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Gesund
06/28/2019

Dritter Zitteranfall: Woran leidet Angela Merkel wirklich?

Zwei Neurologen haben sich die Videoaufnahmen des Zitteranfalls angesehen - und kamen zur selben Einschätzung der Ursache.

von Ernst Mauritz

Welche Ursachen könnten die Zitteranfälle der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel haben? Eine Woche nach ihrem Schwächeanfall beim Empfang des ukrainischen Präsidenten fing Merkel Ende Juni im Schloss Bellevue in Berlin wieder plötzlich zu zittern an - Nun geschah dies zum dritten Mal, und zwar offenbar wieder ausgehend von den Beinen. Der Vorfall ereignete sich bei einem Staatsempfang des finnischen Präsidenten Sauli Niinistö.

Auch Mitte Juni waren die Symptome ähnlich: Während sie den neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj empfing und auf das Abschreiten der Ehrenformation der Bundeswehr wartete, begannen ihre Beine und ihr Körper heftig zu zittern. Als sie dann aber die Formation abschritt, verschwanden die Symptome wieder. Damals führte sie das starke Zittern auf Wassermangel sowie auf zu viel Kaffee bei großer Hitze zurück. Auch 2017 gab es bereits einen ähnlichen Vorfall bei schwülem Wetter bei einem Mexiko-Besuch.

Zwei vom KURIER befragte Neurologen schätzen die Symptome  als „orthostatischen (bezeichnet die aufrechte Körperhaltung, Anm.) Tremor“ (unkontrollierbares Zittern) ein – eine sehr seltene Form des Zitterns. Unter Experten ist sie auch als "shaky leg syndrome" bekannt. Beide Neurologen betonen auch, dass es sich um ihre persönliche erste Einschätzung "und keine Ferndiagnose" handelt. Eine solche sei nicht möglich.

„Für einen solchen orthostatischen Tremor spricht, dass diese Form  nur beim Stehen auftritt, aber eben nicht im Sitzen oder beim Gehen“, sagt der Wiener Neurologe Wolfgang Grisold, derzeit Generalsekretär der "World Federation of Neurology" und früherer langjähriger Leiter der Abteilung für Neurologie im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital. 

„Dass bei Angela Merkel in erster Linie die Beinmuskulatur betroffen zu sein scheint ist ganz typisch für diese Tremor-Form.“ Ausgehend von den Beinen übertrage sich das Zittern dann auf den gesamten Körper - "aber laut den Videoaufnahmen zittern Rumpf und Hände nicht eigenständig, und das ist sehr charakteristisch". Bei Parkinson sei die Frequenz der Muskelkontraktionen auch geringer, der Tremor sozusagen langsamer - aber das müsste man genau messen: "Und das Zittern sieht bei Parkinson auch anders aus, betrifft meist die Hände und nicht den ganzen Körper."

Für den Parkinson-Spezialisten Dieter Volc, Leiter des Parkinsonzentrums an der Privatklinik Confraternität in Wien ist es „mit Sicherheit ein orthostatischer Tremor“. Gegen Parkinson würden mehrere Umstände sprechen: „Parkinson beginnt halbseitig in den Armen und nicht in beiden Beinen.“ Angela Merkel hatte eine erste Zitterepisode bereits vor zwei Jahren, dann gab es bis vor einer Woche keine sichtbaren Symptome. „Parkinson wäre in dieser Zeit fortgeschritten.“

Dieser orthostatische Tremor könne spontan ohne äußere Ursache auftreten,  aber auch durch eine Infektion oder Stress ausgelöst werden: „Es ist nichts Tragisches und nicht der Beginn eines schweren und langen Leidens. Aber diese Symptome sagen mir: Diese Frau hat sich wirklich Ruhe verdient“, betont Neurologe Volc. In der Regel ist diese Form des Tremors nicht behandlungsbedürftig.

Bei starken Symptomen wird der Wirkstoff Gabapentin eingesetzt, ein Mittel gegen Krampfanfälle, sagt Grisold. Dieses Präparat soll die Symptome um 50 bis 75 Prozent reduzieren können.

Insgesamt zählt diese Form des Zitterns "zu den noch wenig verstandenen Bewegungsstörungen", heißt es in einer 2016 erschienenen Übersichtsstudie.

Nicht verwechseln

Im Gegensatz zum "orthostatischen Schwindel" hat der "orthostatische Tremor" nichts mit einem niedrigen Blutdruck zu tun. Beim orthostaischen Schwindel werden das Gehirn und das Gleichgewichtsorgan nicht ausreichend mit Blut versorgt. Typisch ist vorübergehender Schwindel, der vor allem nach dem Aufstehen aus dem Sitzen oder Liegen auftritt. Eine Ursache ist zu niedriger Blutdruck (Hypotonie).