Kiku
24.10.2018

Auf den Spuren zu wenig bekannter Zeitgeschichte

Jugendliche des Schulzentrums Ybbs (NÖ) recherchieren in Erlauf und Melk im Rahmen des österreichweiten Projekts „Geschichte gemeinsam verhandeln“. Nun auch mit SchauTV-Video

Laura Wagner aus der 3. Klasse der Handelsakademie Ybbs steht mit der Kopie eines alten Fotos vor dem Frisiersalon Tanja an der Durchzugsstraße im niederösterreichischen Erlauf. Das Haus schaut im Wesentlichen noch so aus wie auf dem Foto vor 80 Jahren. Die Jugendliche hält das Foto aus dem Jahr 1938 zum Vergleich in die Kamera. Dabei handelt es sich um ein historisches Dokument. Auf diesem ist folgendes Charakteristisches zu sehen: Über einem Teil des Schriftzugs vom damaligen Kaufhaus Brod hängt ein Stoff - mit der Aufschrift „Arisches Geschäft“. Die Nazis haben den Eigentümern, der jüdischen Familie Brod, ihr Kaufhaus gestohlen. Was allgemein bekannt ist, wird hier konkret.

„Ich weiß, dass es in einigen Städten so war, aber nicht, dass das auch hier in Erlauf passiert ist“, sagt Laura Wagner dem Kinder-KURIER und SchauTV (der Beitrag geht am 6. November 2018 auf Sendung - und wird dann auch in diesen Beitrag eingebettet), die die Jugendlichen an diesem Tag begleiten dürfen. „Erst durch das Projekt bin ich draufgekommen.“ – Und das nachdem die Jugendliche nunmehr schon ihr elftes Schuljahr absolviert. „Allgemein haben wir in Geschichte schon über den zweiten Weltkrieg und die Hitlerzeit gelernt, aber doch nicht wirklich, was in der nahen Umgebung konkret passiert ist.“

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Umfangreiches Projekt

Rund zwei Dutzend Jugendliche aus der HAK, der HTL und der Handelsschule im nahegelegenen Ybbs nehmen als Mitglieder des InterAct Clubs dieses Schulzentrum teil am Projekt „Zwischen Raum und Zeit: Haben Orte Erinnerungen und was hat das mit uns zu tun?“. Gemeinsam mit dem Museum „Erlauf erinnert“, das es erst seit wenigen Jahren gibt, und dem Verein MERKwürdig Melk haben sie im besagten Museum Fotos und Dokumente durchforstet. Ebenso erarbeiteten und diskutierten sie in Gruppen zentrale Themen im Zusammenhang mit dem Faschismus. Neben Zeitdokumenten suchen sie auch allgemeine Lehren aus der Vergangenheit – vom Niedermachen einzelner Bevölkerungsgruppen, der Schaffung von Feindbildern über Ideologisierung bis zur Propaganda. Dabei kommt nicht nur der systematische Einsatz von damals modernen Medien zur Sprache wie den kostengünstigen Radiogeräten („Volksempfänger“) oder im Gegensatz dazu das Verbot, ausländische Sender zu hören. Wer sich auf diese Art unabhängige Informationen besorgen wollte, wurde strengst bestraft – bis hin zur Ermordung (Todesstrafe). Die Machthaber waren im Einsatz ihrer eigenen Medien ziemlich gefinkelt. Im Museum findet sich unter anderem ein Sticker-Album. In dieses Buch mit viel Propaganda-Text konnten die Menschen Bildchen einkleben, die sie zu Zigarettenpackungen bekamen.

Aus den Dokumenten, Gesprächen mit Menschen in den beiden Orten usw. werden die Schüler_innen kurze Videoclips drehen, Fotos machen und ihre aufgesogenen Informationen künstlerisch verarbeiten. Die wollen sie mit Schüler_innen von zweieinhalb Dutzend weiteren Projekten aus ganz Österreich unter dem gemeinsamen Titel Geschichte gemeinsam verhandeln. Jugendliche befragen 100 Jahre Republik Österreich im Dezember in Wien im Haus der Geschichte vorstellen. Die künstlerischen Arbeiten der Jugendlichen werden zwei weitere Tage ausgestellt.

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Recherche vor Ort

Zurück zur Recherche vor Ort: Mit der Kopie des oben beschriebenen Fotos kommt diese Gruppe um die genannte Schülerin aus dem Museum, überquert die Straße und will im Frisiersalon wissen, ob die Menschen was von der Geschichte des Gebäudes wissen. „Es war leider so viel Betrieb, dass niemand Zeit hatte, auch nur auf unsere Frage zu hören“, schildert die Gruppe aus der genannten Schülerin sowie Simon Glösl, Sophie Bruckner und David Liebmann. Was die vier und ihre Kolleg_innen zuvor aber schon im Museum erfahren haben: Das Geschäft wurde nach 1945 an einen der beiden Überlebenden der Familie Brod zurückgegeben. In den 60er Jahren verkauften es die Erben dann.

Bis auf zwei Mitglieder haben alle Angehörigen der Familie Brod die faschistische Herrschaft NICHT überlebt. Wie rund sechs Millionen andere Jüdinnen und Juden wurden sie ermordet. Gegen Ende des Krieges verschleppten die Nazis Menschen – neben Jüd_innen auch Roma, Sinti, politische Gegner_innen und andere, die sie als „minderwertig“ einstuften – direkt in Vernichtungslager. Zuvor brachten sie ihre Gefangenen vor allem durch Arbeit zu Tode – zynisch nannten sie das „Arbeit macht frei“.

Fotos aus Erlauf

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... heute ein Frisiersalon ...

... war es einst das Kaufhaus Brod, ...

... Schülerin mit der Kopie des historischen Fotos vor dem einstigen ...

Das Denkmal des russisches Künstlers ....

... Oleg Komov

....

Teile des Denkmals der US-Künstlerin ...

... Jenny Holzer ...

...

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Das Pickerlalbum aus der Nazizeit

Das Museum "Erlauf erinnert"...

... und der Weg dorthin

Einleitungsrunde im Museum "Erlauf erinnert"...

...

...

Rundgang im Museum

Zum Andenken an den friedlichen Handschlag zwischen Sowjet- und US-General wurde am Haus des Geschehens diese Tafel angebracht

Blick in Spinnweben - der "Geschichte"?

Kaserne Melk war KZ

Dieser vom Tor zum Lager Auschwitz bekannte Spruch findet sich übrigens auch auf einem hölzernen Balken in der Kaserne Melk. Diese war von April 1944 bis zur Evakuierung des Lagers Mitte April 1945 eines der vielen Außenlager des österreichweit bekannten damaligen Konzentrationslagers Mauthausen. Der Steyr-Daimler-Puch-Konzern „bestellte“ bei der Nazi-Führung Tausende Zwangsarbeiter, um unter dem Wachberg eine Stollenanlage in Roggendorf zu errichten, die zur Kugel- bzw. Wälzlagerproduktion dienen sollte. Davon, dass die heutige Kaserne ein Jahr lang ein KZ für 14.390 Männer war, erfahren nicht nur viele der Jugendlichen in diesem Projekt zum ersten Mal.

Neben dem Eingang zur Kaserne gibt es an einer Mauer eine Gedenktafel – für die 1946 von hier aus nach Deutschland abgeschobenen vertriebenen deutschsprachigen Altösterreicher (Sudentendeutsche), NICHT aber für die einstigen KZ-Häftlinge, die als Zwangsarbeiter aus Mauthausen hergebracht worden waren. Morgen für morgen waren diese in ihren typischen dünnen Gewändern und den Holzpantoffeln den Hügel vom KZ hinunter zur Bahn getrieben worden, wo sie bei einem eigenen Halt die Güterwagons besteigen mussten, um unter dem Wachberg zu schuften.

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Kindheitserinnerungen des Melker Alt-Abts

In Melk vor dem Bahnhof versammeln sich die Jugendlichen. Güterzüge fahren durch – und lösen plötzlich schreckliche Assoziationen aus. Die Fachleute aus dem Museum und dem Verein lassen Luftbildaufnahmen durchgehen, auf denen die Baracken des damaligen KZ zu sehen sind und einer der Jugendlichen liest Auszüge aus einem Interview mit dem Altabt des Stifts Melk, Burkhard Ellegast; (aus dem Jänner 2002) vor. Der erinnert sich an seine Kindheit. Zunächst hatte er alle Propaganda des Regimes geglaubt, aber dann „diesen Zug immer wieder gesehen, ... hab das heute noch vor mir, wie rückwärts fünf, sechs gingen im Winter, bloßfüßig in Holzpantoffeln, die kaum mehr gehen konnten und auf die die Soldaten mit den Kolben einfach losgeschlagen haben ... für mich ist damals etwas ganz Entscheidendes passiert. Ich habe als Bub erkannt, dass das, was da uns die ganze Zeit vorgegaukelt wurde, was da war, dass das Ganze ein völlig unmenschliches System sein musste, wenn solche Dinge passieren konnten.“

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Gedenkstätte

Neben der Kaserne existiert eine eigene Gedenkstätte – auf dem Gelände des ehemaligen Krematoriums, in dem die Leichen der zu Tode gearbeiteten und manchmal auch von KZ-Aufsehern direkt erschossenen oder erschlagenen Männer verbrannt worden waren.

Auch dies ist einer der Recherche-Orte für die Jugendlichen – zu ihren jeweiligen Themengebieten. Der Ort ist aber nicht nur Gedenkstätte, sondern auch eine Art Friedhof - für Angehörige von in diesem KZ zu Tode gekommene Menschen.

Im Grünbereich neben dem ehemaligen Krematorium sagt Simon Glösl, einer der Jugendlichen dem Reporterduo: „Vage hab ich schon gewusst, dass es eine KZ-Außenstelle in Melk gegeben hat, aber wirklich klar war’s mir nicht.“ Neben dem genaueren Wissen darum nimmt er aus dem Projekt auch mit „über vieles kritischer nachzudenken“.

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Friedensdenkmäler

Die Jugendlichen stoßen bei ihren Recherchen nicht nur auf dunkle Punkte der Vergangenheit, nennt sich Erlauf doch immerhin Friedensgemeinde, weil hier in der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 der sowjetische General Dmitri Dritschkin und der US-amerikanische General Stanley Reinhart aufeinandertrafen und miteinander den um 00:01 Uhr in Kraft tretenden Waffenstillstand feierten, mit dem der 2. Weltkrieg – zumindest in Europa beendet wurde.

Das besiegeln auch zwei Denkmäler (aus dem Jahr 1995), eines des russischen Künstlers Oleg Komov und eines der Künstlerin Jenny Holzer aus den USA.

Dazu sagt uns David Liebmann, einer der jungen forschenden Schüler, vor Komovs Statue zweier Männer und eines Mädchens: „Das Mädchen verbindet die Soldaten der beiden Mächte.“ Wenige Meter entfernt finden sich Steinplatten mit Texten, die auf die dunklen Seiten, auf die Zeit vor dem Ende des Krieges hindeuten, dafür erstrahlt in der Nacht von dort aus „das Friedenslicht, das sieht man weit in der Umgebung. Dieser Lichtstrahl soll den Frieden signalisieren.“

Später, im Jahr 2002, machte der Künstler Werner Kaligofsky mit der Anbringung vorübergehender umbenannter Straßenschilder und Hausnummerntafeln auf vertriebene und ermordete jüdische Familien und einen Widerstandskämpfer aus dem Ort aufmerksam.

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Was bleibt?

Laura Fabris meint auf die Frage, was für sie das Wichtigste am Erinnern sei, „dass man nie vergisst, wie schlimm das alles war und aus den Sachen, die passiert sind, lernt.“

Gibt es Lehren für heute, wie wir agieren soll(t)en, um es nicht so schlimm werden zu lassen?
Dass man nie vergisst, die eigene Meinung zu vertreten und man sich nie von jemandem eine Meinung einreden lassen sollte, die man selber nicht vertritt. Jede und jeder sollte immer ein bissl mitdenken und auch schauen, ob das logisch ist, was einem jemand sagt. Und wir sollten alle darauf schauen, dass die Pressefreiheit erhalten bleibt. Wir sollten oft verschiedene Quellen befragen, um Informationen einzuholen. Und man sollte nicht immer alles sofort glauben und vor allem nicht den eigenen Menschenverstand verlieren.“

Wie machen Sie das im Alltag, wenn Sie Nachricht kriegen via Instagram, Twitter, Facebook, ... Überprüfen Sie das dann immer?
Wenn’s mich interessiert, schau ich, ob es andere Anhaltspunkte oder Quellen gibt. Das erste was ich schau ist, ob’s logisch klingt, ob ich schon einmal was Ähnliches gehört habe oder ob es einfach komplett unlogisch und unrealistisch ist. Und dass man sowas dann jedenfalls nicht weiter erzählt oder behauptet, es würde stimmen Grundsätzlich geh ich davon aus, dass nicht alles stimmen muss und alles hinterfrage.

Das machen Sie immer?
Nicht immer, aber grundsätzlich, wenn ich was erzähle, das ich auf social media gelesen habe, sag ich auch dazu, woher es kommt und nicht, dass es unbedingt eine vertrauenswürdige Quelle ist, weil jeder da ja alles veröffentlichen kann.

Das hatten Sie aber schon vorher?
Ja, aber durch das Projekt ist es auf jeden Fall verstärkt worden.

Fotos aus Melk

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...Treffpunkt Bahnhof Melk ...

... wo Kindheitserinnerungen des ehmamligen Abts vom Stift vorgelesen wurden, ...

... der sich an die Zwangsarbeiter erinnert, die täglich vom damaligen KZ in der Kaserne zum Zug gebracht wurden ..

...

... von hier geht's den Hügel hinauf zur ...

... Kaserne, die ein Jahr lang Konzentrationslager war ...

... die Gedenktafel erinnert NICHT ...

... an die Zeit, als die Kaserne ein KZ der Nazis war, sondern ...

... an die Sudetendeutschen, die nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben worden waren ...

Neben der Kaserne, von dieser getrennt ...

... ist eine Gedenkstätte,...

... untergebracht im ehemaligen Krematorium des ...

... Konzentrationslager ...

... der faschistischen Diktatur ...

... Gedenktafeln ...

... in der Gedenkstätteund ...

... Namen der Opfer ...

Alle jugendlichen Forscher_innen mit Lehrer und den Museums- und Gedenk-Fachleuten

Eigene kleine Erinnerungsprodukte produzieren

Gespräch mit Johanna Zechner, Historikerin und Kuratorin des Museums „Erlauf erinnert“ und beim Verein MERKwürdig in Melk

Machen Sie oft Projekte mit Schülerinnen und Schülern?
Wir bemühen uns sehr, seit ein paar Jahren. Wir halten das für eine sehr wichtige Angelegenheit, weil gerade die Geschichte des 2. Weltkrieges und des Nationalsozialismus ja nicht mehr eine direkt erlebte und in den Familien erlebte ist, sondern eine, die schon sehr abstrakt wird, weil sie schon sehr lange her ist. Und wir wollen immer wieder auch vermitteln, was das mit unserer heutigen Demokratie zu tun hat und wie sich die Zeit damals und das Leben von unserer Zeit heute unterscheidet.

Was ist das Besondere an diesem jetzigen Projekt?
Dass wir es dieses Mal geschafft haben, die KZ-Gedenkstätte in Melk und das Museum „Erlauf erinnert“ zu verbinden - in gemeinsamen Workshops mit den Schülerinnen und Schülern aus Ybbs sammeln. So bringen wir auch die Geschichte der Region zusammen. Wir arbeiten an beiden Standorten und lassen die Schülerinnen und Schüler an beiden Standorten ihre eigenen Eindrücke.

Neben dem Inhaltlichen gibt’s bei diesem Projekt ja noch einen Aspekt, welchen?
Das Ergebnis der Arbeiten der Schülerinnen und Schüler sollen kleine künstlerische Produkte sein. Es geht um künstlerisches Forschen, das heißt es geht um historische Quellen als Ausgangspunkte. Die SchülerInnen sollen dann auf eigene Faust in den Orten jeweils unterwegs sein und Videos, Tonaufnahmen, Fotos machen, die ihren Eindrücken entsprechen und diese dann zu kleinen Gedenk-Clips zusammenfügen – also kleine Erinnerungsprodukte für sich selbst produzieren.

Die Jugendlichen produzieren diese Medien nur für sich?
Das Ergebnis der einzelnen Clips wird von den SchülerInnen selbst zusammengefügt – die sind da sehr findig und kompetent – und das ganze Ergebnis wird dann im Dezember in Wien im Haus der Geschichte präsentiert. Es ist eines von vielen Projekten, die im Zuge des Gedenkjahres 2018 gefördert wurden.

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Hintergrundinfos

Das oben beschriebene Projekt Jugendlicher aus dem Schulzentrum Ybbs und dem Erlaufer Erinnern-Museum sowie dem Melker Verein MERKwürdig ist Teil von „Geschichte gemeinsam verhandeln. Jugendliche befragen 100 Jahre Republik Österreich". Unter diesem Titel fanden/finden 30 Projekte in ganz Österreich statt. Schüler_innen erarbeite(te)n in Ausstellungs- und Erinnerungsorten, gebauter Umwelt, öffentlichem oder virtuellem Raum in ihrer Umgebung individuelle Zugänge zu historischen Ereignissen in dem Jahrhundert zwischen Republik-Gründung/Ende des 1. Weltkrieges und heute. Dabei wurden/werden sie in partizipativen Prozessen von Kulturschaffenden unterstützt. Forschendes Lernen, kulturpädagogische Praxis und künstlerische Strategien sind große Bögen entlang denen sie arbeite(te)n. Die Präsentation der Projekte (initiiert vom Bundeskanzleramt, betreut und organisiert von KulturKontakt Austria) findet am 12. Dezember im Haus der Geschichte Österreich statt. Bis zum 14.Dezember wird es im Vermittlungsraum des hdgö eine Ausstellung der Projekte geben.

Infos zu dem österreichweiten Gesamtprojekt

erlauf erinnert

melk-memorial.org

Schulzentrum Ybbs, Zeitgeschichteprojekt

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Video von SchauTV

gedreht von Wolfgang Semlitsch