Gesund
07.11.2018

Neun von zehn Mandeloperationen bei Kindern unnötig

Britische Forscher kommen zu dem Schluss, dass die OP mehr schaden als nutzen könnte.

Mehr als 88 Prozent der Operationen zur Entfernung von Mandeln bei Kindern sind unnötig. Zu diesem Ergebnis kommen britische Forscher der University of Birmingham. Allein in einem Jahr finden laut den Forschern in Großbritannien etwa 37.000 Mandelentfernungen bei Kindern statt - die große Mehrheit hätte den Eingriff laut Studie nicht gebraucht. Darüber hinaus hatten Tausende von Kindern, die die Voraussetzungen für das Herausnehmen ihrer Mandeln hätten erfüllen müssen, keine Operation.

Nicht Entfernen unproblematisch

„Wenn Ihr Kind sehr schwer betroffen ist, gibt es einen bescheidenen Vorteil durch die Operation. Aber selbst sehr schwer betroffene Kinder, denen die Mandeln nicht entfernt wurden, scheinen die Halsentzündungen ohne langfristige Probleme zu überstehen“, sagte Tom Marshall, Professor für Public Health und Primary Care an der University of Birmingham und Mitautor der Studie.

Die Forscher beziehen sich auf Aufzeichnungen von Hausärzten aus mehr als einem Jahrzehnt. Insgesamt wurden Daten von mehr als 1,6 Millionen Kindern berücksichtigt. Marshall und seine Kollegen beschreiben im British Journal of General Practice, wie sie eine Forschungsdatenbank durchsucht haben, in der anonyme elektronische Krankenakten aus 739 Allgemeinpraxen im Vereinigten Königreich abgelegt werden. Sie analysierten Aufzeichnungen zwischen 2005 und 2016 für Kinder bis 15 Jahre.

Oft keine Notwendigkeit

Das Team stellte fest, dass nur wenige der Kinder und Jugendlichen Hinweise darauf hatten, dass die Operation notwendig ist. Dies sei laut den Studienautoren der Fall, wenn das Kind ein bestimmtes Muster häufiger schwerer Halsschmerzen hat, eine seltene Erkrankung namens PFAPA-Syndrom oder einen Tumor bei den Mandeln. Marshall betonte, dass Hinweise auf eine Halsentzündung für die Studie sehr breit gefasst wurden, einschließlich der Konsultationen des Hausarztes für jede Infektion der oberen Atemwege.

Werden Kinder operiert, haben sie zwar laut Marshall danach wahrscheinlich weniger oft Halsschmerzen – dies könne jedoch auch auf das Alter der Kinder zurückgeführt werden. Je älter Kinder werden, desto seltener werden Halsschmerzen. „Was aus den Ergebnissen hervorgeht ist, dass es keine Evidenzbasis für die meisten Mandelentfernungen, die derzeit bei Kindern durchgeführt werden, gibt. Sie sind wahrscheinlich dem Risiko ausgesetzt, dass die Operation ihnen mehr schadet als nutzt“, sagt Marshall.

Einschränkungen der Studie

Er wies auch darauf hin, dass zwei bis vier Prozent der Kinder nach der Operation wieder in ein Krankenhaus eingeliefert werden, typischerweise mit Blutungen, während in Großbritannien jedes Jahr etwa ein Kind an dem Verfahren stirbt.

Kritiker meinen, die Studie hätte Einschränkungen. Es würden etwa Daten zu jenen Episoden fehlen, wo Kinder noch keinen Kontakt zu einem Hausarzt haben sowie Notfälle. Chirurgen würden ihre Entscheidung, ob eine Operation stattfindet, auf mehrere Quellen stützen, einschließlich des Verweisschreibens eines Kinderarztes und dem Gespräch mit den Eltern über die Krankheitsgeschichte. Es gäbe gute Beweise dafür, dass die Operation bei Schlafapnoe und anderen Atemproblemen im Schlaf helfen könne.