Genuss
14.05.2018

Ben & Jerry's-Eis: Zu gut, um wahr zu sein?

Millennials verlangen von Eis-Herstellern mehr als nur Geschmack – große Player bestimmen den Markt.

In der Halle ist es eiskalt, alles schimmert weiß und silbern. Menschen sind hier keine sichtbar, die Arbeit verrichten Maschinen. Alexander Webhofer nimmt einen Becher vom Band und schneidet ihn durch. Kritisch prüft er die Schokostückchen – sind es zu viele oder zu wenige, haben sie sich am Boden des Bechers gesammelt und schmeckt das Eis so wie am Tag zuvor?

Der Fabriksleiter von Ben & Jerry’s in Hellendoorn, Holland, kontrolliert jeden Tag um Viertel nach neun mit seinem Team die Eiscreme der vergangenen 24 Stunden.
Rund sieben Stunden braucht es vom ersten bis zum letzten Produktionsschritt. Zuerst muss die Masse gerührt werden, danach sorgen Schoko- oder Keksstückchen für Geschmack und dann braucht es noch rund 100 Minuten, bis die Eiscreme gefroren ist. Die Eis-Marke der Stunde besteht aus zwei Vornamen und hat bereits 40 Jahre am Buckel.

Vom Hippies-Eis zum Hipsters-Eis

Als Ben Cohen und Jerry Greenfield im Mai 1978 mit ihrem Eis in Vermont ( USA) starteten, hatten die Hippies ein Geschäftsmodell im Sinn, das auf sozialem, ökologischem und gesellschaftlichem Engagement beruht. Kennengelernt haben sich die Freunde im Teenager-Alter auf der Laufbahn am Schulgelände. Mit 26 waren die Männer beruflich wenig erfolgreich und kauften sich um fünf Dollar eine Broschüre, die einen Fernlehrgang über die Herstellung von Eiscreme enthielt. Weil Cohen an Anosmie leidet, also keinen Geruchssinn hat, mischte er immer viele Zutaten mit Biss in die Eiscremen.

Seit neun Jahren ist die Eis-Marke in Österreich präsent: Peace, Love und rohe Keksstückchen auf der Zunge scheinen bei den Millennials, den heute 20 bis 35-Jährigen, gut anzukommen. In allen Umfragen gibt diese Käuferschicht an, Marken mit Mehrwert zu wünschen. Aber was steckt hinter der Marke? Das Unternehmen aus Vermont gibt es so nicht mehr, wie es uns Marketingstrategen gerne weismachen wollen. Im Jahr 2000 kaufte der niederländische Multi-Konzern Unilever den kleinen Konkurrenten auf – heute würde man von einer feindlichen Übernahme sprechen. Cohen und Greenfield konnten ihren Aktionären keine finanziell interessantere Alternative bieten und verloren den Kampf – heute sind sie Angestellte und nicht mehr im Management involviert.

Mit Eis Politik machen

Die Marke setzt sich lautstark mit eigens kreierten Sorten und Marketingkampagnen für die Rechte Homosexueller ein oder beschäftigt Haftentlassene und Langzeitarbeitslose in jener US-Bäckerei, die die Kekse für die Eiscreme herstellt. Das Eis, das wir in Europa schlecken, wird in Hellendoorn hergestellt. Webhofer erkennt Unterschiede im Vergleich zu den USA im Markenauftritt: "Das Image ist das gleiche, auch in den USA hat Ben & Jerry’s ein Hippie-Image, aber die Bevölkerungen unterscheiden sich stark. Beispielsweise ist für Ben & Jerry’s die Polizeigewalt in den USA ein großes Thema gewesen, in Europa war es das nicht. Dafür haben wir in Europa für unsere Flüchtlings-Initiative große Beachtung bekommen."

Besonders wichtig ist dem Unternehmen ein Nachhaltigkeits-Management für Milchbauernhöfe, das unter anderem eine Weidegang-Prämie für Kühe vorsieht: 300 Milchbauern in den USA und Europa liefern die Milch für die Eiscreme. Ronnie Simons führt einen solchen Betrieb in 3. Generation. Im Gespräch mit dem KURIER bezeichnet sich der Holländer als "leidenschaftlicher Milchbauer mit Herz und Verstand", dessen Arbeitstag um 6 beginnt und im Sommer um 22 Uhr endet. Und er kann jede seiner 130 Milchkühe und 70 Jungtiere von hinten erkennen, von vorne wird es schon schwieriger.

Angesichts so viel Romantik stellt sich die Frage, ob das Eis der Hipsters wirklich so politisch korrekt ist. Anders als in Österreich sind Bio- und gentechnikfreie Zutaten weder in Holland noch in den USA marktbeherrschende Themen. Auch die niederländischen Milchkühe für das trendige Eis werden mit konventionellem Futtermitteln gefüttert. Für Ben & Jerry’s-Manager Tiemen Bloemberg ist Bio "in Bearbeitung".

Eiskalte Fakten: Der Markt in Österreich

Nein, wir sind keine Weltmeister beim Herstellen von Speiseeis: Italien war 2016 der größte Speiseeis-Produzent in der EU, Österreich war mit 1,87 Millionen Litern Schlusslicht unter den 19 Eis-Produzenten. Mit sieben Litern Eiscreme pro Kopf rangieren wir beim Verzehr nur im europäischen Mittelfeld, dafür hat kein anderes Land in Europa so viele Eissalons pro Einwohner.

In den Supermärkten nehmen Eigenmarken viel Platz in den Tiefkühlregalen ein: 2016 attestierte Greenpeace, dass Bio-Eis, veganes Eis oder Eis aus garantiert gentechnikfreier Tierhaltung fast ausschließlich bei den Eigenmarken zu finden ist. Aber die großen Player wie Unilever schlafen nicht: Seit heuer gibt es das erste vegane Cornetto auf Basis von Soja sowie das erste Bio-Solero. Seit Kurzem ist auch das Luxus–Eis Grom bei uns zu finden: Vor drei Jahren kaufte der Konzern die Marke, die angeblich ohne Konservierungsstoffe produziert.