Das kleinere Übel oder schädlicher als normale Zigaretten?

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Gesund
08/26/2019

E-Zigarette: Warum Sie für Nikotinsüchtige die Rettung sein kann

Nach dem Tod eines Konsumenten ist der „harmlose“ Tschick in Verruf geraten. Was Ärzte sagen.

von Ute Brühl

Es hört sich nach keiner guten Nachricht für Raucher von E-Zigaretten an: In den USA ist jetzt ein Mann, der zuvor an einer solchen gezogen hatte, mit einer schweren, ungeklärten Atemwegserkrankung ins Krankenhaus eingeliefert worden und kurz darauf verstorben.

Ein Extremfall, sicher. Aber der Mann ist nicht der Einzige, der nach dem Konsum von E-Zigaretten ins Spital musste. Insgesamt 193 Fälle zählte die amerikanische Gesundheitsbehörde seit Juni.

Mancher, der seinen Tschick gegen die E-Version eingetauscht hat, fragt sich jetzt, ob das klug war. Schließlich wurde bisher immer behauptet, dass E-Zigaretten wesentlich weniger schädlich sind als herkömmliche Glimmstängel.

 

„Das stimmt nach wie vor“, sagt Univ.-Prof. Wolfgang Popp, Lungenfacharzt an der Privatklinik Döbling. Wie gefährlich ein Zug an einer E-Zigarette ist, hängt allerdings immer davon ab, mit welchen Liquids man sie befüllt – das sind die Flüssigkeiten, die verdampft werden (siehe Grafik).

Der Mann in den USA hat ganz sicher keine gewöhnlichen Liquids verwendet: Bei ihm und vielen Patienten, die mit Beschwerden ins Spital kamen, wurde ein erhöhter THC-Wert diagnostiziert. Im Klartext: Sie haben Marihuana verdampft. Womöglich haben sie noch andere illegale Substanzen inhaliert, mutmaßt Popp.

In den Liquids kann also alles Mögliche verdampft werden: Neben rund 7.000 Aromastoffen, die auf dem Markt sind, werden auch viele mit Nikotin verkauft – manche enthalten bis zu 36 mg/ml des Suchtmittels.

Bessere Wahl

Popp will die E-Zigaretten aber keinesfalls verteufeln: „Als Arzt sage ich natürlich, dass Rauchen in jedem Fall nicht gesund ist. Doch für Nikotinsüchtige ist die E-Zigarette die bessere Alternative.“

Das hat viele Gründe: „Sie ist eine Ersatztherapie, die den gesundheitlichen Schaden klein bzw. kleiner hält.“ Und das ist viel wert. Schließlich ist Nikotin ein potentes Suchtmittel, von dem man nur schwer loskommt: „Der körperliche Entzug dauert sechs Wochen, während es beim Heroin etwa zehn Tage sind“, erläutert der Experte. Das zeigt, wie schwer es für Raucher ist, sich den Griff zur Schachtel abzugewöhnen.

Dosis reduzieren

Starke Raucher können ihre tägliche Nikotin-Dosis mithilfe der elektronischen Zigarette schrittweise reduzieren – das macht das Aufhören leichter. Neben Entwöhnungshilfen wie Inhalatoren, Kaugummis oder sublingualen Tabletten hätten E-Zigaretten und Heats den Vorteil, dass sie die Rauchgewohnheit widerspiegelten. Heats verbrennen den Tabak nicht bei 800 Grad, sondern verdampfen ihn bei rund 350 Grad.

Weniger Gift

In jedem Fall nehmen die Raucher dabei wesentlich weniger Schadstoffe zu sich. „E-Zigaretten enthalten etwa ein bis zwei Prozent der giftigen Stoffe einer herkömmlichen Zigarette.“ Das senkt das Risiko, an Krebs oder an der chronischen Lungenkrankheit COPD zu erkranken enorm. Ganz beruhigen will der Facharzt nicht: „Das Erkrankungsrisiko ist wohl deutlich höher als nur zwei Prozent.“

Weil die modernen Tschick zudem kein Kohlenstoffmonoxid produzieren, verringert sich die Gefahr für Herz und Kreislauf – ein weiterer Pluspunkt.

Cool? Von wegen!

Und was rät der Arzt Eltern, wenn sie sehen, dass ihre Kinder dem Modetrend folgen und sich eine E-Zigarette zulegen? „Das Wichtigste ist: Seien Sie Vorbild. Wer selber raucht, kann seinem Kind schwer erklären, dass das nicht gut ist.“

Mit Argumenten zu kommen, nutze grundsätzlich wenig: „Wenn man einem 16-Jährigen erklärt, das Rauchen lasse die Haut schneller altern, so kommt das nicht bei ihm an. Besser ist es, ihm zu vermitteln, dass Rauchen einfach nicht cool ist“, meint der Primar, der selbst Vater ist.

Dass man Kinder und Jugendliche in der Schule vor den Gefahren der Sucht warnt, sei deshalb meist ebenso sinnlos: „Viel erfolgreicher ist es, wenn man jungen Menschen eine Alternative anbietet, was sie in ihrer Freizeit machen können, etwa in einen Sport- oder Musikverein zu gehen. Wer eine sinnvolle Beschäftigung hat, ist weniger suchtgefährdet.“