Kiku
17.06.2018

Brücke zwischen Gesellschaftspolitik und Alltagsverhalten

© Bild: Stefan Hauer

"Die wunderbare Zerstörung des Mannes - Bestandsaufnahme einer Verstörung" bricht Patriarchat auf Alltagsverhalten herunter.

Über das wichtige Thema von Rollenbildern bei Männern und Frauen und Vorurteile oder Benachteiligung, die dadurch entstehen können, wird in unserer Zeit viel gesprochen und diskutiert. Oft auch auf einer politischen Ebene, doch in dem neuen Stück „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“, des Aktionstheater Ensembles, passiert dies auf eine ganz neue, vor allem sehr persönliche Weise. Dort sind es die Männer, die anhand ihrer eigenen Geschichten über die Frage von patriarchalen Gesellschaftsstrukturen reflektieren.

Wie viel Platz für neue, ungebundene Gedanken zur Verfügung steht, merkt man gleich zu Beginn, denn der Fußboden ist ganz weiß und unbeschrieben und auch die 6 Protagonisten tragen nichts außer weißer Unterwäsche. Fast wirken sie auf eine Weise ausgesetzt und ein wenig unsicher, als 5 von ihnen anfangs nebeneinander stehen und versuchen sich aneinander zu orientieren, um herauszufinden wie sie sich verhalten sollen.

Doch dann kommt Benjamin in den Saal. Mit einem schwarzen Stift beginnt er sie zuerst zu umrunden und einzugrenzen und schreibt dann ihre Namen auf den Boden. Nun werden die Darsteller schon nahbarer und schließlich ganz als die Personen greifbar, die sie sind, als sie beginnen ihre Erfahrungen mit dem Publikum zu teilen. Dabei scheuen sie vor nichts zurück und wagen sich auch an jene Themen und Gedanken, die man sich selbst vermutlich manchmal nicht eingestehen möchte, da man dadurch vielleicht riskiert sich angreifbar zu machen.

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© Bild: Gerhard Breitwieser

Ängste

Es beginnt bei dem Thema der eigenen Ängste.
So erzählt beispielsweise Andreas über seine Sorge, dass aufgrund der schlecht gebauten Türe in seiner Wohnung in Berlin eingebrochen werden könnte.

Schließlich teilen die Protagonisten auch ihre Alpträume. Benjamin erzählt, dass er träumte, dass er erschossen wurde und Fabian, dass er jemanden mit einem Pinsel erstochen hat. Andreas schildert einen Traum, in dem er aufgeschnitten und ihm all seine Organe und Knochen entnommen wurden. Bei seinen genauen, bildhaften Beschreibungen bekommt man ein Gefühl von Gänsehaut und fast ist es, als könnte man den Traum selbst vor sich sehen.

Auch sprechen die Schauspieler ganz ehrlich über ihren Stolz, sowie die Angst davor, dass er gebrochen werden könnte. „Ich mag es, wenn ich etwas selbst gemacht habe.“, ruft beispielsweise Sascha mit aufgeregt leuchtenden Augen in den Raum. Schließlich gestehen sich die jungen Männer auch ein, dass sie beim Laufen manchmal das Gefühl haben, schneller sein zu müssen als die Anderen, um sich selbst und den Menschen um sie herum etwas zu beweisen.

Thomas spricht darüber, dass er, auch wenn er eine Freundin hat, oft ein Auge darauf wirft, ob er auch von anderen Frauen auf der Straße noch als Mann wahrgenommen wird.
Auch erzählt er über den Teufelskreis, in den er manchmal beim SMS-Schreiben verfällt, wenn er sich beispielsweise per Nachricht bei einem Mädchen entschuldigt und sie nicht antwortet. Er erzählt, dass er dann das Bedürfnis hat, ihr immer wieder etwas nachzuschicken. Auch wenn es nur ist um ihr zu sagen, dass er weiß, dass sie die Entschuldigung nicht annehmen muss und dass er die Sache nicht größer machen möchte als sie ist.
Peter berichtet mit Wehmut über den Konkurs der Firma seines Großvaters und träumt sich dabei in die Vorstellung, dass er nun derjenige sein könnte, der sie führt.

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© Bild: Stefan Hauer

Verletzlichkeit

Zu jenen Themen hat Benjamin meist einen anderen, viel lockeren Bezug. Oft verzaubert und erfrischt er seine Kollegen und das Publikum mit seinen lustigen Geschichten. So erzählt er beispielsweise, dass er lieber untertaucht, wenn andere Männer wie Piranhas um die Wette schwimmen. Oder dass er im Baumarkt gerne sagt, dass er sich gar nicht auskennt, um den Angestellten die Freude zu machen ihm alles zu erklären. Schließlich gibt er den anderen Tipps, wie sie sich verhalten sollten, damit die Frauen keine Angst vor ihnen haben. Er empfiehlt ihnen, zügig zu gehen „und diese engen Sachen sind nicht gut.“, sagt er und schlägt ihnen vor stattdessen weite Kleidung zu tragen.

Gegen Ende sprechen die Protagonisten schließlich auch über ihre eigene Verletzlichkeit. Fabian thematisiert die Sehnsucht einfach geliebt und akzeptiert zu werden und sich dafür nicht verstellen zu müssen und Sascha erzählt über den Wunsch schwach sein zu dürfen; Sich zum Beispiel einfach ohne Bedenken in die Arme einer Frau fallen zu lassen.

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© Bild: Stefan Hauer

Sängerin, Bommel, Animation

Immer wieder sind alle geeint, wenn die Sängerin, die mit ihrem langen weißen Kleid rechts auf der Bühne steht, mit ihrer E-Gitarre beginnt Musik zu spielen und dazu ihre laute, angenehme Stimme erhebt. Dann wird das Licht im Saal schwächer und fast könnte man in eine Art Trance verfallen, wenn die Protagonisten gemeinsam immer wieder kurze Bewegungsabläufe wiederholen. Anfangs wirken sie durch diese auf eine Weise angriffsbereit, da sie immer wieder vor-und -zurück gehen und die Arme vor ihre Brust halten.
Doch ganz zum Schluss wandeln die Choreographien sich zu einem Tanz mit weißen haarigen Bommeln, die die Darsteller in ihren Händen halten.

Auch der Hund, der während des Stückes auf den Leinwänden im Hintergrund immer wieder einen Schmetterling angebellt hat, verschwindet während des letzten Liedes und es bleiben nur die großen Flügel des Falters, die sich schließlich auch am Boden ausbreiten. In ihr Schwarz-Weiß mischt sich Rot, das tropfenweise zu Boden fällt.

Ganz zum Schluss erfüllt lauter Applaus den Saal. Er zeigt wie nahe man den Protagonisten kommen konnte. Auch ihre gewissen „Macho-Seiten“ haben sie gezeigt. Doch gerade weil auch diese so ehrlich ausgesprochen wurden, hat man das Gefühl auf eine neue Weise, gemeinsam darüber nachdenken zu können.

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© Bild: Stefan Hauer

Spielplatz für Obermachos

Vielen ist vielleicht noch ein besonders markanter Auftritt Donald Trumps in Erinnerung: Bei einem Nato-Gipfel in Brüssel (Ende Mai 2017) schob er den Außenminister Montenegros auf die Seite, zupfte sich – Brust heraus - mit beiden Händen sein Sakko machtdemonstrationsmäßig zurecht und strafte den Beiseite-Geschobenen mit verächtlichem Blick. Eine ähnliche Situation ließe sich wahrscheinlich in Naturdokus bei Affen finden. Donald, „ich hab‘ den größeren - „Atomknopf“, ist wohl nur das auf der Weltbühne markanteste Beispiel für ein Aufbäumen von Männerherrschaft. Das Patriarchat feiert fröhliche Urständ. Könnte aber sein, dass es eher – hoffentlich – ein letztes Aufbäumen ist. Auch wenn die Kampagne gegen Sexismus #Aufschrei, die Anfang 2013 soziale und andere Medien füllte, fast sang- und klanglos eingeschlafen ist, hat die im Herbst des Vorjahres gestartete #MeToo-Bewegung viel mehr erreicht. Einst sogar mächtige Männer insbesondere im Filmbusiness mussten abdanken.

Berühren statt distanzieren

Wenngleich all dies mitschwingt, geht es dem jüngsten Stück des performativen, gesellschaftspolitischen, berührenden, bewegenden Aktionstheater Ensembles um mehr, um tiefer gehendes. Wie in allen Stücken seit fast 30 Jahren baut die Gruppe eine Brücke zwischen allgemein politischen Grundstimmungen und persönlichen Geschichten ganz alltäglicher Menschen. In „Die wunderbare Zerstörung des Mannes - Bestandsaufnahme einer Verstörung“ haben die Darsteller – in dem Fall passenderweise sechs Männer (kommentiert bzw. im Dialog mit einer seitlich postierten Sängerin) – in der Recherche- und Probenphase des Stücks wieder so manche eigene, persönliche Erfahrungen freimütig, offenherzig eingebracht, diese und sich selbst Preis gegeben. Es dreht sich dabei nicht um abgehobene, jenseitige Aktionen wie die eingangs beschriebene Primatenposition, von der sich jeder leicht und amüsiert oder auch empört abwenden kann. Es geht eher um (noch?) immer bekannte Muster von Überheblichkeit, Degradierung von Frauen zu Objekten oder Empathie-Defizit. Somit erreichen und berühren dargestellte Szenen viele Menschen im Publikum. Und dadurch, dass auch dieses – wie alle anderen Aktionstheater-Stücke keine runde Geschichte und schon gar keine mit Happy End erzählt, kann jede/r für sich weiterdenken, vielleicht das eigene Verhalten hinterfragen... – und das nicht nur Männer, es geht ums (Wiederaufflammen) des Patriarchats, dessen Machtmuster durchaus auch von Frauen ausgeübt und weitergegeben werden (können).

Szenenfoto aus "Pension Europa", das im Jänner gemeinsam mit "Die wunderbare Zerstörung des Mannes" im Wiener Kosmostheater zu s… © Bild: Felix Dietlinger

Wiederaufnahme im Doppelpack

Dieses Stück hat – natürlich lange vor der #MeToo-Bewegung geplant – den Zeitgeist derart getroffen, dass für die Aufführungsserie im Wiener Kosmostheater (wohl das erste Männerstück im Theater mit dem Gender) rund 400 Interessierte keine Karten mehr bekommen haben. Konsequenz: Im Jänner gibt es eine Wiederaufnahme – dann werden an allen Abenden zwei Stücke der Gruppe gezeigt: Diese „Männer“-Performance sowie „Pension Europa“, in dem ausschließlich sechs Frauen – ebenso weitgehend in Unterwäsche – spielen (Infos und Links unten).

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© Bild: Stefan Hauer

Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Die wunderbare Zerstörung des Mannes
Bestandsaufnahme einer Verstörung
von Martin Gruber und aktionstheater ensemble
Koproduktion mit der Landeshauptstadt Bregenz/Bregenzer Frühling
In Kooperation mit Kosmos Theater Wien
75 Minuten

Idee, Konzept, Regie: Martin Gruber
Mit Texten von: Martin Gruber und aktionstheater ensemble sowie von Elias Hirschl und Wolfgang Mörth
Darsteller: Andreas Jähnert, Sascha Jähnert, Thomas Kolle, Peter Pertusini, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek

Dramaturgie: Martin Ojster
Musik: Nadine Abado/PH LION
Video: Claudia Virginia/Dornwittchen
Regieassistenz: Florian Haderer

Wann & wo?
Bis 17. Juni 2018
Jänner 2019: Dieses Stück sowie "Pension Europa" jeweils im Doppelpack; zu letzterem geht's zu einer Kritik hier:

Genauere Daten folgen
Kosmos Theater Wien: 1070, Siebensterngasse 42
karten@aktionstheater.at |
www.aktionstheater.at

http://www.kosmostheater.at/

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