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Gesund
06/05/2019

Bei der Logopädin: Wenn die Sonne "seint" statt scheint

Schlucken, stottern, nuscheln – wie die Spezialisten bei Babys bis Senioren helfen. Und: Was sollten Kinder können?

„Die Schlange zischt“ – der Satz klingt einfach und belanglos, aber für manche Patienten von Tina Müller ist er eine fast unüberwindbare Hürde. Die Logopädin hilft Menschen beim Sprechen, vor allem Kindern. Doch es geht nicht nur darum, deutlicher zu reden, erklärt die Spezialistin: „Wenn ein Kind einen Laut nicht aussprechen kann oder verwechselt, muss ich erst einmal den Grund abklären. Manche Kinder hören den Laut gar nicht gut genug, um ihn aussprechen zu können. Andere tun sich mit ihrer Zungenstellung schwer.“

Die Bandbreite ist groß: Sprechstörungen, Sprachentwicklungsverzögerungen, Lese- und Rechtschreibstörungen aber auch Hörstörungen, etwa hörbehinderte Patienten mit Cochlea-Implantaten. Auffällig ist etwa, wenn ein Kind manche Buchstaben oder Wörter nicht gut aussprechen kann. Typisch sind Probleme bei SCH und S sowie R und L.

Manche ihrer Aufgabenstellungen sind hart an der Belastungsgrenze: „Es kommen Kinder, die längere Zeit mit einer Sonde ernährt wurden und jetzt mit mir das Schlucken wieder lernen. Da geht es auch darum, gemeinsam das Kind zu überzeugen, dass es überhaupt so essen will.“ Bei Babys kann es Schluckschwierigkeiten geben oder Probleme mit dem Saugen an der Mutterbrust – auch das sind Herausforderungen für Logopäden.

„Gerade rund um das Thema Schlucken gibt es bei Erwachsenen viele Themen, etwa nach einer Intubation, nach Operation im Mund- oder Halsbereich oder im Zusammenhang mit Krebs, Schlaganfall und Demenz“, erklärt sie das Berufsfeld der rund 2.500 Logopäden in Österreich. Ein Teil arbeitet in der eigenen Praxis, ein Teil in öffentlichen Einrichtungen wie Pflegeheimen, Kindergärten, Ämtern und Behinderteneinrichtungen. In Niederösterreich sollen bis zum Jahr 2021 14 neue Gesundheitszentren entstehen, in denen neben Ärzten und anderen Gesundheitsberufen auch Logopäden vertreten sein sollen.

20 Millionen pro Jahr

Die Krankenkassen zahlen für Logopädie-Behandlungen rund 20 Millionen Euro im Jahr. Derzeit wird an der Qualität gearbeitet: Noch bis 30. Juni haben die Beschäftigten der Gesundheitsberufe Zeit, sich in dem zentralen Register eintragen zu lassen (siehe unten).

Einen freien Platz zu finden und mit der Krankenkassa abzurechnen sei oft schwierig, klagen Eltern. Die Präsidentin der logopädieaustria, Karin Pfaller, sieht eine Entschärfung: „Es gibt derzeit Veränderungen in der Leistungsverrechnung mit den Kassen, damit es für Klienten einfacher wird.“

Rund 15 Prozent der Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter sind von Aussprache-Problemen betroffen. „Wenn Kinder die Laute schlecht aussprechen, weil sie sie nicht richtig hören, machen sie auch Fehler beim Schreiben. In der Schule kann das zum Problem werden“, sagt Müller. Oft fällt ein Mangel den Kindergarten-Pädagoginnen auf oder einer Schuldirektorin beim Erstgespräch. Je früher die Therapie einsetzt, desto besser: „Bisher nahm man an, dass man vor fünf Jahren nicht zur Logopädin zu gehen braucht und es sich auswachsen wird. Inzwischen kommen die Eltern früher, zumindest zum Abklären.“

In ihrer bunten Praxis lagern Spiele aller Art, doch für sie sind das Therapiebehelfe – bei der Arbeit steht der Kontakt zwischen ihr und dem Kind im Vordergrund. Wie läuft eine Therapiestunde ab? Ein Beispiel:

„Das Spiel phono-logisch ist extra für die Therapie entwickelt. Für jeden Laut gibt es eine Symbolkarte. Am Anfang sage ich den Laut isoliert, dann in einer Silbe, dann in einem Nonsens-Wort und schließlich in einem echten Wort. Ich sage es deutlich und das Kind hört anfangs nur zu. Wenn das funktioniert, spricht das Kind selbst. Es soll selbst artikulieren können, nicht nur nachsprechen.“ Bei manchen ist es nach zwei Einheiten erledigt, manchmal sind verschiedene Therapien nötig.

Technische Hilfe

Gerade erst wurde in Deutschland eine Tablet-App vorgestellt – „Der Sprachforscher“ –, die Familien vor allem bei SCH-Lauten helfen soll. Für Logopäden gibt es eine Spezialversion. Müller arbeitet mit technischen Hilfsmitteln: „Gerade bei kleineren Kindern setze ich die Videoanalyse ein, wir beobachten eine Spielsequenz und analysieren sie dann mit den Eltern.“

Müller ist der Meinung, dass Eltern gute Sensoren haben: „Wenn sie glauben, dass ich mir ihr Kind genauer ansehen soll, dann ist das richtig. Manchmal geht es auch um eine Verlaufskon-trolle, um zu sehen, wie sich ein Kind entwickelt.“ Wichtig ist nur, die Befürchtungen auszusprechen. Auch undeutliche.

Besserer Überblick: Im Register gelistet

Bis 30. Juni müssen sich Beschäftigte in zehn Berufen  ins „Gesundheitsberufe-Register“ eintragen lassen. Es soll der Qualitätssicherung bei Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten, Diätologen, Orthopisten, Radiotechnologen und Biomedizinischen Analytikern sowie diplomierten Pflegern und Pflege(fach)assistenten dienen. Bisher wurden 150.000 Anträge bei der Arbeiterkammer gestellt, das Gesundheitsministerium hatte rund 100.000 erwartet.
 

Diese Schritte entsprechen der normalen Entwicklung eines Kindes und wurden vom Berufsverband lopädieaustria zusammengestellt.

Mit 12 Monaten reagieren die meisten Kinder, wenn sie mit ihrem Namen angesprochen werden, und verstehen einige Wörter sowie einfache Sätze. Sie lallen, benutzen Gesten und sprechen einzelne Wörter.

Wenn Ihr Kind 2 Jahre alt ist, kann es sich sprachlich und nichtsprachlich ausdrücken. Ihr Kind versteht schon eine ganze Menge und spricht bereits viele Worte. Bald beginnt es in 2- oder 3-Wortsätzen wie: ‚Mama Ball‘ oder ‚Papa Auto fahren‘ zu sprechen.

Wenn Ihr Kind 3 Jahre alt ist, ist es in der Lage, sich mit Ihnen und anderen Familienangehörigen zu unterhalten. Es versteht viele Wörter und Sätze, unter anderem Verhältniswörter wie ‚unter‘, Eigenschaftswörter wie ‚groß‘ und ‚klein‘ und es kann Wo - Fragen beantworten. Ihr Kind hat jetzt einen viel größeren Wortschatz und benutzt 3-4 Wortsätze.

Mit vier Jahren Ihr Kind versteht nun Alltagsgespräche und Geschichten. Die Sprache Ihres Kindes ähnelt immer mehr der Sprache von Erwachsenen. Es verwendet längere Sätze, wie: ‚Ich füttere meine Puppe, weil sie geweint hat.‘ Das Kind fängt an, Geschichten zu erzählen und hat Freude daran, neue Wörter zu lernen. Es kann die meisten Laute korrekt aussprechen und ist auch von Fremden gut zu verstehen.