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Gesund
10/24/2019

Wie gesund das E-Radeln wirklich ist

Elektrofahrräder werden immer beliebter. Was man als Einsteiger beachten sollte.

von Oliver Scheiber

Elektrofahrräder boomen. Die Verkaufszahlen steigen ständig. 2018 war bereits jedes dritte in Österreich verkaufte Rad mit einem Elektromotor ausgerüstet, der das Treten erleichtert. 2008 betrug der Anteil der E-Bikes am Verkauf gerade einmal ein Prozent. Heute gibt es bereits mehr als 500.000 E-Bikes in Österreich. Egal ob City-, Mountain- oder Trekkingbike – ausgestattet mit einer aufladbaren wie abnehmbaren Akku-Einheit wird der Drahtesel zum wahren Wunderrad.

Doch wie ist dieser Trend zu beurteilen? Grundsätzlich ist es natürlich begrüßenswert, wenn sich mehr Menschen bewegen. Das E-Bike bringt viele Bewegungsmuffel wieder auf die Beine. Doch die erhöhte E-Mobilität hat auch ihre Schattenseiten: Laut ÖAMTC waren 2018 bereits 42,5 Prozent aller tödlich auf Straßen verunfallten Radfahrer E-Biker.

Ist der E-Bike-Boom nun ein Fluch oder ein Segen? Ist E-Biken gesund oder nicht? „Prinzipiell ist jede Form sportlicher Betätigung zu begrüßen. Ob gesund oder nicht, bedarf einer eingehenden Analyse. Nur wer die Risiken beachtet, liefert sich nicht ungeschützt Gefahren aus“, sagt der Sportmediziner und Unfallchirurg Alexander Mildner. „Bereits geringe sportliche Aktivität bei sportlich Inaktiven hat einen positiven und somit senkenden Effekt auf das Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erleiden.“

Studien

Das beweisen auch zahlreiche wissenschaftliche Studien. So wurden etwa in der Lancet-Studie 2017 insgesamt 130.843 Menschen aus 17 Ländern der Welt zu ihrer körperlichen Aktivität befragt und im Schnitt 6,9 Jahre nachverfolgt. Dabei zeigte sich, dass bereits geringe sportliche Aktivitäten (wie Spazierengehen, Stufensteigen …) bis hin zu hochintensiven Trainingsbereichen eine Schutzfunktion gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben – und das effizienter als jedes Medikament. Auch die Universität Basel hat in einer Studie festgestellt, dass die Rolle des E-Bikes für eine effektive Gesundheits- und Fitnessförderung durchaus vergleichbar mit dem herkömmlichen Fahrrad ist. Bereits in einem relativ kurzen Zeitraum von vier Wochen konnte eine Verbesserung der Ausdauerleistungsfähigkeit erreicht werden.Vom Fahren mit dem E-Bike profitierten insbesondere übergewichtige und untrainierte Menschen.

E-Bikes sind  schwerer als normale Fahrräder  und dadurch in Grenzsituationen schwieriger zu beherrschen. Sinnvoll eingesetzt, können sie etwa Senioren  oder Menschen mit Herz-Kreislauf- Erkrankungen zu mehr Mobilität verhelfen.

Prim. Dr. Alexander Mildner, Unfallchirurg, Allgemein- und Sportmediziner

Bewegung im Alltag

„Wir wissen ja auch, dass Senioren mit Hunden gesünder und länger leben als solche ohne. Ein weiterer Beweis, dass bereits niedrige körperliche Aktivität einen gesundheitsfördernden Effekt hat“, sagt Mildner. Der entscheidende Punkt, und hier sind wir wieder beim E-Bike, lautet: „Bewegung in den Alltag bringen“. Für viele Menschen ist konventionelles Radfahren bereits zu anstrengend: Schon die kleinsten Steigungen stellen oft unüberwindliche Hindernisse dar, manchmal ist schon Radfahren in der Ebene zu anstrengend. „Hier kann ein E-Bike sinnvoll sein und sogar als Trainingsgerät dienen: Es ermöglicht mehr Mobilität, und wenn die motorische Unterstützung langsam reduziert wird, somit der Muskeleinsatz schrittweise gesteigert wird, kann man sogar einen moderaten Trainingseffekt herbeiführen“, erklärt der Sportmediziner. Sinnvoll eingesetzt sind es gerade Senioren oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselerkrankungen und vor allem Beschwerden des Bewegungsapparates, die eine neue Mobilität genießen können.

Zu schnell, zu unfit

Der Pferdefuß liegt jedoch daran, dass viele E-Bike-Einsteiger sich in schlechtem Trainings- und auch Allgemeinzustand befinden, wohingegen bereits mit geringem Aufwand hohe Geschwindigkeiten erreicht werden können und somit die Unfallgefahr steigt.

Daran knüpft auch Peter Gebetsberger an, Ausbildungsleiter bei den Naturfreunden und dort auch für das Thema Rad und E-Bike zuständig. „Neben der körperlichen ist auch eine mentale Vorbereitung wichtig. Man muss sich vor allem der erhöhten Durchschnittsgeschwindigkeit bewusst sein. Mit dem E-Bike ist man im Schnitt mit rund 10 km/h schneller unterwegs als beim normalen Radeln.“ Deshalb empfiehlt er vor allem Neu- bzw. Wiedereinsteigern ein Fahrtechniktraining. Die Naturfreunde veranstalten seit dem Vorjahr spezielle Sicherheitstage, um das notwendige Bewusstsein für die potenziellen Risiken beim E-Biken zu schärfen. Auch ÖAMTC und ARBÖ sowie Individualtrainer bieten derartige Kurse an.

Erhöhte Sturzgefahr

Für geübte, das heißt trainierte Radfahrer stellt sich die Frage nach dem richtigen Einstieg meist nicht – es gibt eine kurze Gewöhnungsphase und „es läuft“. Doch bei vielen Neueinsteigern sind vor allem die Seh- und Reaktionsfähigkeit sowie Kraft und Koordinationsfähigkeit deutlich eingeschränkt. Dies äußert sich in einer erhöhten Sturzgefahr. „Die gesteigerte Geschwindigkeit eines E-Bike überfordert dann alle Schutzmechanismen und es kommt zum Unfall“, sagt Mildner. Apropos Unfall: „Spitzenreiter sind Verletzungen der oberen Extremitäten (Schulter-, Ellbogen und Handgelenksverletzungen), dicht gefolgt von Verletzungen im Knie- und Hüftbereich. Häufig kommen leider auch Verletzungen im Gesichtsbereich sowie Schädel-Hirnverletzungen dazu (siehe Grafik). Zu den häufigsten Unfallursachen zählen Selbstüberschätzung bzw. ein Defizit bei Kraft und Koordination, Seh- und Reaktionsfähigkeit, der Einfluss von Alkohol und Drogen, das Nicht-Einhalten von Verkehrsregeln und aufgrund der höheren Geschwindigkeiten die schlechte Sichtbarkeit bzw. das „Übersehenwerden“ durch andere Verkehrsteilnehmer. Laut Statistik haben sich zwei spezielle Risikogruppen herausgebildet: Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren, hier vor allem Buben, und Menschen ab 50.

Unfallverhinderung

Um Unfälle zu verhindern, empfiehlt Sportmediziner Mildner aktive Maßnahmen wie Kraft- und Koordinationstraining, passive Maßnahmen wie Protektoren, Helme, gut sichtbare Kleidung und im Außenbereich eine gute Trennung von Verkehrsflächen, gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr und das Einhalten von Verkehrsregeln bis hin zu Nummerntafeln für Radfahrer.

Obwohl sich der Begriff E-Bike umgangssprachlich bereits manifestiert hat, sind der absolut größte Anteil aller angebotenen Elektrofahrräder    eigentlich Pedelecs. Die  wichtigsten Unterschiede:
 
Pedelec
Pedelec steht für Pedal Electric Cycle und bezeichnet ein Fahrrad, das  mit Muskelkraft und einem unterstützenden Elektromotor betrieben wird. Der Motor schaltet sich  nur zu, wenn die Pedale getreten werden. Die Unterstützung des Motors darf bei maximal 250 Watt liegen, die Geschwindigkeit muss auf 25 km/h begrenzt sein.

E-Bike
Der Motor  arbeitet auf Knopfdruck auch ohne Pedalunterstützung.  Meistens gibt
es einen Gashebel oder einen Beschleunigungshebel. Dieses System ist
ab sechs Kilometer pro Stunde zulassungspflichtig. Deshalb werden E-Bikes eher selten angeboten. So gilt etwa ein E-Bike mit 20 km/h und max. 500 Watt schon als   Leichtmofa.