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09/22/2021

Kanzlerkandidaten im Härtetest

<strong>Liebe Leserin, lieber Leser, </strong>

um noch unentschlossene CDU-Wähler zu mobilisieren, hat sich Armin Laschet gestern letzte Hilfe von Kanzlerin Angela Merkel geholt. Gemeinsam traten sie in ihrem Wahlkreis in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) bei strömendem Regen, Pfiffen und "Hau-ab-Rufen" auf – kein Wohlfühltermin für Merkel und ein letzter Härtetest für Laschet.

Sollte mit Blick auf die Umfragen nicht ein Wunder geschehen und er ins Ziel kommen, wie das in seinem Leben öfters passiert ist, droht ihm das politische Aus. Politologin Andrea Römmele meinte dazu klar: "Wenn er die Union nicht auf Platz eins führt, ist er weg vom Fenster."

Schwieriges Terrain für die Grünen

Wegbeamen wollte sich in diesem Wahlkampf vielleicht auch Annalena Baerbock. Die erste Kanzlerkandidatin der Grünen erlebte einen Hype und dann viele Rückschläge. Ich habe sie während ihrer Tour in Sachsen beobachtet. Auch sie musste dort gegen Buhrufe und Trillerpfeifen anreden – an Orten wie in Chemnitz überrascht das nicht. Ostdeutschland ist für die Grünen ein hartes Pflaster, das sie aber nicht auslassen können. Baerbock wurde von Querdenkern und Neonazis empfangen. Genauso wie von Menschen, die sich als Verlierer der Wende sehen.

Eine junge Grünen-Politikerin, die sich im benachbarten Sachsen-Anhalt engagiert, hat mir kurz erklärt, dass vielen Leuten aufgrund der negativen Erfahrung die Vorstellungskraft fehlt, noch eine "Wende" mitzumachen. Wenn im Wahlprogramm von klimaneutraler Wirtschaft die Rede ist, argumentieren sie, dass es in ihrer Region ja nicht mal eine Wirtschaft gäbe. Sie meinte, dass das Grünen-Programm an manchen Stellen nicht die Realität der Menschen im Osten berücksichtige. Vom Status einer Volkspartei, den man den Grünen bereits zugesprochen hat, sind sie in den neuen Bundesländern weit entfernt.

Scholz in der Zange?

Eine, die sich schon mal so nennen durfte, ist die SPD: Sie bleibt Favorit in den Umfragen. Doch ganz so locker sollte Kanzlerkandidat Olaf Scholz nicht ins Ziel joggen. Das dachten sich Union und Opposition und zitierten Scholz am Montag vor den Finanzausschuss. Hintergrund sind Ermittlungen gegen Mitarbeiter einer Anti-Geldwäsche-Spezialeinheit des Zolls in Köln, die seinem Finanzministerium zugeordnet ist. Sollten Sie jetzt beim Lesen überlegen auszusteigen, wissen Sie, warum die Geschichten um Verstrickungen von Scholz in Cum-Ex-Geschäfte und Wirecard nicht verfangen: Sie sind zu kompliziert für den Wahlkampf, kaum einer blickt mehr durch.

Nun hat die jüngste Causa aber einen politischen Beigeschmack: Der Chef der Staatsanwaltschaft ist ein CDU-Mitglied, ebenso die zuständige Justizministerin. Scholz nutzte die Befragung jedenfalls als Bühne für sich: Sachlich und ruhig schilderte er die Lage, gab sich als redlicher Aufklärer und wirkte gelassen. Kurz: An Teflon-Scholz prallte alles ab. Sollte er Kanzler werden, wird ihm das zu Gute kommen. Angela Merkel hat das jahrelang vorexerziert. Für Journalisten ist das eine Qual. Schauen Sie sich mal Interviews mit ihm an, dann wissen Sie, was ich meine.

Um den Mann, der vielleicht Deutschland regieren könnte, besser zu verstehen, bin ich kürzlich nach Hamburg gefahren. Ich habe seine Grundschullehrerin Annegret Raulfs getroffen, die sich an einen "ordentlichen" und "fleißigen" Schüler erinnerte, der "ruhig" und "abwartend" gewesen sei. Seine Lieblingsserie war übrigens "Bonanza".

Über Scholz‘ Kanzlertauglichkeit sagt das natürlich nichts aus. Interessant ist aber, wie er in einem Aufsatz seinen Lieblingscharakter, den "dicken Hoss", beschrieb: "Seine Kraft und sein Witz verbessern den ganzen Film" – so zitiert ihn Annegret Raulfs. Klingt nach einem sehr erwachsenen Kind. Als analytisch, strategisch-denkend und kontrolliert beschreiben ihn seine früheren Freunde bei den Jungsozialisten. Einer erinnert sich auch an "herzhaftes Lachen" während gemeinsamer Autofahrten.

Womit wir wieder bei Armin Laschet wären, der seinen Lacher aus dem Flutgebiet nie mehr loswurde. Von Hamburg bis Chemnitz scheint das die Menschen mehr zu empören als jeder Finanzskandal ("Das gehört sich nicht"). Ein paar Tage bleiben ihm noch, um ein anderes Bild von sich zu zeigen.

Ihre

Sandra Lumetsberger

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