Drei Weine haben es an die Spitze geschafft. Doch wird ihnen die Höhenluft gut tun?

© Isidor Nösig

Das Wein-am-Berg-Experiment
05/10/2012

Das Wein-am-Berg-Experiment

Wie schmecken Weine auf 3.200 Metern? In Sölden wollte man es wieder einmal wissen.

von Alexander Rabl

In Wien ist es lächerlich heiß. Sommertemperaturen Ende April. Braucht man nicht, besonders, wenn es ein paar Tage später wieder für Wochen zehn Grad und darunter haben wird. Also fahren ein Paar auf den Gletscher nach Sölden. Schifahren die einen und Weinverkosten, nur Weinverkosten die anderen. Es geht um die große Frage: Wie verändert sich ein guter Tropfen in der Höhenluft? Wird aus einem guten ein sehr guter Tropfen? Oder wird aus einem sehr guten nur ein guter Tropfen? Kriegt ein Wein überhaupt den Höhenkoller und hüpft aus dem Glas? Wir sind gespannt. Drei weiße Weine gehen ins Rennen: Riesling Smaragd aus dem Wuchtjahrgang 2009 von Franz Hirtzberger, ein weißer Chateauneuf du Pape 2010 von Chateau Beaucastel und ein Wein aus der Champagne, nämlich Ruinart. Oben pfeift der Wind, dass es einem das Glas aus der Hand fetzt. Die Sicht auf die Gipfel der Umgebung fast glasklar. Man fühlt sich ob der widrigen Umstände ein wenig als Teil einer wichtigen Unternehmung. Einen guten Wein irgendwo sitzend oder auch stehend im Tal, das kennt unsereiner ja. Doch Wein auf über dreitausend Metern bei Spitzensturm und Eiseskälte, das ist ungewohnt.

Die Blasen hüpfen

3.200 Meter also. Ewiges Gletschereis. Da fährt auch kein Lastenaufzug hinauf. Sie müssen jede Flasche persönlich herbei schleppen. "Sie" sind die Mitarbeiter des bemerkenswerten Central Hotel SPA in Sölden, das sich und den Gästen jedes Jahr zu Saisonschluss die Weinveranstaltung "Wein am Berg" gibt. Mehr darüber später. Widmen wir uns jetzt den Flüssigkeiten. Die Luft tut ihnen nicht in jedem Fall gut. Zum Beispiel der Champagner leidet ein wenig unter der Höhe, die sich auf den Luftdruck auswirkt. Die Bläschen hüpfen dem Schaumwein davon, bis er kein Schaumwein mehr ist, sondern nur mehr ein Wein. Der jetzt übrigens ziemlich nach Pinot Noir schmeckt. Der Ruinart schäumt im Glase und wenn du ihn zügig trinkst, schäumt er im Magen weiter. Die Bläschen wollen hinaus, es geht ihnen wie Goldfinger im James-Bond-Film, den es durchs Fenster eines Flugzeugs in Freie saugt. Die Luft ist eben dünn weiter oben. Wissenschafter machen sich darüber aber mehr Gedanken als wir.

Der weiße Franzose schwächelt

Jetzt ein Glas vom weißen Chateauneuf. Er war schon bei einer kleinen Verkostung am Vorabend nicht der Star. Ungleich seinen roten Verwandten aus dem Haus Beaucastel: herrliche, wahre und elegant einherschreitende Chateauneufs du Pape, großartig die Jahrgänge 2005, 2001 und 1995. Der weiße Bruder duftet nach Süden und Terroir. Er wirft dem Trinker etwas nach Birne und Exotischen Früchten duftendes entgegen. Auch ein paar Zitrusfrüchte sind dabei. Doch dann ist schnell aus. Der weiße Beaucastel ist ein durchwegs kräftiger Bursche, aber das mit der Höhe am Gletscher bekommt ihm nicht. Dünn und ausgelaugt, als wäre er die 3000 Meter selbst hochgeklettert, bleibt er im Glas.

Hirtzbergers Riesling blüht auf

Jetzt Hirtzberger. Die Krönung des Wachauer Weinschaffens heißt ja unter anderem Singerriedel. Das Jahr 2009 nur bestens beleumundet. Dieser Riesling schäumt fast ein wenig nach dem Einschenken. Er erinnert an Weine, wenn man sie während einer Faßprobe bekommt. Er macht sofort auf. Alles, was mit Riesling konnotiert ist, schwirrt durchs Glas und sogar der Gipfelsturm hat keine Chance, diesen Duft wegzuwehen. So intensiv und gut ist er. Pfirsich ist da, etwas Honig, auch Marillenröster, klare Rieslingfrucht, keine unsauberen Nebentöne und Frische, Frische, Frische. Franz Hirtzberger ist persönlich anwesend, ebenso wie der Weinmacher von Beaucastel. Auch er, so könnte man vermuten, wird seinen Singerriedel nicht immer in dieser Form im Glas haben. Mittlerweile sind den Teilnehmern der Verkostung nicht nur die Ohrläppchen abgefroren. Wir haben brav alles ausgekostet. Jetzt geht es wieder runter. Zwischenstation eine kleine Bar aus Schnee und Eis an einem Gletschersee. Das wichtigste: Liegestühle und eine Couch. Denn die Arbeit mit dem Glas in der Hand auf so großer Höhe ist fast so erschöpfend wie das Fahren mit dem Ski.

Fortsetzung etwa 800 Meter tiefer

Der Wind ist weg. Ruhe. Keine Lautsprecher, wie angenehm. Über uns im blauen Himmel ein paar weiße Wolken und die Kondenzstreifen der Flugzeuge. Der Singerriedel präsentiert sich jetzt weniger offenherzig. Er wirkt auch nicht mehr so jugendlich frisch wie auf 3.200 Metern, sondern etwas gereifter, vernünftig geworden. So schnell kann das gehen. Eine Winzigkeit von Petroltönen mischt sich ins Gepräch mit dem Wein, doch sie stört nicht wirklich. Währenddessen wirkt der Champagner deutlich entspannter, während der weiße Chateauneuf sich zwar duftmäßig nicht gleich aus dem Glas vertschüsst wie vorhin, aber dennoch bleibt, was er ist: kein großer Wein. Unser Experiment zeigt also, dass sich Weine mit der Zunahme der Höhe verändern. Auch die Weine, die im Keller des Central SPA gelagert sind, so erzählt man, würden die österreichischen Winzer aus dem Burgenland, die zu jeder Veranstaltung anreisen, stets überraschen. Ein Unterschied in der Reifung ein und desselben Weins ist also von der Höhe abhängig und vorhanden. Soweit zum Wein-am-Berg-Experiment. Ob seine Ergebnisse für den Erste-Klasse-Service zum Beispiel der Emirates interessant sind oder doch eher für die NASA oder ob das ganze noch länger rein akademischen Wert hat wie das eine oder andere herumflitzende Teil am CERN? Wer weiß es?

 

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