Handspezialist Sebastian Farr mit dem achtjährigen Adeeb.

© Kurier/Franz Gruber

Gesund
10/03/2019

Spitzenleistung: Eine Zehe als Ersatz für den Daumen

Ein achtjähriger Bub, der ohne Daumen an der rechten Hand auf die Welt kam, kann erstmals einen Stift und ein Glas halten.

von Ernst Mauritz

Stolz zeigt der achtjährige Adeeb, wie er mit seinem Daumen auf seinem Tablet tippt. Für ihn ist das eine neue Erfahrung: Adeeb hat eine angeborene Fehlbildung der Hände, an der rechten Hand fehlte ihm von Geburt an der Daumen. Ende Jänner wurde ihm im Orthopädischen Spital Speising in Wien eine eigene Zehe als Ersatz für den Daumen transplantiert. Am Mittwoch hatte Adeeb seine – vorläufig – letzte Kontrolle. Nur ganz wenige Chirurgen in Österreich können diesen diffizilen Eingriff überhaupt durchführen.

Ein derartiger Eingriff dauert sieben bis zehn Stunden und wird von zwei Teams durchgeführt, erklärt Sebastian Farr. Der Oberarzt an der Abteilung für Kinderorthopädie und Fußchirurgie hat den Eingriff geleitet. Er ist ein Spezialist für die Kinderhand: „Ein Operationsteam entnimmt die Zehe, das zweite Team präpariert die Hand und transplantiert dann die Zehe auf die Hand.“

Vorbereitung

Vor der Transplantation müssen aber erst die notwendigen Strukturen vorbereitet werden: „Wo sind die Sehnen, wo die Nerven und Gefäße? Wie fixiere ich den Knochen?“ Der Eingriff selbst ist eine mikrochirurgische Präzisionsarbeit unter der Lupenbrille: „Unter dem Mikroskop werden dann die Gefäße und Nerven miteinander verbunden.“ Es muss alles präzise, aber auch rasch gehen: „Zum Wohle des Kindes soll die Narkosezeit so kurz wie möglich sein.“

Ein derartig großer Eingriff sollte – wegen der Erfahrung und der Sicherheit – „nur in einem großen Zentrum durchgeführt werden, wo es u.a. Kinderanästhesie, Kinderpflege und Kinderergotherapie gibt“, sagt Farr.

Und er lobt seinen jungen Patienten: „Er hat alles sehr toll gemacht.“ Adeeb wird eine langfristige Betreuung benötigen, auch zu Nachkorrekturen kann es in den kommenden Jahren kommen.

„Das Schöne bei den Kindern ist, dass sie sofort loslegen“, betont Farr. „Adeeb hat gleich nach der Entfernung des Gipses angefangen, mit dem Daumen zu wackeln und hat sich seinem Tablet gewidmet.“ Der Bub kann bereits einen Stift halten und zeichnen, auch ein Glas oder eine Flasche kann er in die Hand nehmen. „Der Daumen „ist für die Greiffunktion essenziell.“ Durch die Entnahme der Zehe hat er keine Beeinträchtigung beim Gehen. „Dafür ist der Vorteil für die Hand enorm.“

Seltene Fehlbildung

Auf der Abteilung für Kinderorthopädie und Fußchirurgie werden häufig Fehlbildungen bei Kindern rekonstruiert. Die Häufigkeit einer Fehlbildung, wie sie auch Adeeb hat, liegt bei einer von rund 20.000 Geburten. "Wir haben einen solchen Patienten alle ein bis zwei Jahre."

Einen Daumen von einem anderen Menschen zu transplantieren, das könnte einmal die Zukunft bei Erwachsenen sein. "Bei Kindern ist eine Fremdtransplantation aber kein Thema", betont Spezialist Sebastian Farr: Sie müssten ihr Leben lang mit Medikamenten ihr Immunsystem so stark unterdrücken, dass es zu einer Abstoßungsreaktion kommt.

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