Weltweit erstes Kunstfleisch verkostet. Am 5. August wird in London der erste Stammzellburger in die Pfanne geworfen. Der Wissenschaftler Mark Post vom Institut für Physiologie von der Universität Maastricht hat aus Stammzellen in der Petrischale Rindfleisch gezüchtet und in einer PR-Aktion verkosten lassen. Hintergrund der polarisierenden Aktion: Der Klimawandel und eine drohende Ernährungskatastrophe.

© Cultured Beef / Screenshot

Holland
08/05/2013

Weltweit erster Burger aus dem Labor verkostet

Wissenschafter wollen mit künstlichem Burger den Welthunger nach Fleisch stillen.

von Caecilia Smekal, Anita Kattinger

Die einen nennen Mark Post einen Dr. Frankenstein, die anderen einen Visionär. Der Wissenschafter von der Universität Maastricht hat aus Stammzellen Fleisch im Labor gezüchtet. Am Montag wurde vor den Augen von 200 geladenen Journalisten das Produkt präsentiert, zusammen mit der österreichischen Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler, die als „Freiwillige“ den Kunst-Hamburger vorkostete.

„Ich dachte, das Fleisch würde viel weicher sein“, erzählt sie dem KURIER. „Fett, Salz und Pfeffer haben gefehlt. Und es braucht noch viel mehr, damit es nach Fleisch schmeckt. Aber es kommt ihm schon erstaunlich nah“, so Rützler. Die technologische Entwicklung bei Lebensmitteln werde sehr skeptisch betrachtet. „Aber es lohnt sich ein zweiter Blick.“

Bilder: Weltweit erster Burger aus dem Labor

Cultured Beef

Cultured Beef

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Cultured Beef

Burger für 250.000 Euro

Mark Post und sein Team arbeiteten im Akkord an der Fertigstellung des Hamburgers. Bis er vollendet war, wurden 250.000 Euro investiert – gespendet von Google-Mitgründer Sergej Brin.

Der Forscher gewann aus dem Nacken einer Kuh Muskelstammzellen und stellte daraus Fasern her. Die Zellen wurden mit tierischen Nährstoffen und wachstumsfördernden Chemikalien kultiviert und vervielfacht. In Petrischalen verbanden sich diese Zellen zu Streifen von Muskelfasern. Die wurden gepresst und bis zur Weiterverarbeitung eingefroren. Für die Farbe wurden rote Säfte verwendet, für den Geschmack etwa Safran.

Was manchen anmutet wie eine Vorstellung aus einem Horror-Labor hat gute Gründe: Post arbeitet, wie er sagt, gegen den Welthunger und auf ein Ende der Massentierhaltung hin. „Wir tun das, weil die Lebendtier-Produktion schlecht für Umwelt und Tiere ist und sie der Nachfrage der Welt nicht entgegenkommt“, so Post zur BBC.

Die Herstellung von Fleisch ist tatsächlich enorm ressourcenintensiv. Laut Ernährungsorganisation der UNO wurden noch vor elf Jahren 228 Millionen Tonnen Fleisch verzehrt, für 2050 wird die Verdoppelung dieser Menge erwartet. Das bedeutet auch einen eklatanten Anstieg von Treibhausgasen, Land-, Wasser- und Energieverbrauch für den Futteranbau – und großes Tierleid. Hinzu kommt der Methanausstoß der Kühe. Laut den Universitäten Oxford und Amsterdam könnte Fleisch aus dem Labor künftig den Energieverbrauch in der Herstellung um bis zu 60 Prozent reduzieren, Treibhausgase gar um bis zu 95 Prozent.

Auch wenn manche von einer Revolution sprechen, die Idee ist nicht neu. 1931 sinnierte Winston Churchill über diese Möglichkeit. Während Tierschützer nun jubeln, sehen Kritiker Probleme. Etwa, dass diese Art der Fleischproduktion unnatürlich sei – Medien schrieben schon vom „Frankenfleisch“. Zudem, sagen manche Forscher, müsse erst das Verteilungssystem verändert werden, schließlich gebe es genug Nahrungsmittel auf der Welt – darunter viel Fleisch, das weggeschmissen wird.

„In 20 Jahren“

Auch nach der medientauglichen Präsentation bleibt der Weg bis zum supermarktfähigen Kunst-Fleisch weit. Für die Herstellung großer Stücke bräuchte man etwa einen Blutkreislauf. Der Labor-Burger beinhaltet derzeit kein Fett oder Blut – für Fleischliebhaber keine Alternative. Zudem müssen die Muskelstreifen immer noch mit tierischen Stoffen kultiviert werden – ist also nicht ohne Schlachthaus herstellbar. Ersetzen kann „Cultured Beef“ Fleisch also noch nicht. Doch Mark Post arbeitet daran. Sein Koch-Event am Montag hatte vor allem zwei Zwecke: Zu zeigen, dass artifizielles Fleisch möglich ist – und weiteres Geld für die Forschung anzulocken.

Wenn man in 20 Jahren vor der Wahl stehe zwischen zwei identen Produkten zum selben Preis, so Post zum Guardian, das eine umweltfreundlich produziert und ohne Töten von Tieren, „dann wird die Wahl relativ leichtfallen“.

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Labor-Laberl

Hätte ein Restaurant den „Stammzellen-Burger“ oder „In-Vitro-Nuggets“ auf der Karte, könnte das Gästen heute den Appetit verderben. In 20 Jahren soll es so weit sein. Der Prototyp des Labor-Laberls wurde gestern in London verkostet: blutleer und fettlos, aber immerhin aus gepressten Muskelfasern. Er soll in Serie gehen. Ab jetzt wird jede Menge Geld in die Entwicklung von Laborfleisch für die Massenproduktion investiert und dies mit der Eindämmung von Welthunger und Tierleid argumentiert.

Deutlich zeitsparender und ressourcenschonender wäre es, mehr Menschen von Alternativen zur täglichen Fleischzufuhr zu überzeugen. Sie etwa mit Getreide oder Gemüse in Kontakt zu bringen. Dies sind Grundnahrungsmittel, die bei uns unter dem Titel „Beilagen“ in Umlauf sind. Doch dieser Umstieg ist Utopie angesichts von Schätzungen, dass sich der Fleischkonsum in der ersten Hälfte des 21. Jahrtausends verdoppeln wird. Die Landwirtschaft wird also weiterhin „Beilagen“ anbauen, die wir dann an Tiere verfüttern, um aus ihnen saftige Hauptspeisen zu machen.

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