Gesund
06.11.2018

Star-Forscher Josef Penninger über die Zukunft der Medizin

Ausblick: Die Therapien werden bei vielen Erkrankungen personalisierter. Die Grundlagenforschung braucht mehr Mittel.

Es war Anfang der 90er Jahre, als Josef Penninger am Princess Margaret Hospital in Toronto, Kanada, arbeitete. „Dahinter war das Hospiz, in dem die Aids-Patienten starben. Ich kannte die Menschen, wir waren abends alle in denselben Bars. Ich sah, wie viele von ihnen mit dem Rollstuhl in das Hospiz gebracht wurden und dort starben. Nur ein paar Monate davor hatten sie sich mit dem HI-Virus infiziert. Heute ist mit einer einzigen Pille ein normales Leben möglich.“

Es habe in den vergangenen 20 Jahren unglaubliche Durchbrüche in der Medizin gegeben, sagte Penninger, Gründungsdirektor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien, beim „Future Health & Science Talk“ der Pharmafirma Gilead. „Etwa die Krebs-Immuntherapie, für die heuer der Medizin-Nobelpreis vergeben wurde. Oder neue Medikamente – Biologika – gegen rheumatoide Arthritis. Sehen Sie heute noch jemanden mit durch diese Krankheit verkrüppelten Händen? In den 90er Jahren hatten das noch viele Menschen. Wir leben in einer spektakulären Welt.“

Medizin der Zukunft

Was sich schon jetzt in der Krebstherapie abzeichnet, werde die Zukunft der Medizin noch stärker prägen als heute: „Die Therapien werden viel personalisierter sein als heute – nicht individualisiert für jeden, aber für bestimmte Untergruppen, die ganz spezielle genetische Anfälligkeiten für bestimmte Untergruppen von Krebs haben.“ In diese Richtung werde es auch bei der Entwicklung von Medikamenten gegen andere Erkrankungen gehen – etwa Alzheimer oder Schmerzsyndrome.

Penninger betont die Bedeutung der Grundlagenforschung: „1995 konnten ein Freund und ich bei Mäusen erstmals zeigen, dass ein spezielles Molekül eine Bremse für das Immunsystem ist.“ Penninger löste die Bremse, in dem er mit seinen Kollegen das dafür zuständige Gen einfach ausschaltete: Das Immunsystem der Mäuse wurde aktiviert.

 

Damals habe niemand geglaubt, dass das auch beim Menschen funktioniert. „Es hat keinen interessiert. Einmal hat mir sogar jemand gesagt, ich soll nicht auf dem Gebiet forschen, das wäre das Ende meiner Karriere.“ Jeder habe gedacht, man muss das Immunsystem zusätzlich aktivieren. „Aber der Trick war, dass man die Bremsen des Immunsystems findet.“

Massiv unterdotiert

Heute weiß man, was „aus einer kleinen Spinnerei von jungen Forschern in aller Welt“ geworden ist: „Diese frühe Forschung war notwendig, um zu verstehen, wie das System funktioniert. Das hat dazu geführt, dass Medikamente entwickelt werden konnten, die genau diese Bremsen lösen. Deshalb breche ich eine Lanze für die Grundlagenforschung, die in Österreich massiv unterdotiert ist. Ein Land, das sich zehn Milliarden Euro für den Brenner-Basistunnel leisten kann, könnte sich auch zehn Milliarden Euro für gut dotierte Grundlagenforschung leisten. Viele Länder geben hier jetzt Vollgas.“

Penninger selbst wird ab Dezember wieder großteils in Kanada arbeiten. Zuvor wird noch diese Woche in einem Top-Journal von IMBA-Kollegen und ihm eine bahnbrechende Forschungsarbeit über das Immunsystem erscheinen. Und er bleibt Leiter einer Forschungsgruppe in Wien.

Ob ihm der Abschied schwer fällt? „Ja, das Institut hier aufzugeben, ist nicht leicht – ich habe es ja auch aufgebaut. Und Österreich ist ein tolles Land. Wenn man so einen Schritt in meinem Alter setzt, sind auch die Rucksäcke des Lebens größer und schwerer als in der Jugend.“

15 Jahre Forschung in kunstvollen Bildern

Bis zu  vier Millimeter große,  dreidimensionale Gehirnmodelle aus menschlichen Stammzellen: Dieses Forschungsprojekt war sicher eines der spektakulärsten in der Direktionszeit von Josef Penninger. Es gab aber eine Vielzahl an international aufsehenerregenden Publikationen in dieser Zeit.

Eine Auswahl wird nun in einem Bildband präsentiert, der in einer Kooperation zwischen dem IMBA und der Universität für angewandte Kunst Wien entstanden ist und am Donnerstag von Penninger und Angewandte-Rektor Gerald Bast präsentiert wird. Fotografinnen und Fotografen der Abteilung Angewandte Fotografie haben die Forschungsthemen des IMBA eigenständig interpretiert. Nobelpreisträger Eric Kandel hat einen Gastbeitrag geschrieben. Einige Themen:

– Die „Mini-Hirne“ entsprechen einem sehr frühen Stadium des menschlichen Gehirns. An den Strukturen in der Petrischale untersuchen die Forscher die Entstehung von Krankheiten, etwa wie sich gesunde Zellen zu Krebszellen entwickeln und gesundes Gewebe verdrängen. Das Bild oben zeigt ein Mini-Hirn in der fotografischen Interpretation von Marlene Mautner von der Universität für angewandte Kunst.

– Bereits in Kanada hat Penninger einen Mechanismus entdeckt (hohe Aktivität eines speziellen Eiweißstoffes), der Knochenfresszellen aktiviert und zu Osteoporose führt.  Weiterführende Forschungen am IMBA zeigten, dass dieses Eiweiß auch eine Rolle u.a. bei der Entstehung von erblichem Brust- oder Lungenkrebs spielt.

– Den genauen Blick auf Ei- und Samenzellen soll das Bild oben symbolisieren: Wissenschaftler des IMBA  konnten erstmals zeigen, wie sich die mütterliche und väterliche Erbsubstanz unmittelbar nach der Befruchtung verhalten. Dabei herrscht eine Art Wettrennen, welches Erbgut sich als Erstes in der verschmolzenen Ei-Samen-Zelle strukturiert, wie die richtige Organisation bestimmt wird und ob das Wunder Leben einwandfrei funktionieren kann.

Zur Person

Josef Penninger, 54, aus Gurten in OÖ studierte an der Universität Innsbruck Medizin, Kunstgeschichte und Spanisch. Von 1990 bis 2002 war er  in Kanada tätig.

In dieser Zeit wurde er u. a. zum „Young leader in medicine in Canada“ gewählt. Seit 2002 leitet Penninger in Wien das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften in Wien.  2003 wurde er zum österreichischen Wissenschaftler des Jahres gewählt. Ab Dezember wird der Immunsystem-Spezialist das „Life Science Institute“ an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, leiten.