Schwester Barbara und Robert W. mit dem Telemedizin-Set von HerzMobil Steiermark.

© Kurier/Jeff Mangione

Gesund | Ärzte
01/13/2019

Telemedizin: Wie geschwächten Herzen rasch geholfen wird

Von zu Hause aus werden täglich wichtige Werte über das Mobiltelefon an das Spital übermittelt.

„Es war ein sehr gutes Gefühl, so intensiv überwacht zu werden – und sollte etwas mit meinen Werten nicht passen, gleich informiert zu werden.“ Robert W., 49, blickt bei seiner abschließenden Kontrolle im steirischen Landeskrankenhaus Bruck a.d. Mur (LKH Hochsteiermark, Standort Bruck) sehr positiv auf die vergangenen drei Monate zurück. Er hat an einem für ganz Österreich zukunftsweisenden Pilotprojekt teilgenommen: „HerzMobil Steiermark“ – ein im April 2017 gestartetes Telemedizin-Pilotprojekt für Patienten mit Herzschwäche.

Robert W. war im August in Bruck nach einem Herzinfarkt zwölf Tage in Behandlung. Danach bekam er ein „Telemonitoring-Set“ mit nach Hause: Eine Waage und einen Blutdruckmesser mit Bluetooth-Funktion (ermöglicht die Datenübertragung über kurze Distanzen) sowie ein Mobiltelefon: „Drei Monate lang habe ich in dem Projekt in der Früh täglich meinen Blutdruck gemessen und mich gewogen. Danach bestätigte ich meine Medikamenteneinnahme und musste angeben, ob ich mich gut, mittel oder schlecht fühlte.“

Die Daten wurden automatisch auf das Mobiltelefon übertragen und verschlüsselt an das Spital gesendet.

Das HerzMobil-Team besteht aus drei Ärzten (zwei Kardiologen und ein Arzt in Ausbildung), fünf diplomierten und speziell geschulten Krankenschwestern sowie Diätologinnen und Psychologinnen, erzählt Gerald Dieter Zenker, Leiter der Abteilung für Innere Medizin im LKH Bruck. Eine Schwester schult den Patienten vor der Spitalsentlassung ein.

Wenn notwendig, macht sie auch einen Hausbesuch und kontrolliert, ob er sich auskennt und die Geräte richtig verwendet. Täglich werden die ans Spital übermittelten Werte von einer Krankenschwester, einmal in der Woche von einem Arzt kontrolliert.

Zeigt sich eine Verschlechterung (etwa eine plötzliche Gewichtszunahme, die auf Wassereinlagerung schließen lässt, oder ein Blutdruckanstieg), wird das Team automatisch via eMail alarmiert. So kann rechtzeitig reagiert und etwa die Medikamentengabe angepasst werden. In der Regel sind die Patienten drei Monate in das Programm eingeschlossen, in schweren Fällen kann auf sechs Monate verlängert werden.

„Das Projekt ist sehr innovativ“, betont Primarius Zenker. „Herzschwäche ist eine unterschätzte Krankheit. Nach einem Krankenhausaufenthalt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es in absehbarer Zeit wieder zu einer Aufnahme kommt.“ Patienten reagieren auf Verschlechterungen ihres Zustandes oft erst sehr spät.

„Wir konnten durch das frühe Eingreifen die Spitalsaufnahmen um 40 Prozent reduzieren.“ Dadurch stieg die Lebensqualität der Patienten. Ihr Risiko, frühzeitig zu sterben, ging zurück. Zenker: „Herzschwäche ist ein wesentlicher Risikofaktor für den plötzlichen Herztod.“

„Zukunftsprojekt“

Mehr als 40 Patienten wurden bisher betreut, sagt der Kardiologe und Teamleiter Stefan Pötz vom LKH Bruck. Auch die Krankenhäuser Mürzzuschlag und Leoben sind eingebunden, heuer soll eine weitere Schwerpunktregion hinzukommen.

„Abgesehen vom großen Nutzen für die Patienten ist es auch ein absolutes Zukunftsprojekt gegen den Ärztemangel“, betont Zenker: „Gerade in den ländlichen Gebieten können wir damit die Versorgung der Patienten deutlich verbessern.“ Aber auch in Ballungszentren können Aufenthalte und Kontrollbesuche im Spital auf diese Weise reduziert werden.

Ein ähnliches Projekt („HerzMobil Tirol“) wird derzeit auf das ganze Bundesland Tirol ausgeweitet. Tirol und die Steiermark sind – ebenso wie die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau – Vorreiter. Telemedizin-Projekte gibt es auch für Diabetes- und Bluthochdruckpatienten.

„Eine Umfrage ergab, dass 98 Prozent der Patienten sehr zufrieden mit der Betreuung waren“, berichtet Pötz. „Und viele sagten, sie haben sich so gut aufgehoben gefühlt, dass sie für eine längere Teilnahme auch privat gezahlt hätten.“

Bei Robert W. gab es in den drei Monaten keine großen Probleme: „Durch das Projekt habe ich mich auch sehr sicher gefühlt.“

Regelmäßige Kontrollen sind entscheidend

Zirka 300.000 Menschen in Österreich sind von Herzschwäche betroffen. Das Herz kann den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen, Atemnot, Leistungsabfall, Müdigkeit und Wassereinlagerung sind häufige Symptome. Mögliche Ursache sind  z. B.  langjähriger nicht behandelter Bluthochdruck, Herzinfarkt, unklare Herzmuskelschäden, Herzrhythmusstörungen oder Herzmuskelentzündungen. „Jenseits des 50. Lebensjahres hat jeder Zweite bereits Bluthochdruck. Aber nur jeder Dritte davon ist gut mit Medikamenten eingestellt“, sagt Prim. Zenker.

Bei Herzschwächepatienten müssen Blutdruck, Herzfrequenz und Körpergewicht regelmäßig kontrolliert werden. Unmittelbar nach einem Krankenhausaufenthalt wegen akuter Herzschwäche ist die Erkrankung besonders instabil. Bereits im ersten Monat danach werden knapp ein Viertel, während des ersten halben Jahres etwa die Hälfte der Betroffenen wieder aufgenommen.

Eine unzureichende Medikamenteneinnahme und das zu späte Erkennen einer Verschlechterung der Erkrankung sind dafür häufige Gründe. HerzMobil Steiermark bringt hier deutliche Verbesserungen. Die Technologie dahinter wurden vom Austria Institute of Technology (AIT)  mit der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft KAges entwickelt.

KURIER-Serie: In Österreich gibt es zunehmend Engpässe in der Versorgung der Patienten. Mediziner müssen bis ins hohe Alter arbeiten, weil sie keinen Nachfolger finden. Wo genau die Problemfelder liegen und welche Lösungsansätze es gibt, beleuchten wir in unserer aktuellen Serie „Wo ist der Arzt?“ Alle gesammelten Beiträge finden Sie hier.