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Gesund
10/26/2019

Komapatientin erzählt von Nahtoderlebnis: "Ich habe in Licht gebadet"

Brigitte Guschlbauer lag sechs Wochen im Koma. Lange wusste sie nicht, was in dieser Zeit passierte – bis sie sich mit ihrer Krankenakte auseinandersetzte.

von Magdalena Meergraf

Es ist Weihnachten. Brigitte Guschlbauer fühlt sich unendlich schwach und müde. Die vergangenen Monate waren anstrengend für die zweifache Mutter und Vollzeit-Berufstätige gewesen. Auch eine Halsentzündung hatte ihr zu schaffen gemacht. Doch sie funktioniert trotzdem, gönnt sich selbst und ihrem Körper nicht die Pause, die sie so dringend brauchen würde. „Das hat mich fast das Leben gekostet“, erzählt sie heute, 14 Jahre nach dem Beginn dieser Geschichte.

Eine Streptokokkeninfektion, die ursprünglich im Hals begonnen hatte, breitete sich in ihrem ganzen Körper aus und mündete in einen septischen Schock. Am Weihnachtstag brach Brigitte Guschlbauer schließlich zusammen, wurde ins Krankenhaus gebracht und kam dort auf die Intensivstation.

Multiorganversagen

Ihr Zustand war so kritisch, dass man sie ins künstliche Koma versetzte. Sie schlief sechs Wochen lang, überlebte in dieser Zeit insgesamt drei Sepsis-Zustände.

Ein künstliches Koma ist eigentlich eine Langzeitnarkose. „Der Patient bekommt Medikamente, die Schmerzen  und Stressreaktionen ausschalten“, fasst  Monika Watzak-Helmer, Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin, zusammen. Dabei handelt es sich um die Wirkstoffe, die auch während einer Operation eingesetzt werden – nämlich starke Schmerz- und Schlafmittel. Damit wird der Stoffwechsel reduziert. So können zum Beispiel nach einem  Schädel-Hirn-Trauma   die Hirnzellen entlastet werden. Und wann wird der Patient wieder aufgeweckt? „Das kommt darauf an, wie weit der Heilungsprozess fortgeschritten ist, ob noch aufwendige Eingriffe erforderlich sind und ob er ohne Unterstützung der Geräte auskommen würde.“  Das künstliche Koma kann  einzelne Tage oder mehrere Wochen dauern. Mit der Dauer  steigt das Risiko für Komplikationen. Der Zustand wird deshalb nur so lange wie nötig bzw. so kurz wie möglich aufrechterhalten.

„Ich träumte viel. Ich vermischte Realität mit Fiktion, verarbeitete zum Beispiel Inhalte aus einem Buch, aus dem mir meine Familie und Freundinnen vorlasen, während ich im Koma lag“, schildert sie. Davon berichtet die Sozialarbeiterin auch in ihrem eigenen Buch „Von Augenblicken und Ewigkeiten“.

Ich träumte viel. Ich vermischte Realität mit Fiktion, verarbeitete zum Beispiel Inhalte aus einem Buch, aus dem mir meine Familie und Freundinnen vorlasen, während ich im Koma lag.

Brigitte Guschlbauer

Auch von ihrem Nahtoderlebnis erzählt sie darin: „Ich habe in Licht gebadet, mit Licht getanzt und war unendlich zufrieden.“ Es sei schwierig das Erlebte in Worte zu fassen, sagt sie und versucht es dennoch: "Keine Zeit, kein Raum, kein Vorher, kein Nachher, kein Vorne, kein Hinten, kein Oben, kein Unten, gar nichts, alles und nichts, alles gleichzeitig, eine Sekunde sind hunderttausend Jahre und umgekehrt."

Erklärungsversuch

Neurologen und Neurologinnen führen die Lichtwahrnehmungen auf erklärbare Phänomene zurück. Im Fall eines Organversagens arbeitet das Gehirn noch weiter. Wenn der Sauerstoff knapp wird, bleibt zuletzt die Region aktiv, in der wir Farben und Licht sehen.

Für Brigitte Guschlbauer ist es egal, wie es passiert ist, sie hat erlebt, was sie erlebt hat. Und es hat sie „aufgeweckt“, wie sie sagt. „Heute bin ich viel mehr bei mir selbst, ich achte gut auf mich.“

Aufwachphase eingeleitet

Durch das Schreiben verarbeitete sie die Rückkehr aus dem Nahtod und die Irritationen in der Aufwachphase. Diese wurde von dem behandelnden Arzt eingeleitet, als sich ihr Körper von den Infektionen weitestgehend erholt hatte. Die Körperfunktionen setzen dabei nach und nach wieder ein. Während der Organismus die Narkosemittel abbaut, können Entzugserscheinungen auftreten, wie etwa auch Verwirrtheit.

Kommunikation nur über Augen

Brigitte Guschlbauer erinnert sich gerne an das Glück, nach langer Zeit wieder selbst Wasser trinken zu können. Bis dahin war es ein langer Weg: Sie musste gefüttert werden, Kommunikation war nur über die Augen möglich. „Als ich aufwachte, konnte ich mich nicht bewegen, weil mein Körper so geschwächt war und die Muskeln abgebaut hatten. Ich konnte auch nicht sprechen, weil die künstliche Beatmung im Weg war.“ Eine Zeit, in der sie komplett auf das Pflegepersonal angewiesen war.

Erfahrungen im Spital

Damit machte sie gute und weniger gute Erfahrungen. So erzählt sie in ihrem Buch zum Beispiel von einem „Waschfest“, wie es eine Gesunden- und Krankenpflegerin im Spital nannte: „Sie nimmt das Leintuch weg, mit dem ich zugedeckt bin, taucht ihre Hände in das warme Wasser und beginnt zu schöpfen. Sie schöpft Wasser aus dem Becken und gießt es über meinen Körper. Immer und immer wieder. Das warme Wasser rinnt über meine Arme, meine Brust, meinen Bauch, meine Beine. Es ist himmlisch!“

Ein Kollege brachte das Essen und fütterte sie mit Suppe, während er ein Skirennen im Fernsehen verfolgte. „Und ich habe sie überall, das wenigste davon in meinem Mund. Ich kann nichts dazu sagen. Ich kann immer noch nicht reden. Mich anzuschauen, wäre super. Manchmal ist es zum Verzweifeln.“

Aufmerksamkeit in der Pflege

Um solche Situationen zukünftig zu verhindern, macht Brigitte Guschlbauer heute Aufklärungsarbeit, spricht in Schulen, in Pflegeheimen, in Krankenhäusern und bei Kongressen über ihre Geschichte. „Aufmerksamkeit in der Pflege ist keine Frage der Zeit, sondern der Haltung. Füttern und Waschen können trotz Zeitdruck qualitätsvoll gestaltet werden“, sagt sie.

Aufmerksamkeit in der Pflege ist keine Frage der Zeit, sondern der Haltung. Füttern und Waschen können trotz Zeitdruck qualitätsvoll gestaltet werden.

Brigitte Guschlbauer

Wer auf der Intensivstation liegt, kämpft um die nackte Existenz. Diese Ausnahmesituation im Leben eines Menschen ist für das Gegenüber der berufliche Alltag. Eine Einrichtung, die sich in den vergangenen Jahren mit dem Thema „künstlicher Tiefschlaf“ und dem richtigen Umgang mit Betroffenen besonders intensiv auseinandergesetzt hat, ist die Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin im Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien. Das Stationsteam ist dabei auf das Intensivtagebuch gestoßen – eine Idee aus Skandinavien.

Tagebuch schreiben

Das Intensivtagebuch wird während der Bewusstlosigkeit einer Patientin oder eines Patienten geschrieben. „Unser Ziel ist es, mit Hilfe des Intensivtagebuches die Aufarbeitung der verlorenen Zeit zu ermöglichen“, erläutert die leitende Oberärztin, Monika Watzak-Helmer.

Der Grund der Aufnahme wird ebenso schriftlich festgehalten, wie die Reaktionen auf Behandlungen, die Entwicklungsschritte und der Besuch von Verwandten. Auch Angehörige können so die verlorene Zeit mit Leben füllen: Wie war die Geburtstagsfeier für die Tochter, wie erleben sie die Situation im Krankenhaus und vieles mehr.

So sieht Intensivstation aus

„Oft sind es Geräusche von den Geräten – zum Beispiel vom Beatmungsgerät – an die sich ein Mensch nach dem künstlichen Koma erinnert. Deshalb bekommen die Patienten auch eine CD mit den häufigsten Geräuschen der Intensivstation von uns“, erklärt der diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger Lukas Kreutzinger. Mit der CD lassen sich die ungewöhnlich Töne, die einen so lange begleitet haben, zuordnen.

Verarbeitungsprozess

Kreutzinger: „Studien zeigen, dass sich das Erlebte somit gut verarbeiten lässt.“ Brigitte Guschlbauer wurde zwar woanders betreut und erhielt kein Intensivtagebuch, doch wurden ihr die Krankengeschichte und Fotos zur Verfügung gestellt. So konnte die heute 47-Jährige das Erlebte verarbeiten.

„Nicht zu wissen, was mit einem passiert ist, ist das Schlimmste. Ich habe mir die Akte durchgelesen, die Fotos studiert und bin zurück auf die Station, um den Geräuschen zu lauschen und um mit dem Personal zu sprechen. Heute kann ich meine Erinnerungen richtig einordnen.“

Spätfolgen auch heute

So positiv sich alles entwickelt hat, die Spätfolgen des künstlichen Komas belasten sie auch heute noch. Die Sepsis und die vielen Behandlungen haben ihre Spuren am Körper hinterlassen. „Ich bin nicht mehr so belastbar“, sagt Brigitte Guschlbauer.

Aber auch die Psyche muss so ein Erlebnis erst einmal verarbeiten. „Ich hatte mit einer posttraumatische Belastungsstörung zu kämpfen. Mittlerweile bin ich aber gut versorgt, es geht mir gut.“

Das Erzählen bringt zusätzlich Erleichterung – und berührt diejenigen, die zuhören.

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