Passt doch auf!

Und so fast nebenbei und damit dezent vermittelt die kurzweilige Aufführung auch Botschaften: Irgendwann sind – bis hinauf zu Zeus die Götter mit dem Werk nicht wirklich glücklich – kopieren sie doch den Kampf der verschiedenen Göttergeschlechter, sind um Nichts besser. Und sind drauf und dran, so ziemlich viel auf dem Planeten kaputt zu machen. Doch auch das wird die Erde und das Universum überleben – dann eben ohne Menschen.

Was lange nach dem Besuch der Aufführung bleibt, ist ein leichtes, beschwingtes Gefühl und – für manche vielleicht auch bedauerlicherweise – der nicht leicht loszuwerdende Ohrwurm: „Ti –ta-no“ nach der Melodie von Umberto Tozzis „Ti amo“

Prometheus
In Kooperation mit dem Theater der Jugend

Epimetheus, Hades, Kratos, Geier: Okan Cömert
Herakles, Bia: Christoph Hagenauer
Hera, Pallas Athene, Pandora: Saskia Klar
Zeus: Bernhard Majcen
Atlas, Hephaistos: Tobias Ofenbauer
Prometheus, Poseidon: Ingo Paulick

Buch und Regie: Roman Freigaßner-Hauser
Bühne: Veronika Tupy
Kostüm: Anett Jäger
Musik: Josch Russo

Wann & wo?
Bis 17. Februar 2020
Rabenhof Theater: 1030, Rabengasse 3
Telefon: (01) 712 82 82
rabenhoftheater

events.at

„Entfesselte“ künstliche Intelligenz

„Prometheus Unbound“ der „CyberRäuber“ auf der Studiobühne der Kammerspiele des Linzer Landestheaters – in Kooperation mit dem Staatstheater Karlsruhe.

Im Sommer boten die „CyberRäuber“ Besucher_innen – jeweils im Duo - beim Schäxpir-Festival per Joystick und VR-Brille einen virtuellen Rundgang durch eine Art Cyber-Museum mit Begegnungen von Julia und Romeo. Mit „Prometheus Unbound“ beschreiten Marcel Karnapke und Björn Lengers mit ihrem Team einen ganz anderen Weg in Sachen Theatererlebnis zwischen Reali- und Virtualität. Zwischen Publikum und riesigen Projektionswänden agieren Angela Waidmann und Alexander Julian Meile live rund eine Stunde „Prometheus unbound“.

Dieser Gott, dessen Name Voraus-Denker bedeutet, war auf Befehl von Götter-Chef Zeus an einen kaukasischen Felsen gefesselt worden. Als Strafe dafür, dass er den Menschen heimlich das Feuer, zuvor Privileg der Götter, gebracht hatte.

Die Entfesselung jenes Gottes, der nicht nur als Feuerbringer, sondern mit seinem Bruder Epitmetheus als Menschenschöpfer in der griechischen Mythologie gilt, erfolgt hier im Wechselspiel mit künstlicher Intelligenz. Die CyberRäuber, die sich auch „digitale Erzähler“ nennen, forschen sozusagen künstlerisch an der Schnittstelle zwischen analoger und virtueller Theaterwelt.

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1300 Jahre

Insofern bot sich die Kooperation mit dem Theater in Linz sowie dem Badischen Staatstheater Karlsruhe an. In der oberösterreichischen Landeshauptstadt arbeitet das Ars Electronica Center, auch Museum der Zukunft“ genannt, seit 1996 an der Verbindung bzw. Nahtstelle von Kunst und jeweils neuen Technologien. Ebenso das Zentrum für Kunst und Medien in der zweitgrößten Stadt Baden-Würtemmbergs (seit 1989). In Linz wurde sogar schon davor (ab 1987) der weltweit renommierteste Preis für medien-technologische Kunst vergeben.

Auf der Bühne – jetzt in Linz, später in Karlsruhe - beginnen die beiden lebendigen, also analogen, Schauspieler_innen unter anderem Textstellen aus verschiedenen „Prometheus“-Übersetzungen der Aischylos-Version zu zitieren. Die Passagen werden live am Rande der Bühne von Nina Metzger 6im Computer in den sogenannten GPT-2 (Generative Pretrained Transformer) eingegeben. Dieses Programm produziert aus eingegebenen Daten eigenständig neue - bei Texten – Fortsetzungen. Davor wurde – nicht für dieses Projekt – dieses Text-Schöpfungsprogramm vom Unternehmen OpenAI LP mit rund 40 Gigabyte an verschiedenartigsten Textsorten gefüllt. Die etwa acht Millionen Dokumente würde eine – ununterbrochene – Lesezeit von 1300 Jahren in Anspruch nehmen, erzählt das Bühnenduo.

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Wo ist der Übergang?

Die beiden haben jeweils einen Knopf im Ohr. Das Programm übersetzt den in Sekundenbruchteilen geschaffenen neuen Text, der an die beiden Wände projiziert wird, gleichzeitig in hörbare Digitalsprache, die Waidmann und Meile ins Ohr kriegen und in ihrer menschlichen, analogen Sprache vortragen und spielen.

Da diese künstliche Intelligenz zufällig, irgendwie kreativ arbeitet, „spuckt“ GPT-2 nicht jeden Abend den selben Text aus, überrascht also auch die Darsteller_innen.

Auch wenn der Abend entfesselter Prometheus heißt, beschränken sich die Texte nicht auf diesen griechischen Mythos, sondern nehmen ihn gleichsam „nur“ als Metapher für das Schöpferische wofür das neue gewonnene Feuer ja auch steht. Eine andere Passage des Schauspiels mit den überraschend von der Maschine fortgesetzten Texten setzt beim Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ von Yuval Noah Harari an. „Da fällt es sogar uns schwer, immer die Grenze, den Übergang vom Originaltext zur Fortsetzung durch die künstliche Intelligenz zu finden“, meinte Björn Lengers, einer der beiden CyberRäuber, nach der Premiere auf der Studiobühne der Kammerspiele des Linzer Landestheaters zum Kinder-KURIER.

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Fels in der Brandung?

Einen anderen Textanfang fand das Team auf dem schwarzen Brett des Landestheaters. Dort stand in einem Text, Theater sei der analoge Fels in der Brandung der digitalen Welt. Die nun doch auch das Theater auf der Bühne umspült – und mitspielt. Abgesehen davon, dass Ton, Licht und Bühnentechnik meist schon sehr lange digital gesteuert werden ;)

Der Abend beschränkt sich aber nicht nur auf Text und Schauspiel. Viele Bilder bespielen die großen Screens. Ob Gemälde oder Porträtfotos auch sie sind Produkte künstlicher Intelligenz. Der Computer schafft aus Fotos von Gemälden jede Menge eigener, neuer Bilder. Und die täuschend echt wirkenden Star-Fotos zeigen allesamt Gesichter nicht existierender „Menschen“.

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Was ist wahr?

Fakt oder Fake – immer wieder zwischendurch, vor allem aber nach diesem spannenden Theaterabend drängt sich diese Frage auf. Lässt sich die eine künftig überhaupt noch von der anderen Welt unterscheiden?

Andererseits: Abgesehen von verschiedenen Erzählungen und Interpretationen der Prometheus-Geschichte, erkannte vor mehr als 150 Jahren die Mythenforschung Parallelen zwischen diesem und indischen Sagen. Und viel naheliegender: Sind nicht Bilder über die Indigenen in Amerika mehr von Karl Mays Winnetou und anderen „Indianer“-Geschichten geprägt als von Biographien echter, einst lebender Stammesführer?

Follow@kikuheinz

Compliance-Hinweise: Das Linzer Landestheater zahlt dem Kinder-KURIER die Bahnfahrt Wien-Linz-Wien, um die Berichterstattung zu ermöglichen.

Hier unten geht's zu einer KiKu-Story über drei Produktionen zwischen Reali- und Virtualität beim Lkinzer Schäxpir-Festival im Sommer:

Prometheus Unbound
Ein Projekt der CyberRäuber in Koproduktion mit dem Landestheater Linz und dem Badischen Staatstheater Karlsruhe im Rahmen des Projektes „social virtuality – Theater in der digitalen Realität“
ca. eine Stunde

Leitung und Inszenierung: Marcel Karnapke und Björn Lengers (CyberRäuber)
Es spielen live: Angela Waidmann und Alexander Julian Meile

Bühne und Kostüme: Angelika Daphne Katzinger
Dramaturgie: Wiebke Melle
Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann

Regie-Assistenz und Abendspielleitung: Nina Metzger
Musikalische Einstudierung: Nebojša Krulanović
Musikalische Assistenz: Alexander Maulwurf
Inspizienz: Gabriela Korntner
Soufflage: Anna Vladimorov

Wann & wo?
Bis 18. Feburar 2020
Studiobühne der Kammerspiele des Landestheaters Linz
4020 Linz, Promenade 39
Telefon: (0732)76 11-400

landestheater-linz

events.at

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