Genuss
02.10.2018

Biofleisch-Pionier Hackl: "Schlachtung kann nie glücklich sein"

In seinem neuen Buch schreibt Biofleisch-Pionier Norbert Hackl über seine Philosophie und zeigt auf, was im System schiefläuft.

Zenzi und Amanda. So hießen Norbert Hackls erste Schweine, denen Ungewöhnliches widerfuhr: Sie durften 365 Tage im Jahr im Freien verbringen, obwohl es immer hieß,  dass Schweine dafür ungeeignet wären. Der Biobauer kann sich gut an die beiden Damen erinnern, er verbrachte viel Zeit mit ihnen, beobachtete sie. „So habe ich gelernt, was diese Tiere tun und was sie brauchen“, erzählt er. Das war 2003, Schwein gehabt. Hackl schuf damit die Basis für seinen Biohof „Labonca“ im steirischen Burgau, wo heute auf 300.000 m² Freilandfläche zirka 500 Sonnenschweine  leben. So nennt Hackl seine Kreuzung aus Duroc- und Schwäbisch-hällisch-Schweinen.

Hackl gilt als Vorreiter in Sachen Freilandhaltung und als Bio-Pionier, dem für seine Arbeit schon Preise verliehen wurden. Jetzt hat er ein Buch über die Entstehungsgeschichte seines Hofs geschrieben. In „Dürfen Schweine glücklich sein“ (Leykam) beschreibt er nicht nur die Philosophie von Labonca, sondern entwirft Visionen für einen respektvolleren Umgang mit Tieren. Dabei spart er nicht mit Kritik am aktuellen System.

KURIER: Was genau ist die Idee, über Ihren Hof ein ganzes Buch zu schreiben?

Norbert Hackl: Um Labonca verstehen zu können, muss man auch den Hintergrund kennen. Viele Menschen besuchen uns und da zeigt sich, dass es sehr viele Fragen gibt. Mir ist wichtig, zu erzählen, warum wir das machen, warum es wichtig ist und dass dies vielleicht der einzige Weg für die Zukunft ist. Dabei geht es auch um Bewusstseinsbildung. Ohne die wird niemand Labonca-Fleisch kaufen. Wer kauft schon Fleisch, das drei Mal so teuer ist? Dafür braucht es Wissen. Und das versuchte ich zu vermitteln, ohne Besserwisser zu sein.  

Bis es so weit war, mussten sie aber so manchen Widerstand überwinden?

Zu Beginn wurden wir als Spinner belächelt. Man sagte, da hat sich ein Bauer ein Hobby geschaffen. Wie es dann an die richtige Vermarktung und unser Weideschlachthaus gegangen ist, wurde es ernst. So ernst, dass wir auch bekämpft wurden. Wir waren Andersdenkende, das hat viele Menschen so irritiert wie fasziniert. Unterstützung bekamen wir vor allem von den Medien, das half. Wir hatten ja kein Geld für Werbung. Mein Werbebudget ist die Freiheit der Tiere. Man wird nicht reich damit, aber es ist wichtig zu zeigen, dass es auch anders laufen und dass man respektvoll mit Lebewesen umgehen kann. Und dass der Wert des Fleisches erhalten wird.

Der Konsum von Fleisch und dessen Produktion wird zunehmend kritisch betrachtet. Dennoch steigt der Fleischkonsum. Wir erklären Sie sich diesen Fleischhunger?

Das enorme Wachstum betrifft hauptsächlich den asiatischen Raum, da werden wir mit Labonca wenig Einfluss haben. Aber auch bei uns ist der Hunger auf Fleisch da. Das hat mehrere Hintergründe. Meiner Meinung nach geschichtliche, der Trieb des Jägers ist auf Fleisch abgestimmt. Es ist aber auch der Geschmack, an den sich der Mensch gewöhnt hat.

Ginge es auch ohne Fleisch?

Ich bin davon überzeugt, dass wir ohne Fleisch gut leben könnten. Ich glaube zwar, dass es wichtige Nährstoffe liefert, aber es wäre durchaus möglich. Ich bin der letzte, der sagt, wir müssen Fleisch essen. Aber derweil lebe ich davon. Ich nenne mich vorsichtig Auswärtsvegetarier.

Und das heißt was?

Ich möchte aus mehreren Gründen kein anderes Fleisch essen, außer mein eigenes. Ein wichtiger Grund ist für mich auch die Energie, die da drinsteckt. Mich interessiert es nicht, Fleisch von einem Tier zu essen, das zu Tode gequält wurde, und in den letzten Minuten vor dem Tod panische Ängste ausgestanden hat. Diese Energie möchte ich nicht zu mir nehmen. Das ist meine subjektive Ansicht, darüber kann man lachen oder nicht. Deshalb war es mir auch wichtig: Wenn ich das Tier schon so gut halte, seinen Bedürfnissen gerecht, muss ich auch die Schlachtung so auf den Punkt bringen, dass es passt.

Gutes Stichwort: Gibt es überhaupt so etwas wie eine gute Schlachtung?

Schlachtung kann nie glücklich sein, maximal neutral. Ein Thema, über das ich viel nachgedacht habe. In welcher Situation muss sich ein Tier befinden, dass es keine Angst hat. Es muss sich in seiner gewohnten Umgebung befinden, wo es sich zufrieden fühlt. Das auf den Punkt zu bringen, war am schwierigsten, weil es Gesetze gibt, die darauf keine Rücksicht nehmen. Vielmehr geht es um Menge, Masse, niedrigen Preis und dass es schnell gehen muss. Aber mit unserem Weideschlachthaus ist das gelungen.

Das Buch heißt: „Dürfen Schweine glücklich sein?“ Wie würden Sie denn ein glückliches Schwein beschreiben?

Ich will nicht behaupten, dass Schweine Glücksgefühle haben. Ich weiß das nicht. Aber Glück empfindet man dann, wenn man ausleben darf und kann, was einem von der Natur mitgegeben wurde. Diese ureigensten Bedürfnisse. Ich habe mich damit auseinandergesetzt: Welche Bedürfnisse hat das Schwein? Es ist das Suhlen, Wühlen in der Erde, das Zupfen von Gräsern, das Essen von Würmern und Schnecken, das Laufen, das Galoppieren können. Ja, ein Schwein kann galoppieren, das weiß man ja gar nicht. Es ist wichtig, dass Mütter vor der Geburt ein Geburtsnest bauen können – das sagen ihre Hormone. Wenn sie das bauen, geht es dem Schwein gut, dann ist auch die Geburt gut. In dem Moment, wo das Schwein all das ausleben darf, ist es zufrieden. Diese Zufriedenheit ist für mich gleichgestellt mit Glücksgefühl.

Letztendlich auch eine Frage des Preises, oder?

Ja. Wenn man mit Menschen darüber spricht, sagen zwar eh alle, dass ein Schwein glücklich sein darf – und fügen hinzu: Aber wenn es nicht zu teuer kommt. Das ist das, was ich kritisiere: Es geht immer darum, was Fleisch maximal kosten darf. Aber auf das Glücksgefühl oder die Zufriedenheit der Tiere hat nie jemand geschaut.

Wir würden Sie den Charakter Ihrer Schweine beschreiben?

Grundsätzlich sind Schweine sehr neugierige und interessierte Tiere. Sie sind vorsichtig, soziale Kontakte sind wichtig, aber es ist nicht so, dass sie enge Freundschaften zu einem anderen Schwein schließen. Die sind immer in der Rotte untereinander und gleichwertig. Freundschaften oder Ehebeziehungen gibt es überhaupt nicht. Schweine sind sehr hormonell gesteuert. Man sagt ihnen eine hohe Intelligenz nach, aber weit vor der Intelligenz ist die Steuerung über die Hormone. Mit meinen ersten Schweinen hatte ich einen engen sozialen Kontakt. Die waren wie Hunde. Ich habe mit denen Stunden verbracht, um zu lernen, was sie tun und was sie brauchen. Ich konnte neben der Amanda ihre Ferkel kastrieren, das wäre undenkbar jetzt. Die hatte ein großes Vertrauen zu mir.

Ihre ganzjährige Freilandhaltung war sehr umstritten, viele meinten, das ginge gar nicht.

Das haben wir widerlegt, seit 15 Jahren halten wir unsere Sonnenschweine im Freiland. Damals hieß es, nur Mangalitza/Wollschweine halten das aus, weil die so viel Fett haben. Da frieren sie nicht im Winter. Aber Fett zu verkaufen ist schwierig. Daher habe ich nach anderen Rassen gesucht, die tolles Fleisch und viel intramuskuläres Fett haben – ich nenne meine Kreuzung Sonnenschweine. Im ersten Jahr habe ich dann geschaut, ob das stimmt, was die Leute sagen – dass die Ferkel im Winter erfrieren werden, dass der Fuchs die Ferkel holen wird etc.  Ich habe das nie geglaubt. Die Schweine haben noch Urinstinkte, deshalb war ich überzeugt, dass das funktioniert. Das hat sich dann auch im ersten Winter gezeigt. Die Tiere haben sich darauf eingestellt – haben sich bei Kälte zusammengekuschelt. Die Kälte ist weniger das Problem als die Hitze, weil Schweine nicht schwitzen können.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die EU-Agrarpolitik. Fleisch sei zu billig. Was wäre da Ihre Vision?

Ich würde mir wünschen, dass wir in Österreich keine Masse produzieren, um nach China zu exportieren. Sondern, dass wir die Energie dafür aufwenden, um der Feinkostladen Europas zu sein. Wir hätten das Potenzial dafür. Wir sollten uns nicht an den Großen orientieren. Fleisch sollte außerdem generell teurer werden, damit würde auch der Konsum sinken. Das würde uns allen gut tun, den Menschen, der Welt.

Was sagen Sie zu Menschen, die sich teures Fleisch einfach nicht leisten können?

Ich verstehe diese Situation, ich habe auch drei Kinder und bin Bauer. Aber das Argument „Es muss so billig sein, sonst kann man sich das nicht leisten“ zählt für mich nicht. Es ist nichts, was wir so dringend haben müssen. Wir können auch ohne Fleisch leben, natürlich ist es schwieriger, denn Fleisch ist schneller angebraten als etwa ein Strudel gemacht. Aber Gegenfrage: Was kann jetzt das Schwein dafür? Fleisch muss die Beilage am Teller sein.

Sie sagen, dass man mit dem Fleisch auch eine Form von Energie zu sich nimmt, abhängig von der Art der Haltung, Schlachtung...

Fleisch soll uns gut tun, es soll Kraft spenden und eine gewisse Form von Zufriedenheit geben. Schlechtes Fleisch ist keine Rechtfertigung, dass man dafür ein Tier tötet. Es ist in der Haltung eine Katastrophe ebenso wie in der Schlachtung und auch in der Verarbeitung. Warum soll ich das essen?

Essen Sie also nur Ihr eigenes Fleisch?

Wenn ich ein Biofleisch bei einem Freund bekomme, wo ich weiß, das ist glücklich gewachsen, esse ich das schon. Aber wenn ich mit meiner Frau auf Urlaub fahre, nehme ich keinen Schinken zum Frühstück. Da esse ich lieber Butter und Käse.

Über Labonca

Der Begriff „Labonca“ wurde aus der altslawischen Bezeichnung der Lafnitz  – „die Weißglänzende“ – abgeleitet. Er ist einer der ältesten Grenzflüsse Europas, die Feuchtwiesen, Gebüschzeilen und Fluss-Mäander dieses Tales sind ein Synonym für den Labonca Biohof. Dor gibt es auch eine eigene Labonca-Fleischerei mit  Salami-Werkstatt, Kaltrauchselch  Warmfleischverarbeitung. Es wird auf unverfälschte, traditionelle Produktionsmethoden gesetzt. Die Produkte enthalten ausschließlich Labonca-Fleisch, natürliche und biologische Einzelgewürze, Salz und Wasser und sind frei von künstlichen Geschmacksverstärkern, Citraten und Phosphaten.  Es gibt kommentierte Hofführungen -  einzeln oder für  Gruppen, mit Besuch des Verkaufslokals und der Weiden. Info: www.labonca.at

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