Geschädigte oder abgedrückte Nerven lösen an der betroffenen Körperstelle ein Prickeln wie von feinen Nadelstichen aus

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Gesund
09/12/2019

Eingeschlafene Beine: Was das Kribbeln und Piksen bedeutet

Jeder kennt die Empfindungsstörungen in Beinen, Händen und Co. Oft sind sie unbedenklich - aber nicht immer.

von Belinda Fiebiger

Am Bein krabbelt eine Truppe Ameisen. Der Arm schmerzt, als hätte man in Brennnesseln gegriffen. Diese oder ähnliche Gefühlsphänomene, die einen isolierten Bereich betreffen und keinen äußeren Reiz als Auslöser zu erkennen geben, hat jeder schon einmal erlebt.Typischerweise in den Beinen und Füßen, in Armen, Händen oder Fingern. Oftmals handelt es sich um eine harmlose Sache, hervorgerufen durch eine (temporäre) Nervenstörung oder einen Durchblutungsmangel. Es können aber auch krankhafte Ursachen dahinterstecken.

Einfach durchschütteln

„Liegt man zum Beispiel in der Nacht schlecht auf einem Bein oder Arm, kann ein Nerv abgedrückt werden“, erklärt Primar Wolf Müllbacher, Vorstand der Abteilung für Neurologie im Göttlicher Heiland Krankenhaus in Wien. „Aufgrund der entstandenen Blockade schläft das Bein oder der Arm ein und es kribbelt.“"In der Regel kümmert sich der Körper selbst darum“, so Müllbacher, „Die Empfindung wird so unangenehm, dass man die Position verändert.“ Um das Phänomenen des Kribbelns zu verstehen, muss man sich zunächst die Arbeit der Nerven anschauen: Grundsätzlich haben sie die Aufgabe, Signale an das Gehirn weiterzuleiten. Wird einer von ihnen aber eingeklemmt, wird die Reizleitung störanfällig. Sogenannte „sensible“ Nerven, die Sinnesempfindungen aus der Umwelt aufnehmen und weitergeben, suggerieren dann ein kribbelndes oder taubes Gefühl. Eine motorische Nervenfaser, die mit Muskeln in Verbindung steht, reagiert hingegen mit Lähmungserscheinungen.

Stützt man sich zum Beispiel für längere Zeit mit dem Ellbogen auf, kann das den Ellennerv, der u. a. dafür verantwortlich ist, dass die Hand Gegenstände gut umgreifen kann, beeinträchtigen. Der kleine und der Ringfinger fangen zu kribbeln an und werden taub. „Im Normalfall geht das weg, sobald man den Arm durchschüttelt, und ist auch nicht weiter beunruhigend“, so Müllbacher. „Zu langfristigen Nervenschäden kommt es erst, wenn die Fehlhaltung von Dauer ist.“ Betroffen seien etwa Fernfahrer: „Sie lehnen gerne mit dem Ellbogen aus dem Fenster. Wird dabei der Ellennerv an einer oder an mehreren Stellen immer wieder irritiert, können mit der Zeit Defekte entstehen, die nicht mehr reversibel sind.“ Kribbelt es aber nur ab und zu und ist erklärbar – weil man zu lange im Schneidersitz ausharrt, auf einer harten Sesselkante sitzt oder im Bett schlecht liegt – muss man sich eher keine Sorgen machen. „Wird das Kribbeln aber lästig und tritt wiederkehrend auf, macht es Sinn, einen Arzt aufzusuchen, um herauszufinden, ob die Ursache  doch krankhaft ist“, empfiehlt Wolf Müllbacher.

Handlungsbedarf

Bleibt etwa das Kribbeln im Fuß oder Bein über längere Zeit bestehen und ist nicht auf einen versehentlich abklemmten Nerv zurückzuführen, können Muskelverspannungen im Bereich der Wirbelsäule der Grund sein. Auch ein Bandscheibenvorfall kann vorliegen, bei dem der ausgetretene Kern Druck auf die umgebenden Rückenmarknerven erzeugt.

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Ein häufiger Auslöser ist auch die Polyneuropathie. Sie basiert auf einer Fehlfunktion der peripheren – also außerhalb von Gehirn und Wirbelsäule gelegenen – Nervenzellen. Typischerweise macht sie sich zunächst durch zunehmende Gefühlsstörungen bemerkbar, die handschuh- oder sockenförmig bei Füßen oder Händen aufscheinen. „Häufig erkranken die Nerven auf beiden Körperseiten und in ähnlich ausgeprägter Form – so sind etwa beide Füße betroffen und nicht nur einer“, so der Neurologe. „Die Empfindungen können sehr unterschiedlich sein. Der eine spürt Ameisenlaufen, der andere Tausende Nadelstiche und wieder ein anderer nur ein leichtes Kribbeln.“

Wird das Kribbeln lästig und tritt wiederkehrend auf, macht es Sinn, einen Arzt aufzusuchen, um herauszufinden, ob die Ursache doch krankhaft ist.

Prim. Wolf Müllbacher, Vorstand der Abt. für Neurologie, Göttlicher Heiland Krankenhaus, Wien

Weshalb es meist in den Füßen und Beinen beginnt, hat einen durchaus nachvollziehbaren Grund: „Diese Nerven sind am weitesten von der Körpermitte entfernt. Leidet man an einer Nervenstörung, sind sie am anfälligsten“, so der Wiener Primar. „Während kurze Nervenfasern Fehler besser kompensieren können, summieren sich die Probleme bei langen relativ rasch.“

Hunderte Ursachen

Bei einer bestehenden Polyneuropathie setzt sich das Kribbeln für gewöhnlich erst nach einiger Zeit in den Händen fort. „Kommt der Betroffene zur Untersuchung, entdeckt man oft auch schon abgeschwächte Muskel- und Sehnenreflexe“, bemerkt Müllbacher. Der Patient reagiert dabei weniger ausgeprägt auf Reflexhammer, Pinsel oder Nadelstich. „Manchmal kommt auch eine leichte Schwäche beim Faustschluss oder beim Fingerspreizen hinzu. Ein weiteres Symptom ist, dass das Gehen auf den Zehenspitzen oder auf den Fersen Probleme bereitet.“ Besteht nach der Anamnese und dieser ersten ärztlichen Untersuchung der Verdacht einer Polyneuropathie, ist der nächste Schritt eine Blutabnahme, die häufig bereits Auskunft über die Ursache gibt. Und davon gibt es viele: laut der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke mehr als 300. Allerdings lassen sie sich in vier Gruppen einteilen: Polyneuropathien können einerseits durch virale oder bakterielle Infektionen hervorgerufenen werden, andererseits durch Gefäßerkrankungen, etwa bei rheumatischen Erkrankungen. Die dritte Kategorie vereint Medikamente, Genussmittel (Alkohol oder Zigaretten) und Industriegifte als Verursacher, die vierte Hormon- und Stoffwechselstörungen.

„Insbesondere entzündliche Ursachen müssen rasch ausgeschlossen werden, da diese mit fortschreitenden Lähmungen sehr dramatische Verläufe nehmen können“, warnt Müllbacher. „Neben einer Borreliose nach einem Zeckenbiss kann der Patient zum Beispiel vom Guillain-Barré-Syndrom betroffen sein.“ In diesem Fall handelt es sich um eine sehr seltene Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem periphere Nervenzellen angreift und ihre schützende Myelinschicht zerstört. Damit verlieren die vielen, rasch ausgeschickten Signale quasi ihre sichere Bahn.

  1. Sport Wer körperliche Bewegung in seinen Alltag inkludiert, hat bereits viel getan: So werden die Muskulatur von Rücken, Armen und Beinen gestärkt und dadurch häufig auch Fehlhaltungen vorgebeugt. Zudem verbessert konsequentes Konditionstraining die Herzleistung.
     
  2. Verzicht auf Nikotin und Alkohol Bei Rauchern trägt das Nikotin zur Verengung der Gefäße bei. Ein hoher Alkoholkonsum greift langfristig die Nerven an.
     
  3. Ernährung Eine Ursache für Kribbeln kann auch im Vitaminmangel liegen – meist ist der Vitamin-B-Komplex betroffen –, wobei das in unseren Breitengraden eher selten auftritt. Allenfalls kann nach längeren Auslandsreisen ein Mangel vorliegen. Behandeln lässt er sich sehr gut durch eine einfache Substitution, also das Geben der Vitamine in Tablettenform unter ärztlicher Anleitung. Trotzdem kann generell gesagt werden: Eine abwechslungsreiche Ernährung mit sämtlichen wichtigen Nährstoffen leistet einen wesentlichen Beitrag, um Sensibilitätsstörungen vorzubeugen.
     
  4. Richtig sitzen Vor allem für Menschen, die berufsbedingt viel im Sitzen erledigen, ist ein ergonomischer Sessel eine wesentliche Voraussetzung für eine gesunde Körperhaltung. Ein weiteres Schlagwort lautet hier: dynamisches Sitzen. Das heißt, statt in einer Position zu verharren, wird sie möglichst häufig gewechselt. Eine harte Sesselkante kann etwa den Wadeninnennerv direkt unter dem Knie abklemmen. Und auch wenn es oft als bequemer empfunden wird: Das Überschlagen der Beine sollte eher vermieden werden. Auch hier können Nerven abgeklemmt werden bzw. entsteht ein zusätzlicher Druck auf die Blutgefäße.

Wird die jeweilige Grunderkrankung behandelt, bessert sich in der Regel auch die Nervenfunktion. Zu den häufigsten Auslösern der Polyneuropathie zählen aber starker Alkoholkonsum und die Stoffwechselerkrankung Diabetes. „Bei rund Dreiviertel der Fälle findet man eine Ursache, die sich behandeln lässt. Bei einem Viertel bleibt der Grund unklar. Die Symptome können meist aber trotzdem behandelt werden“, so Müllbacher.Tritt Kribbeln unvermittelt, öfters und ohne erkennbaren Grund auf, ist der Weg zum Arzt ratsam – vor allem, wenn es mit weiteren Beschwerden wie Schmerzen, Lähmungserscheinungen, Schwindel, Hautreaktionen oder Sehstörungen einhergeht. Oftmals ist es aber nur eine Warnung des Organismus, mit der er signalisiert, dass er mit der eingenommenen Körperhaltung gerade nicht so glücklich ist.