Genuss
09.04.2018

Kochshows als Publikums-Magneten: Was hinter dem Boom steckt

Immer mehr Kulinarik-Formate locken die Zuseher an den TV-Herd. Gourmet-Experten über die Faszination "Kochshow".

Schnipseln, braten, backen auf allen Sendern. TV-Kochshows boomen, das Thema „Kulinarik“ läuft wie geschmiert. Vergangenen Freitag startete die neue ORF-Comedy-Kochshow „Meine Mama kocht besser als deine“ mit Moderatorin Katharina Straßer und Juror Konstantin Filippou. Ab 24. April läuft jeden Dienstag um 20.15 auf Puls 4 das neue Format „Kochgiganten“ mit  den Köchen Didi Maier und Alexander Kumptner sowie den Juroren Martina Hohenlohe  und Wolfgang Rosam. Statt Andi & Alex zeigt in „Schmeckt perfekt“, gleich eine ganze Crew  auf ORF 2 ihre Kochkünste. Etwa  Lisl Wagner-Bacher, Paul Ivic  oder   Heinz Reitbauer.

Lustempfinden

Essen ist zum angesagten Lifestylestatement geworden, jeder will  mitreden  und dabei sein – via TV, auf Youtube oder indem man eben eigene „Foodporn“-Bildchen auf Instagram postet.  Hashtag #yummy. Doch was steckt dahinter?   „Von der metaphysischen Ebene her ist Essen und Trinken wahrscheinlich neben Sex, das, was Menschen ursprünglich am direktesten mandelkernmäßig anspricht. Es trifft das unmittelbare Lustempfinden. Ähnlich wie beim Sex hat das viel mit Optik zu tun. Zuzuschauen, wird als angenehm und anregend empfunden“, sagt der österreichische Gastronomiekritiker Florian Holzer, der selbst schon in kulinarischen Formaten mitgewirkt hat („Ochs im Glas“, ORF oder „Hat’s geschmeckt?“, W24). Essen ist aus seiner Sicht sexy, daher wundert er sich, „warum Sender in Mitteleuropa so lange gebraucht haben, um diese Sexyness zu erkennen und gute Shows zu machen.“

Die Marketing-Expertin Alexandra Palla  – eine der ersten Foodbloggerinnen des Landes – macht vor allem den „Lagerfeuereffekt“ für die allgemeine Kulinarikbegeisterung verantwortlich: „Alle scharren sich ums Feuer, um den Tisch oder ums gute Essen, es steht die Sehnsucht nach gemeinsamer Zeit im Mittelpunkt.“  Essen verbindet aus ihrer Sicht  –  TV-Zuseher genauso wie die Netz-Community. „Es ist eben ein Teil unserer Kultur. Essen geht uns alle an. So wie Fußball der beliebteste Sport ist, der Ball ins Tor muss, muss das Essen auf den Teller.“ Das Thema betreffe jeden, „durch die vielen Medien und die unterschiedlichen Kanäle findet dann jeder sein richtiges Format und seinen richtigen Kanal oder Blogger. Das Thema ist leicht zugänglich ist und niederschwellig“, meint Palla.

Zu den weiteren Zutaten zählen laut Martina Hohenlohe, Gault-Millau-Chefredakteurin, Gefühle. „Essen ist ein archaisches Thema, das emotionalisiert.“ Der Vorteil daran: „Das Bewusstsein für Qualität steigt, was wiederum auf die Produzenten zurückwirkt.“ Auch, wenn es in den Sendungen sehr oft um Tempo geht? „Ja. Das ist das Geheimnis und bringt den Showeffekt.  Dass die Zuseher beobachten können, wie jemand unter Stress gerät und dabei emotional wird. Und wie wir alle wissen, ist es auch möglich, in zehn Minuten etwas Gutes zu kochen.“ 

An die Grenzen gehen

Die Anforderungen an so ein Format haben sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Heute braucht es so erprobte Zutaten wie einen Wettlauf gegen die Zeit, den Wettbewerb an sich, das Ausscheiden, die großen Gefühle. Das sieht auch Drei-Hauben-Koch Konstantin Filippou so: „Ich glaube, dass es in all diesen Kochshows um Unterhaltungswert geht, wo man Menschen zusieht, wie sie sich einer Challenge stellen und sie dabei an ihre Grenzen gehen.“

An TV-Altstars wie Koch Helmuth Misak, der in seiner Sendung in aller Ruhe seine Schnitzerln klopfen konnte, sieht man wie sehr sich das Image des Kochs – im Fernsehen und auch ganz allgemein –  verändert hat. Da geht fast nichts mehr ohne Ziegenbärtchen, Tätowierung oder lässiger Hornbrille. Und man darf ruhig einmal derb sein – wie etwa Tim Mälzer in seiner hemdsärmeligen Kochshow „Kitchen Impossible“. Von dem Filippou augenzwinkernd sagte, er sei ein Großmaul, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, andere Köche in die Pfanne zu hauen. Doch auch in der Realität selbst hat sich das Image des Kochs dramatisch geändert: „Er muss nicht nur kochen können, sondern auch fesch sein, sich artikulieren können, PR in eigener Sache machen und ein Marketinggenie sein“, so Hohenlohe. „Das Bild hat sich verändert –  weg von der schmutzigen Schürze hin zum Popstar“, glaubt auch Florian Holzer. Mit Folgen für Nachwuchs-Köche? „Ja, das kann durchaus dazu führen, dass sich junge Leute motiviert fühlen, sich die Lehre anzutun. Oder Restaurants aufzumachen, an Orten, die früher als unattraktiv galten. Das ist zu begrüßen.“

Pionier Jamie Oliver

Als einer der Pioniere in Sachen Kochshow gilt Jamie Oliver. Er war einer der ersten mit enormer Breitenwirkung, auch wenn er laut Holzer „lispelt und alles mit den Händen angreift.“ Und dennoch hat er „direktes Lustempfinden bei den Zusehern ausgelöst, weil er vor der Kamera unendlich köstliche Dinge zubereitet hat.“ Nicht nur, es ist ihm auch gelungen, Essen und Genießen in ein appetitliches Reportageformat zu bringen. Dem Briten sei zu verdanken, dass Kochen lässig, identisch und auch für Männer cool geworden ist. Das hat Jamie Oliver geschafft, sowohl die Idee des alten Formats wahnsinnig attraktiv zu machen, einfach indem er unendlich köstliche Dinge zubereitet hat.

Ob’s die Kochformate dem Geschäft, also dem eigenen Lokal, etwas bringen, sei laut Holzer zu bezweifeln: „Wenn dann nur indirekt. Sie verkaufen vielleicht ihre Kochbücher besser. Aber das füllt auf keinen Fall ihre Restaurants, das nützt ihnen persönlich weniger als es dem Sender oder dem Zuseher nützt.“