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Gesund
05/18/2019

Neue Darmflora-Analyse: Wie sinnvoll ist es, mein Mikrobiom testen zu lassen?

Ein österreichisches Start-up zeigt, welche Mikroben sich im Darm tummeln. Gastroenterologen zweifeln an der Sinnhaftigkeit solcher Tests.

von Gabriele Kuhn

Der Darm  ist derzeit ein wissenschaftliches  Trend-Thema. Tausende von Publikationen werden jährlich veröffentlicht, im Wochentakt erreichen uns neue Erkenntnisse. Die Entwicklung neuer Mikrobiom-Therapeutika treibt den Markt an. Neuerdings fungiert sogar Victoria Beckham als Werbebotschafterin für ein probiotisches Produkt.

Die Mikroorganismen im Verdauungstrakt sind maßgeblich bei der Entstehung diverser Krankheiten – von Herz-Kreislaufleiden über Adipositas bis hin zu Depressionen. Man spricht sogar von einem zweiten Genom. Da scheint es auf den ersten Blick sinnvoll, das Universum des eigenen Darms genauer zu kennen.

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Neues Analyse-Kit

Mittlerweile gibt es viele Firmen, die Mikrobiom-Analysen anbieten, wie seit Kurzem „myBioma“, ein neues österreichisches Start-up. Das Unternehmen hat ein Darmflora-Kit entwickelt, das einen Einblick in das „Bauch“-Universum eines Menschen ermöglicht. Dazu gibt es Tipps, wie man das intestinale Mikrobiom verbessern kann. Zu bestellen im Internet (mybioma.com) um169,90 €. Stellt sich die Frage: Will ich wissen, was in mir wohnt – vor allem aber: Was habe ich davon?

Zunächst ein Anruf bei Barbara Sladek. Die Biochemikerin und Molekularbiologin ist, gemeinsam mit dem Mediziner Nikolaus Gasche, Gründerin von „myBioma“. „Die Analyse des Mikrobioms können Sie sich wie ein großes Blutbild vorstellen“, sagt sie. „Wir finden heraus, warum Sie Probleme mit der Verdauung haben und woher sie kommen.“ Fast jeder kennt das Gefühl eines geblähten Bauchs oder wie es ist, wenn man an Verstopfung oder Durchfall leidet. „Wenn es dem Darm nicht gut geht, leidet der gesamte Körper“, heißt es bei „myBioma“.

„Der Darm ist der Vater aller Trübsal“, formulierte es Hippokrates vor langer Zeit drastischer. Das Mikrobiom etabliert sich nach der Geburt. Umwelt, Ernährung oder Medikamente können es beeinflussen. Das ganze Leben lang bleibt die Darmflora ein sich veränderndes System.

Ob es sinnvoll ist, die Darmflora analysieren zu lassen, ist allerdings umstritten. Erst vor Kurzem warnte Frank Lammert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten vor kommerziellen Stuhltests zur Analyse der Darmflora. „Weil die Zusammensetzung der Bakterien im Darm und etwaige Krankheitssymptome nicht unbedingt miteinander zu tun haben.“ Das Mikrobiom sei permanent kurzzeitigen Schwankungen unterworfen, etwa durch Medikamente, Nahrung oder auch Reisen. Die Forschung stehe noch relativ am Anfang.

Anruf bei der Mikrobiom-Expertin und Gastroenterologin Patrizia Kump von der Uniklinik für Innere Medizin, MedUni Graz: „Wir stehen solchen Mikrobiomanalysen ebenfalls kritisch gegenüber. Es ist zwar bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen Mikrobiom und bestimmten Erkrankungen gibt, doch noch ist es nicht so weit, dass man dies therapeutisch nützen könnte. Die Sinnhaftigkeit solcher Analysen ist klinisch nicht untersucht“, sagt sie. Daher seien daraus folgende Empfehlungen zur Einnahme von Probiotika nicht sinnvoll.

Mikrobiom-Kosmetik

„Leidtragende sind die Patienten, die hoffen, dass sich etwas verändert. Aus meiner Erfahrung sind die Zugaben von Probiotika meist nur kurzfristig erfolgreich, wenn überhaupt.“ Das gelte auch für gesunde Menschen, die sich ihre Darmflora untersuchen lassen, um ihren Essplan zu ändern: „Weil es nicht sinnvoll ist, Mikrobiom-Kosmetik zu betreiben, wenn man gar nicht weiß, in welchem Zusammenhang das Mikrobiom mit den Beschwerden steht.“

Das HealthTech-Unternehmen myBioma wird vom Hochschulinkubator der FH Technikum Wien unterstützt. „Wir entschlüsseln das Mikrobiom mittels selbst entwickelter Gensequenzierungs-Software“, erläutert Sladek. Bei der Analyse arbeiten die Experten mit der MedUni Wien/AKH zusammen, die exakte Auswertung erfolgt bei myBioma selbst. „Eine einzige Probe wirft zirka zehn Gigabyte an Rohdaten aus. Wir sind jene, die Ihnen dann die Geschichte Ihres Darm-Ökosystems erzählen“, sagt Sladek.

Individueller Einblick

Sicher ein faszinierendes Bild. Jedes Mikrobiom ist so individuell wie der genetische Fingerabdruck – aber nicht vom Menschen selbst, sondern von seinen Mikroorganismen. Die Analyse zeigt Interessierten wie mir also, welche Kleinstlebewesen – Zellen, Viren und Pilze – in ihrem Bauch existieren. Und auch, wie der Stoffwechsel und die Vitaminsynthese funktioniert. Weiters erfährt man, zu welchem „Enterotyp“ man genau gehört. Drei davon gibt es – das ist abhängig davon, was ich esse, kann aber auch genetisch bedingt sein.

Zu guter Letzt soll der Test zeigen, was meinem Mikrobiom schadet, geschadet hat und nützt. Gastroenterologen warnen allerdings vor Diät-Empfehlungen auf Basis solcher Tests, die die Lebensqualität einschränken oder gar zu Mangelernährung führen. Ganz allgemein kann man aber sagen, dass sich ballaststoffreiche Ernährung, grünes Gemüse, wenig Alkohol, Nichtrauchen positiv auf die Darmflora auswirken. „Aber auch– und das ist erstaunlich – guter Schlaf und frische Luft“, sagt Sladek.

Zukunftsthema Darm

Aktuelle Forschungen zum Thema Mikrobiom:

  • Mikrobiom & Depression

Die „Darm-Hirn-Achse“ ist bereits länger bekannt – Bakterien des Verdauungstrakts beeinflussen das Gehirn.  Ein belgisch-niederländisches Forscherteam hat nun  herausgefunden, dass eine bestimmte Bakterienart Botenstoffe im Gehirn irritieren kann. Das hat Auswirkungen auf die Psyche und kann zu Depressionen führen. Die  Bakterienarten Coproccus und Dialister kamen im Verdauungstrakt der untersuchten depressiven Freiwilligen auffällig seltener vor als bei Gesunden in der Vergleichsgruppe. Die Stoffwechselprodukte der Bakterien wirken positiv auf den Organismus.

  • Mikrobiom & Geschlecht

Offenbar unterscheidet sich das weibliche vom männlichen Mikrobiom – zumindest in jungen Jahren, wie Forscher der San Diego State University und des Max Planck Instituts herausgefunden haben. Im Fokus steht die Diversität der Darmflora – je vielfältiger, desto gesünder. Das Mikrobiom junger Frauen scheint nicht nur früher zu reifen, sondern auch vielfältiger zu sein als jenes von jungen Männern.

  • Mikrobiom & Zukunft

Rund um die vielen neuen Erkenntnisse zum Thema Darmflora entstehen auch immer mehr neue Ideen und Visionen. Die Forschung geht in Richtung Wirkstoffe, die die Darmbakterien vermehren oder aber ihre Aktivität positiv beeinflussen – so genannte Präbiotika. Oder aber Probiotika: Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass die Therapie mit lebenden Bakterien in Kombination mit entsprechender Ernährung bei Dickdarmkrebs unterstützend wirken kann.

  • Mikrobiom & Hoffnung

 Menschen mit bestimmten Darmerkrankungen hoffen auf Stuhltransplantation: Dabei wird der Stuhl eines Gesunden  in den Darm eines Patienten übertragen,  in Kapseln oder auf anderem Weg. Mit dem Ziel, die Vielfalt des Mikrobioms zu beeinflussen.

  • Mikrobiom & Evolution

Kann man anhand  tierischer Ausscheidungen auf die Evolution schließen? Ja, sagen Forscher der Wiener TU.  In der Darmflora sind  die Evolution und die Ernährungsgewohnheiten der Tiere mit eingeschrieben. Erkenntnisse dazu wurden mit Hilfe  aufwendiger DNA-Analysen der Ausscheidungen von 128 Wirbeltier-Spezies gewonnen.  Dabei zeigt sich,  dass nahe verwandte Spezies mit längerer gemeinsamen Entwicklungsgeschichte  deutliche Ähnlichkeiten im Mikrobiom aufweisen. Die Ernährung spielt ebenso eine Rolle.