© Susanne Mauthner-Weber

Kamelmilch-Schoko
07/10/2013

Die Schokoladenseite der Wüste

Wie Kamelmilch-Schoko nach Wien kam und was ein Lungauer Konditor damit zu tun hat.

von Susanne Mauthner-Weber

Tina Turner kommt aus dem Sudan, hat Stirnfransen, die ihre imposant bewimperten, braunen Augen verdecken und gibt an guten Tagen zehn, an schlechten zwei Liter Milch.

Tina Turner ist ein Kamel und hat den Spitznamen ihrem Aussehen und Kirsten Lange, der Marketing-Managerin von Camelicious, zu verdanken.

Vereinigte Arabische Emirate, eine halbe Stunde hinter der letzten Shopping-Mall von Dubai: Ein Schild weist in Richtung Camelicious-Kamelmilchfarm des Emirs von Dubai, Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum. Hier, mitten in der Wüste, sind etwa 3000 Kamele zu Hause – und eine Legion von Forschern und Produkt-Entwickler dazu. Peter Nagy ist einer von ihnen. Der Veterinärmediziner und gebürtige Ungar hat für den Sultan von Oman Kamele gezüchtet, ehe ihn der Emir von Dubai abwarb, weil er jemanden brauchte, der ihm die Kamelmilch-Farm mit aufbaute. Das war 2006.

Glückliche Kamele

Milchproduktion hat nämlich keine Tradition in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Kamele wurden hier als Last- und Renntiere eingesetzt. Bisher. Jetzt aber tut Nagy alles, „damit die Kamele glücklich und gesund sind“. Bestes Futter, gute Partner, sogar einen Trampelpfad haben die Tiere, auf dem sie täglich ihren einstündigen Spaziergang absolvieren.

Trotzdem geben nur 35 Prozent der 3000 Kamele gerade Milch, erzählt Nagy. Mehr als 4500 bis 6000 Liter insgesamt werden es auch heute nicht werden. So hat es die Natur vorgesehen (zum Vergleich: Kühe geben etwa fünf Mal so viel Milch). Zwei Mal am Tag wird gemolken. „Die Milch sieht praktisch kein Sonnenlicht, aus dem Euter wandert sie unterirdisch auf kurzem, gekühlten Weg, zur Molkerei. Das dauert keine fünf Minuten. Bei uns sind Molkerei und Farmbetrieb eins“, erzählt Johann Georg Hochleitner, seines Zeichens die fünfte Generation eines Konditor-Geschlechts aus dem Lungau. Was der Tamsweger Chocolatier mit all dem zu tun hat? Viel! Hochleitner hat jene Schokolade, entwickelt, die seit 2008 aus der Kamelmilch entsteht.

Die erste weltweit.

Neuerdings ist Al Nassma (benannt nach dem erfrischenden Wind, der vom Meer kommt) auch bei uns zu haben (bei Meinl am Graben in Wien).

Sie ist das Ergebnis vieljähriger Bemühungen: Das Milchpulver wird vor Ort in der High-Tech-Molkerei hergestellt. Entscheidend sei es, wie man die Milch in dieses Pulver umwandelt – „wir machen das mit der ganz schonenden Gefriertrocknung. Wir erhitzen die Milch nicht, sondern pasteurisieren sie ganz kurz“, sagt Hochleitner. Danach wird das Milchpulver nach Österreich gebracht und bei Manner in Wien nach den Rezepten des Tamsweger Konditors verarbeitet. Feinster Kakao von der Elfenbeinküste und Bourbon-Vanille sind da Ehrensache.

Was sich hier so leicht liest, war ein bürokratischer Hürdenlauf. Hochleitner: „Wir hatten keine Genehmigung, Milchprodukte in die EU einzuführen.“ Vier Jahre lang sei er immer wieder nach Brüssel gepilgert. Die EU-Beamten haben daraufhin das Land evaluiert. Mittlerweile gibt es ein Abkommen zwischen der EU und den VAE. „Jetzt dürfen wir Kamelmilchpulver in die EU einführen“, sagt Johann Hochleitner. Vor dem Abkommen musste die gesamte Schokolade-Produktion wieder zurück in die VAE gebracht werden. Ein Teil davon lagert im Al-Nassma-Laden auf der Kamelfarm. Draußen hat es gut 40 Grad, drinnen läuft die Klimaanlage auf Hochtouren: Kamel-Pralines mit Macadamia-Füllung, Dattel-, Arabia- und Bitterschokoladen-Tafeln warten hier auf Kundschaft. Viel geht nach Japan – die lieben es. Vielleicht wegen der gesundheitsfördernden Wirkung (siehe auch Geschichte unten).

Kamelmilch ist reich an Vitamin B, C und an Mineralstoffen, gut bei Laktose-Intoleranz und für die Haut. Wer einen halben Liter Kamelmilch pro Tag trinkt, bekommt keinen Schnupfen mehr“, schwärmt Mutasher Al-Badry. Muss er wohl auch – er ist General Manager der Kamelmilch-Farm. Veterinär Nagy bestätigt: „Das Immunsystem von Kamelen ist sehr widerstandsfähig; kein Wunder bei dem Lebensraum. Das zeigt sich eben auch in der Milch.“

Zartschmelzend mit einem winzigen, salzigen Hauch – so schmeckt Al Nassma (ab 5,90 € bei Meinl am Graben).

Warum Kamelmilch gesund ist

Was Beduinen seit Jahrtausenden wissen, wird jetzt durch westliche Wissenschaft bestätigt: Kamelmilch heilt. Beispielsweise deuten die Ergebnisse einer Studie der Ben-Gurion Universität Negev (Israel) darauf hin, dass Nahrungsmittel-Allergien mit Kamelmilch auskuriert werden könnten. Acht Kindern, die unter schweren Allergien gegen Milch und andere Lebensmittel litten, wurde Kamelmilch verabreicht. Herkömmliche Behandlungen hatten zuvor nicht gewirkt. Innerhalb von vier Tagen Milchkur waren alle Symptome der Allergien verschwunden.

Die Heilkraft,nehmen die Wissenschaftler an, könnte in der Zusammensetzung der Kamelmilch liegen. Sie enthält nicht die Eiweiße Beta-Laktoglubolin und Beta-Kasein, die bei anderer Milch Allergien auslösen können. Die Laktose (Milchzucker) in der Kamelmilch ist selbst für Menschen mit einer Unverträglichkeit verdaulich. Zudem stärkt die hohe Anzahl von Immunglobulinen (Antikörper) die allgemeine Abwehrkraft. Dieser Effekt wird noch durch die hohen Mengen an Vitamin C, Calcium und Eisen unterstützt.

Allerdings zeigt nur unbehandelte Kamelmilch die erwünschte Heilkraft. Durch Erhitzen geht sie weitgehend verloren. Wer also Kamel-Rohmilch kosten will, muss ein entsprechendes Urlaubsland wählen.

Auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) unterstützt die Erforschung der Kamelmilch. Weitere Studien haben sich mit der Wirkung von Kamelmilch bei Typ-II-Diabetes, Hepatitis, Rheuma und Autoimmunerkrankungen befasst und positive Effekte festgestellt. Auch bei Tuberkulose soll sie helfen. Das Kamelforschungsinstitut im indischen Bikaner will gar festgestellt haben, dass die Einnahme von Kamelmilch Diabetes-I-Patienten hilft, Insulindosen drastisch zu reduzieren. Mediziner führen das Ergebnis auf die hohe Menge zuckersenkender Stoffe in der Milch zurück, die nicht durch Magensäure zersetzt werden.

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