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Gesund
01/09/2019

Ein Gesundheitszentrum ganz ohne Patientenverkehr

Digitalisierte Gesundheit. Welche Auswirkungen technologische Entwicklungen auf die Gesundheitsversorgung haben.

von Ernst Mauritz

„Mercy Virtual Care Center“ nennt sich die Gesundheitseinrichtung in Missouri, USA. Dort kommen aber keine Patienten, sondern nur ihre Daten an, wie Spitalsmanager Michael Heinisch sagte - quasi das erste Spital ohne Betten: Diese werden ausgewertet und als Grundlage für Therapien herangezogen. „Digitalisierte Gesundheit“ war am Dienstag das Generalthema bei der Präsentation des „Gesundheitsjahrbuch 2018“ der „Plattform Gesundheitswirtschaft“ der Wirtschaftskammer Österreich und des Pharmaunternehmens Sanofi.

„Die Menschen nehmen das Thema Gesundheit immer mehr selbst in die Hand. Und die technischen Entwicklungen machen das in einer Weise möglich, wie wir sie noch nie hatten“, erläuterte Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich.

Man wird Krankheiten besser verstehen „und Menschen besser begleiten zu können“, betonte Sabine Radl, Geschäftsführerin von Sanofi Österreich. So gehe es darum, Patienten zwischen ihren Arztbesuchen besser zu unterstützen. „Diabetiker etwa sind im Alltag mit ihrer Krankheit alleine.“ Sanofi arbeitet mit der Google-Biowissenschaftsfirma Verily an dem Projekt einer „virtuellen Diabetes-Klinik“. Aufgrund seiner täglich übermittelten Werte bekommt der Patient Rückmeldungen von diesem System – das soll helfen, Therapieziele zu erreichen. Auch Patientenanwalt Gerald Bachinger ist überzeugt, dass digitale Entwicklungen helfen werden, die Ressourcen im Gesundheitssystem besser zu nutzen: „Und die Wichtigkeit von zeitlichen und örtlichen Strukturen wird abnehmen.“

INFO: Das Jahrbuch kann hier online kostenlos bestellt werden.

Lesen Sie hier, wie acht Experten die zukünftigen Entwicklungen sehen:

Thema Arzneimittelinnovation

„Als ich begonnen habe, hatten wir in der Diabetes-Therapie Metformin, Sulfonylharnstoffe und  Insulin“, sagte die Diabetesspezialistin Alexandra Kautzky-Willer, MedUni Wien. „Heute haben wir eine Fülle von Medikamenten, die nicht nur den Blutzucker senken, sondern auch einen Zusatznutzen haben.“ Diese würden etwa das Sterberisiko oder das Risiko für Herz-Gefäßerkrankungen vermindern. Und nicht nur die Krebs-, auch die Diabetestherapie sei mittlerweile personalisiert: „Es gibt nicht nur Typ 1 und Typ 2, es gibt viele Subtypen, und wir können durch die neuen Medikamente immer spezifischer behandeln.“

Die Rahmenbedingungen für Arzneimittelforschung in Österreich müssen verbessert werden, betonte Botond Ponner von Sanofi-Aventis. „Ich sitze bei Sanofi an einer  Stelle, an der ich versuche, Forschung nach Österreich zu bringen und dabei im Konzern mit anderen Ländern konkurriere – und das wird zunehmend schwierig.“  Das zeige auch diese Entwicklung:  In den vergangenen zehn Jahren habe sich international die Zahl der jährlichen klinischen Prüfungen von Wirkstoffen verdoppelt, in Österreich im selben Zeitraum um ein Drittel verringert.

Thema Gesundheitsversorgung

„In Zukunft werden nicht so sehr die Patienten ins Krankenhaus kommen, sondern nur ihre Daten“, ist Michael Heinisch, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Vinzenz Gruppe, überzeugt. Der Patient werde  etwa über Sensoren  einen Kontakt zum Spital  haben.  Auch der Zugang zur Medizin werde individueller sein: „Man wird sich Termine von zu Hause aus ausmachen.“ Krankenhäuser werden sich noch viel mehr spezialisieren: „Wir haben in der Vinzenzgruppe schon Fachzentren gebaut, wo sich ein Krankenhaus auf einige wenige Krankheitsbilder spezialisiert..

Eine Spezialisierung wird es auch bei den Apotheken geben, sagte Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Apothekerkammer Österreich. „In Oberösterreich etwa sehen wir die Auslagerung der Behandlung von Tumorpatienten aus dem Spitalsbereich.“ Deshalb beginne man, niedergelassene Ärzte und Apotheker im Umgang mit onkologischen Patienten zu schulen.  Auch das Fördern der Gesundheitskompetenz der Patienten sei ein wichtiger Zukunftsbereich, ebenso wie Medikamenten-Checks zur Warnung vor unerwünschten Wechselwirkungen.

Thema Patientenmitbestimmung

Eine  „gute Ausgangslage“  für die Themen Patientenrechte und Patientenorientierung sieht Gerald Bachinger, Sprecher der Österreichischen Patientenanwälte, in neuen Einrichtungen: So gibt es jetzt eine „Österreichische Kompetenz- und Servicestelle für Selbsthilfe“ (ÖKUSS, www. oekuss.at), über die Mittel zielgerichtet zur Förderung von Selbsthilfeorganisationen verwendet werden. Als Vertretung der gemeinsamen Interessen der Selbsthilfegruppen wurde der Bundesverband Selbsthilfe Österreich (www.bundesverband-selbsthilfe.at) eingerichtet.

„Aus eigener Betroffenheit“ hat die Betriebswirtschafterin Karin Hafner vor sechs Jahren hauptberuflich das Webportal www.hautinfo.at ins Leben gerufen. Sie  ist seit ihrer Geburt von einer schweren Neurodermitis betroffen. „Ich war immer auf der Suche nach einer seriösen Anlaufstelle im Internet – einer Schnittstelle, wo alles zusammenkommt.“ Die ersten Jahre seien extrem hart gewesen: „Aber ich bin sehr froh, dass ich durchgehalten habe. hautinfo.at ist in Österreich heute die größte digitale Plattform für Hautfragen.“ 40 Experten informieren.

Thema Wirtschaftsfaktor Gesundheit

„Wir müssen uns als Pharmaunternehmen immer stärker mit umfassenden Gesundheitslösungen beschäftigen“, sagte  Sabine Radl, Sanofi-Österreich-Geschäftsführerin. „Trotz vieler Medikamente sehen wir, dass rund 50 Prozent der Patienten ihre Therapieziele noch immer nicht erreichen.“ Neue Technologien seien hier eine Chance: „In zehn bis 15 Jahren gehen wir vielleicht zu einer Ärztin, die anhand des genetischen Profils und der Daten über Ess- und Bewegungsverhalten schon erkennen kann, welche zusätzlichen Gesundheitsrisiken bestehen.“

„Gesundheit ist ein unglaublicher Wachstums-, Innovations- und Beschäftigungsfaktor“, betonte Martin Gleitsmann, Abteilungsleiter Sozialpolitik und Gesundheit in der WKÖ. 600.000 Menschen arbeiten in Österreich  im „Kernbereich Gesundheit“, zusätzliche 290.000 im erweiterten Bereich: „Fast  jeder fünfte Arbeitsplatz in Österreich ist im Nahfeld  der Gesundheit zu Hause.“ Neue Medikamente und Therapien können helfen, gesundheitlich beeinträchtigte Menschen, die heute noch außerhalb des Arbeitsmarktes stehen,  hereinzuholen.