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02/18/2017

"Herbert": Wenn das Gemüse im Wohnzimmer wächst

Das österreichische Start-up Ponix geht bei der urbanen Nahrungsmittelproduktion neue Wege.

von Marlene Patsalidis

Frische Erdbeeren das ganze Jahr im eigenen Wohnzimmer anbauen? Mit "Herbert" ist das kein Problem. "Herbert" ist ein vertikales Gemüsebeet, mit dem man indoor Salat, Basilikum, Rucola, Rosmarin oder eben Erdbeeren züchten kann. Entwickelt wurde das Innenraum-Hochbeet von dem österreichischen Start-up Ponix. Der Name leitet sich vom englischen Wort "herbs" für Kräuter ab.

Produkt aus Leidenschaft

Die Idee zum Produkt entsprang der besonderen Leidenschaft des Mitgründers und CEOs von Ponix, Alexander Penzias. Der gebürtige Wiener, der das Unternehmen zusammen mit dem Elektrotechniker Alvaro Lobato-Jimenez vor zwei Jahren gegründet hat, besitzt seit seiner Kindheit Aquarien. Aus seiner Passion entstand das Interesse für die wasserbasierten Ökosysteme. Er stieß auf die Aquaponik, eine Kombination aus der Hydroponik, eine Form des erdlosen Pflanzenanbaus, und Aquakultur, der Fischzucht. In aquaponischen Systemen düngen Fischexkremente die Pflanzen, die den Fischen wiederum gereinigtes Wasser zu Verfügung stellen – ein natürlicher Mikrokreislauf entsteht.

Bei der Entwicklung von "Herbert" ließ Penzias sich von diesem natürlichen Mechanismus des Ökosystems inspirieren - herausgekommen ist ein Baukasten, der wassersparenden, pestizidfreien, umweltschonenden, städtischen Anbau ermöglicht.

Design mit Sinn

Was auf den ersten Blick wie ein begrünter Design-Schmäh wirkt, hat einen ernsthaften Hintergrund. Das Produkt ist Teil des Konzepts der Vertikalen Landwirtschaft. Dabei werden urbane Flächen zum Anbau von Nahrung genutzt, mit dem Ziel die Umwelt zu entlasten. In den USA und im asiatischen Raum werden schon seit geraumer Zeit im großen Stil Anbauflächen in der Stadt gewonnen. In Japan wird derzeit eine hydroponische Anlage gebaut, die bis zu 30.000 Salatköpfe pro Tag hervorbringen soll. Auch in der Wiener Umgebung gibt es Tomaten-Bauern, die hydroponisch anbauen.

Penzias sieht in dieser Form der Lebensmittelnahversorgung Potenzial: "Wir wissen, dass die moderne Landwirtschaft Ressourcen in großen Mengen verschlingt und wie viel umweltschädigendes Kohlenstoffdioxid dabei anfällt", betont der studierte Betriebswirt. Bis ein Lebensmittel in Österreich ankommt, ist es oft um die halbe Welt gereist und hat Unmengen an Trinkwasser verbraucht. Hinzu kommen Faktoren wie Bevölkerungswachstum, ein steigender Grad der Urbanisierung, Klimawandel und der Rückgang von Anbauflächen.

Durch die geografische und psychologische Trennung von Nahrungsproduktion und Konsument hätten viele zudem das Gefühl für Nahrungsmittel und deren Wertigkeit verloren. Das will man mit "Herbert" nun ändern.

Gemüsebeet mit Charakter

Zwei Jahre lang tüftelte Penzias zusammen mit seinem Kollegen Lobato-Jimenez und vier weiteren Entwicklern an dem Gemüsebeet. Die Komponenten Ästhetik und Funktionalität zu verbinden war dabei besonders herausfordernd. "Die Entwicklung war extrem zeitintensiv, weil wir beides berücksichtigen mussten. Gleichzeitig haben wir auf regionale, nachhaltige Produktion geachtet."

Äußerlich ist "Herbert" hübsch anzusehen, im Inneren stecken seine wahren Werte. Ein besonders wichtiges Element ist die LED-Beleuchtung, die den ganzjährigen Anbau ermöglicht. Licht lässt die Pflanzen nicht nur wachsen, es beeinflusst auch Geschmack, Farbe und Konsistenz. Darunter folgt der Bilderrahmen, der die Anbaumodule enthält. In 15 Vertiefungen können Gemüse- und Obstpflanzen sowie Kräuter gezüchtet werden, die Samen setzt man dabei zum Keimen in einen Schwamm. Unter den Modulen befindet sich ein Tank mit einem Wasser-Substrat-Gemisch, der diese über eine Pumpe speist. Dadurch muss man das System nicht jeden Tag gießen, sondern kann es zwei bis drei Wochen unbeaufsichtigt lassen. Das Ganze ist mit einer Handy-App synchronisiert, über die man Beleuchtungszeit und Intensität steuert. "Damit funktioniert das Wachstum unabhängig von Standort und Saison", so der 31-Jährige. Der Energieverbrauch der LED-Lampen ist gering, die Pumpe braucht Penzias zufolge etwa so viel Strom wie in Internet-Modem.

2018 am Markt

Bisher wurden 120.000 Euro in das Projekt gesteckt. Weitere 50.000 werden für die finale Produktoptimierung und Markteinführung im kommenden Jahr benötigt. Seit 13. Februar läuft eine Kickstarter-Kampagne, die über den Vorverkauf des Produkts das fehlende Kapital reinbringen soll. "Unser Finanzierungsziel haben wir bereits am ersten Tag erreicht. Man kann uns aber noch bis Ende März unterstützen, dann gehen wir erstmals in Produktion", erklärt Penzias.

Der voraussichtliche Preis in der normalen Verkaufsphase wird bei 490 Euro liegen. Für Kunden wird es die Möglichkeit geben Samen, Schwämme und Nährstoffe per Abo zu bestellen. Das Beet kann auch durch ein Aquaponik-System inklusive Aquarium ergänzt werden.

Preislich im Luxussegment angesiedelt, ist "Herbert" also eine kluge Lösung für Stadtmenschen mit grünem Daumen.